Harald Martenstein Über nicht ganz perfekte Eltern

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 47/2015

Neulich fiel mir auf, dass mein politisches Denken sich in zwei Liedzeilen der Band Pink Floyd zusammenfassen lässt: "We don’t need no education / We don’t need no thought control". Ich würde das allerdings nur für Erwachsene fordern, Kinder brauchen Erziehung.

Ich glaube, ich habe schon wieder einen Fehler gemacht. Das war, als ich angefangen habe, über meine späte Vaterschaft zu schreiben. Seitdem werde ich wieder mal mit bösartigen Mails zugeschüttet, ich habe die Toleranz der Gesellschaft überschätzt. Ein Typ wie ich sollte dafür sorgen, dass sein Kind abgetrieben wird, so lautet der Subtext nicht weniger Briefe.

Du schreibst irgendwas über dein Leben, weil du einer von diesen Kolumnisten bist, die so was tun, sonst gibt’s kein Geld. A column is a song without music. Jeder lebt anders. Im Grunde lebt keiner richtig, sofern du deine Art für die einzig richtige hältst. Aber wenn du denkst, es gibt so was wie richtig und falsch bei der Ausgestaltung einer immerhin nicht kriminellen Biografie, dann, Sweetie, leidest du unter einem momentary lapse of reason, das ist auch von Pink Floyd. Statt über mein Leben zu erzählen, sollte ich eine Rakete bauen, mit der ich alle Spießer zum Mars schieße. Braindeads welcome.

Wenn ich wenigstens geschieden wäre, in einer anderen Stadt als das Kind lebte und eine Patchworkfamilie hätte – so etwas scheint für ein modernes Kind unterm Strich ja besser zu sein als ein alter Sack mit großem Latinum und ohne Account bei Parship. Ich habe natürlich nichts gegen Patchworkfamilien, es ist nur ein Beispiel dafür, dass es fast nie ein perfektes Elternhaus gibt.

Kürzlich ist sogar ein Zeitungsartikel erschienen. Eine Autorin beschreibt, angeregt durch mich, wie sehr sie unter ihren alten Eltern gelitten hat. "Etwas ärgerlich wurde ich zum ersten Mal auf meine Eltern, als ich mit 12 oder 13 verstand, was das Down-Syndrom ist. Eine Behinderung, die mich hätte treffen können, eher als andere. Aber der Ärger verging wieder."

Die Eltern haben dem Mädchen offenbar nie erklärt, wie Kinder entstehen. Mama und Papa tun das. Es ist nicht der Klapperstorch. Das heißt, du kannst dir nicht mithilfe des Storches eine andere Mama und einen anderen Papa aussuchen. Wenn du diese Eltern nicht hättest, dann würde es dich halt nicht geben. Du kannst nicht dein "Ich" nehmen und es vor der Geburt zu einer anderen Mama tragen. Aber das ist vielleicht zu kompliziert.

Die Frau sagt, sie sei traumatisiert, weil ihr Vater im Krieg war und mit Todesangst in einem brennenden Waggon gesessen hat und weil er davon erzählte. Deswegen gab es nie ein Silvesterfeuerwerk. Wie können Eltern ihrer Tochter so etwas antun? Ich bin dafür, auch Babyklappen für Heranwachsende einzurichten, XXL-Klappen. Wenn sich eine Heranwachsende darüber beschwert, dass ihr Vater aus dem genannten Grund kein Feuerwerk ertragen kann, dann bringen die Eltern das Mädchen zu der Klappe. Ein sehr großer Storch erscheint und bringt das herzlose Geschöpf zu einer Patchworkfamilie mit Parship-Account.

Außerdem schrieb sie, dass sie unter dem Musikgeschmack ihrer Eltern gelitten habe. Die Eltern hätten immer Adriano Celentano gehört. "Die Eltern meiner Mitschüler wussten dagegen, wer Pink Floyd war."

Da wurde ich nachdenklich. Menschen, die nicht einmal wissen, wer Pink Floyd war, dürfen legal Kinder haben? Als Fan von Pink Floyd macht mich das etwas ärgerlich.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

vor 4000 Jahren schrieb man in dem IGing einem Wahrsage Lehrbuch über das Ying und Yang und das Leben: "Nicht ist einfacher zu vermeiden und schwerer durchzusetzen als einem Kind den Willen zu brechen."
Kinder die sich über den Musikgeschmack der Eltern ärgern, das sind genau die, die Kraft haben werden unsere Welt auf einen Mittelkurs zu bringen? Ich glaube nicht. Das Iging meinte, dass unser Art der Freiheit dazu führte, ein Leben lang nicht zufrieden zu sein.. 25% der Deutschen depressiv, 40% alkoholabhängig.

Naja... Nach Lektüre des Artikels auf den sie Bezug nehmen ( http://www.tagesspiegel.d... ) Muss ich sagen dass die autorin das ganze lang nicht so scharf geschrieben hat wie es nun bei Ihnen klingt. Der Schlusssatz machts vielleicht deutlich: "Ich finde es nicht schlimm, alte Eltern zu haben. Aber ich denke, es hilft allen Beteiligten, wenn man sich die Besonderheiten klarmacht. "

Ihr Alter ist ja eigentlich zweitrangig. Ihr Kind kommt aus einem gut versorgten Bildungsbürger-Haushalt. Es wird also in 20-30 Jahren auf der schönen Seite der großen Mauer wohnen, und die brennenden Elendsviertel nur aus den Nachrichten kennen.