Die großen Fragen der Liebe: Darf er ihren Stress ignorieren?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 47/2015

Die Frage: Obwohl sie mit zwei Buben im Krippen- und Kindergartenalter im Urlaub waren, sind Meike und Henry ganz entspannt zurückgekommen. Dann bricht alles auf einmal über Meike herein, die sich neben ihrem Halbtagsjob um die Kinder kümmert. In der Krippe wird gestreikt, Verwandte haben Besuch angekündigt. Henry hält sich für einen engagierten Vater: Er übernimmt gerne die Kinderarbeit, wenn Meike am Wochenende verreist. Jetzt geht er jeden Tag in die Arbeit und wundert sich am Abend darüber, dass Meike so gestresst ist. An einem Abend will er mit Freunden ausgehen. Er präsentiert sich seiner Frau: "Findest du, dass mir der blaue Anzug noch steht?" Meike schreit ihn an: "Du denkst nur an dich! Dass ich völlig fertig bin, scheint dich nicht zu interessieren!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Partner händigen einander keine Gebrauchsanweisung aus, in der sich Anleitungen finden wie "bei Stress schweigen" oder "bei Stress nachfragen!". Henry sollte aber Meikes Neigung kennen, lieber zu schweigen, als ihren Mann zu bitten, ihr etwas abzunehmen. Vielleicht findet er Meikes Neigung zur Selbstausbeutung sogar praktisch. Er fragt lieber nicht nach, weil er dann Meike Arbeit abnehmen müsste. Und da er ohnehin Meikes Ansprüche an Ordnung im Haushalt und Förderung der Kinder übertrieben findet, lässt er sie mit ihrem Stress allein. Das führt in eine Sackgasse. Es tut der Liebe besser, bereits bei kleinen Zeichen einer Überforderung nachzufragen, was hilfreich wäre – und umgekehrt Hilfe einzufordern, solange das noch mit guter Laune geht.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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