Tee-Zeremonie Kampf ohne Schwert

Wie die Teezeremonie das Leben des Autors Christoph Peters komplizierter gemacht hat – und viel schöner Von
ZEITmagazin Nr. 47/2015

Gegen Ende der Arbeit an dem Roman Mitsukos Restaurant, dessen heimliches Zentrum eine kostbare antike Teeschale ist, hatte ich zu Recherchezwecken sämtliche Utensilien für die japanische Teezeremonie zusammengetragen. Deren zentrale Abläufe hatte ich mir so oft auf YouTube angeschaut, dass ich in einem Zustand technischer Nüchternheit war, als ich all diese Gerätschaften eines Nachmittags auf dem Wohnzimmerteppich anordnete, das detailgenaueste Video auf dem Laptop einschaltete und anfing, stur nachzuahmen, was die Teemeisterin auf dem Bildschirm vormachte. Danach war ich einige Wochen lang hauptsächlich damit beschäftigt, mit der linken Hand eine Schöpfkelle aus Bambus vom Rand einer leeren Kupferschüssel zu heben, mit der Rechten einen kleinen Bambusknauf dort herauszunehmen und neben dem eisernen Teeofen zu platzieren.

Wieder und wieder stellte ich das Video zurück auf Anfang und begann von vorn, denn so viel wusste ich inzwischen: Welche der traditionellen japanischen Künste auch immer ich lernen wollte, ob Bogenschießen, Ikebana oder eben die Teezeremonie, es bedeutete, dass ich meine individuellen Eigenarten vergessen und die Bewegungen des Meisters so lange wiederholen musste, bis sie zu meinen eigenen geworden wären. Nach einigen Monaten schaffte ich mir für die Teezeremonie noch eine zusammenklappbare Tatami-Matte an, die immer öfter liegen blieb, bis sie zusammen mit dem gusseisernen Ofen als fester Teeplatz in unserem Wohnzimmer etabliert war.

Angefangen hat meine Faszination für die Teezeremonie, japanisch chanoyu – "heißes Wasser für Tee", vor über zwanzig Jahren, als ich den Film Tod eines Teemeisters von Kei Kumai sah, in dem ebenso poetisch wie dramatisch vom Leben und Sterben Sen no Rikyūs (1522 bis 1591) erzählt wird, der überragenden Gestalt unter den japanischen Teemeistern. Rikyū diente den größten Heerführern dieser Epoche und gab der Zeremonie ihre bis heute überlieferte Form. Aus feinsinnigen Anfängen in den Studierzimmern einzelner Gelehrter wurde sie unter seiner Führung zum Ritual des Kriegeradels – oft fand vor der Schlacht eine letzte Begegnung feindlicher Generäle im Teeraum statt – und avancierte schließlich zum japanischen Nationalkult. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Kunsthandwerkern, darunter dem sagenumwobenen Erfinder der Raku-Keramik Tanaka Chōjirō, entwickelte Rikyū einen ganzen Kanon neuer Gefäßtypen und Gestaltungsmuster für die Teezeremonie, die noch immer die japanische Ästhetik prägen. Nach neun Jahren im Dienst eines Heerführers zog er sich jedoch aus Gründen, die im Dunkeln liegen, dessen Zorn zu und musste seppuko, rituellen Selbstmord, begehen. Die Teezeremonie war offensichtlich eine Sache auf Leben und Tod. In Kei Kumais Film hieß es denn auch: Tee – das ist "der Weg des Kampfes ohne Schwert".

All das interessierte mich brennend, lange bevor ich meinen ersten Matcha getrunken hatte. Ohnehin wäre es aussichtslos gewesen, Ende der achtziger Jahre am Niederrhein nach diesem kostbaren Pulver aus staubfein gemahlenen Teeblättern zu suchen, und eine Chawan, die große, speziell für dessen Zubereitung gefertigte Schale, hätte ich mir gar nicht leisten können.

Meine erste Teeschale, eine Raku-Chawan, deren Schwarz eine geradezu unheimliche Tiefe hatte, bekam ich, kurz bevor ich mit dem Schreiben von Mitsukos Restaurant anfing, von meiner Frau zum Geburtstag. Als ich sie aus der signierten Kiste nahm, hielt ich vor Ehrfurcht den Atem an: Ohne Zweifel handelte es sich um einen sakralen Gegenstand von hohem Rang, und es dauerte mehrere Tage, ehe ich mich traute, darin Tee aufzuschlagen. Das Ergebnis war ein Sud voller Klümpchen, der so bitter schmeckte, dass sich mir die Mundschleimhäute zusammenzogen. Da ich jedoch davon ausging, dass ein Schüler in Japan, unabhängig davon, auf welchen der traditionellen Wege er sich begibt, von seinem Meister an die persönlichen Schmerzgrenzen geführt wird, nahm ich die anfänglichen Misserfolge als Prüfung, die es in Geduld und Beharrlichkeit zu bestehen galt.

Zunächst arbeitete ich daran, die Geschwindigkeit beim Hin- und Herschlagen des Bambusbesens zu erhöhen, um wenigstens die Klümpchen zu beseitigen. Ich kaufte Bücher zum Thema, las allerhand Tiefsinniges über kulturhistorische Bedeutung und spirituelle Dimensionen der Teezeremonie, doch leider stand nirgends, wie man rein handwerklich eine wohlschmeckende Schale Tee zubereitete. Schließlich versuchte ich mein Glück bei einem anderen Teehändler, der deutlich hochpreisigere Sorten im Angebot hatte und mir in einem längeren Beratungsgespräch versicherte, dass ich begeistert sein würde, wenn ich seinen Tee aus einem Zwanzig-Gramm-Döschen zu vierzig Euro versucht hätte. Zugleich wies er mich darauf hin, dass das Wasser bei der Zubereitung auf keinen Fall zu heiß sein dürfe, maximal 80, besser 70 Grad, weshalb ich auch gleich ein Teethermometer kaufte, das fortan erst im Ausguss des Wasserkochers, später in der Tülle meines japanischen Eisenkessels steckte.

Tatsächlich war der Unterschied zwischen dem teureren Tee und dem, den ich vorher angerührt hatte, gewaltig. Statt irgendwo zwischen Grün, Grau und Senfgelb zu changieren, leuchtete das Pulver schon beim Öffnen der Dose wie eine hochreaktive chemische Substanz. Der Eindruck steigerte sich noch, als ich es in der schwarzen Schale aufschlug: Der Frühling selbst hätte nicht grüner sein können! Zugleich stieg ein würziger Duft auf wie von frisch gemähtem Gras, und ich begriff, dass der bitter-muffige Geschmack der billigen Matcha-Sorten, den ich monatelang hingenommen hatte, nichts mit asketischer Disziplinierung, sondern mit minderer Qualität zu tun gehabt hatte.

Natürlich waren all diese Versuche, die ich in meiner Küche zwischen Espressomaschine und Toaster durchführte, von der eigentlichen Teezeremonie unendlich weit entfernt. Zwar geht es auch da zunächst und in erster Linie darum, eine perfekte Schale Matcha zuzubereiten, doch daneben ist die Zeremonie ein bis ins kleinste Detail choreografiertes Ritual im Geist des Zen, das eher mit Katas, den exakt festgelegten Bewegungsabläufen im Karate, verwandt ist, als mit irgendeiner Art von Küchenarbeit.

Eine lange Teezusammenkunft kann vier Stunden dauern. Neben dem Tee werden dann erlesene Speisen und Sake gereicht, der Gastgeber ordnet die Kohlen im Ofen nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten neu an und brennt kostbares Räucherwerk ab. Einen Schwerpunkt bildet die Betrachtung und Erörterung der verwendeten Gefäße sowie der Bilder, Kalligrafien und Blumenarrangements in der Tokonoma – einer abgesetzten Nische, die zu jedem Teeraum gehört. Dazwischen gibt es Pausen, in denen die Gäste sich im Garten aufhalten, während der Gastgeber den Raum umdekoriert. Wenn er alle Vorbereitungen – vom Sägen der eigens für diesen Zweck hergestellten Kohle über das Mahlen des Tees in einer steinernen Mühle bis hin zur Zubereitung der dazugehörigen Speisen – eigenhändig übernommen hat, ist er vorher mindestens noch einmal die gleiche Zeit alleine beschäftigt gewesen. Eine lange Teezeremonie kann der Ehrung eines Staatsgastes dienen oder einen bedeutenden Geschäftsabschluss begleiten. Kürzere Versionen dienen manchmal einfach nur dem gehobenen Kaffeeklatsch oder sind für Kunstliebhaber Gelegenheit, einander ihre Neuerwerbungen zu zeigen.

Ich selbst war fürs Erste ganz zufrieden damit, einen Matcha, der gut schmeckte und eine für die Arbeit am Schreibtisch unvergleichlich angenehme Konzentration nach sich zog, in einer schönen Schale zuzubereiten.

Doch im Exposé des Romans stand für das vorletzte Kapitel der Satz: "Mitsuko macht für Achim Teezeremonie."

Zunächst hatte ich gedacht, es sei damit getan, mir den Ablauf auf Video anzuschauen, doch dann dämmerte mir, dass es für die Beschreibung Mitsukos in dieser zentralen Szene entschieden besser wäre, wenn ich wüsste, wie diese Verrichtungen sich gleichsam von innen anfühlten. So bereite ich seit vier Jahren nahezu täglich Tee auf die traditionelle Weise zu – meist allein, mal für meine Frau und meine Tochter, die das alles immer wieder auch ziemlich skurril finden. Mit der Dreiviertelstunde, die es samt allen Vor- und Nachbereitungen dauert, eine Schale Tee zu bereiten, ist es allerdings bei Weitem nicht getan: Monatelang habe ich mich in weiteren Experimenten mit der Wasseraufbereitung beschäftigt, da das Berliner Wasser viel zu hart für guten Tee ist. Seit Längerem korrigiert ein älterer Freund, der 25 Jahre lang Schüler des Großmeisters der Edosenke-Teeschule in Tokio gewesen ist, meine Bewegungsabläufe und hilft mir beim Erlernen neuer Formen, denn am Ende ist die persönliche Unterweisung doch unersetzlich.

Jede Woche verbringe ich viele Stunden mit der Teezeremonie und habe festgestellt, dass sich dadurch meine Wahrnehmung verändert hat: Im Nachvollziehen der reduzierten wie vollendet funktionalen Gesten, wird mir immer wieder vor Augen geführt, wie fahrig, unkonzentriert, ja sinnlos die meisten meiner Verrichtungen im Alltag sind, sei es, weil ich sie für nebensächlich halte, sei es, weil ich vermeintlich bedeutsamen Gedanken nachjage, während ich in Wirklichkeit zum Beispiel Kartoffeln schäle.

Es scheint, als hätten die Teemeister dem Bewegungsablauf der chanoyu ein Geheimnis eingeschrieben, das dem, der sie vollzieht, dabei hilft, sich selbst zu erkennen. Wie bei allen vom Zen geprägten Wegen geht es darum, den sprunghaften Geist des Menschen zu überlisten, damit er sich mit nichts anderem beschäftigt als mit dem, was jetzt, in diesem Augenblick, ansteht, und dadurch zur Ruhe findet. Denn auch wenn die Zeiten der Samurai lange vorbei sind und selbst in Japan keine Teemeister mehr zu rituellem Selbstmord verurteilt werden – jeder Augenblick ist einmalig und unwiederbringlich: eine Sache auf Leben und Tod.

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Ich finde Rituale und Traditionen ja manchmal durchaus schön und auch (z. B. psychologisch) "nützlich", aber was ich partout nicht ab kann, dann sind es solche Vorschriften, die einem sagen, "so und nicht anders, musst du es tun!". Nicht alle Geschmäcker und Gemüter sind gleich. Vielleicht mag ich die Bitterstoffe, die entstehen, wenn ich meinen Kaffee mit kochendem Wasser (anstatt mit irgendwas exakt um die 83°C oder so warmem) aufgebrüht habe? Vielleicht möchte ich meinen Matcha-Tee lieber links als rechtsrum rühren und vielleicht sogar mit einem Löffel... "In Italien würde man nie Meeresfrüchte auf eine Pizza legen"... "die traditionelle xxx ist aber mit yyy". Mir doch Wurst! Glaube ich erstens nicht und selbst wenn's so wäre, könnte ich doch auch nichts für den mangelnden italienischen Einfallsreichtum. Aber irgendwelche neuen hippen kreationen aus ihren NY-Fusion-Food-Blogs vergöttern... Und dann diese Leute, die einem solche Regeln gerne aufschwatzen wollen: Hippi-Hipster-Business-Typen mit ganz schlimmen Spießer-Anwandlungen. Vielleicht würde mich manche auch ein bisschen in diese Schublade stecken, aber zumindest beim Essen, bin ich sehr pro laissez-faire...