"Beverly Hills 90210": Lieber Brandon

ZEITmagazin Nr. 49/2015
Der schönste Milchbubi der Welt ist Justin Bieber? Nein, das war immer Brandon aus der TV-Serie "Beverly Hills 90210". Eine Liebeserklärung Von

Du warst meine erste und einzige Fernsehliebe, und ich weiß, ich bin damit nicht allein. Ich hatte nie Boyband-Poster in meinem Kinderzimmer hängen, aber meine Samstagnachmittage in den neunziger Jahren waren für Dich reserviert, wenn auf RTL Deine Serie lief. Beverly Hills 90210, über eine ultracoole Clique von Teenagern, eine Welt, die so unendlich weit weg war von meiner Kindheit in Berlin (9.309 Kilometer sind es bis nach Los Angeles), die so fremd und vielleicht genau deshalb so begehrenswert erschien. Und im Mittelpunkt der Clique warst Du, Brandon – meine erste Liebe. Mädchen wollten Deine Freundin sein, und Jungs wollten so sein wie Du oder zumindest Deine Wirkung auf Mädchen haben.

Ich gebe zu, ich hatte Dich vergessen, natürlich nie so ganz, also sagen wir besser: Ich hatte lange nicht mehr an Dich gedacht. Auch die Erinnerungen an die erste Liebe verblassen mit der Zeit. Aber vor drei Monaten in Amsterdam bist Du plötzlich wieder aufgetaucht und hast mir direkt in die Augen gesehen. Ohne Vorwarnung. Ich stand in einem Vintage-Laden, stöberte in den Kleidern – und entdeckte ein T-Shirt, auf das Dein Gesicht aufgedruckt ist. Leiser Freudenschrei von mir!

20 Euro hat das T-Shirt gekostet, aber die warst Du mir wert. Die Verkäuferin hatte Wehmut im Blick, als sie mir das T-Shirt in die Tüte legte. Und ich bin mir sicher, dass auch irgendwie Eifersucht in der Luft lag. Doch zu spät, jetzt gehörtest Du mir.

Zu Hause habe ich sofort Deinen Namen bei Google eingegeben und mir Bilder von Dir angeschaut. Einer der vorgeschlagenen Suchbegriffe war übrigens: "Brandon Beverly Hills heute". Ich bin also nicht die Einzige, die Dich vermisst und wissen möchte, was aus Dir geworden ist.

Jason Priestley, der Dich neun Staffeln lang gespielt hat, hat heute Falten, und auch durch den Bart, den er trägt, ist dieser Milchbubi-Effekt, für den Du so berühmt warst, verschwunden. Bitte versteh mich nicht falsch: Normalerweise mag ich es, wenn in Gesichtern die Geschichten des Lebens zu sehen sind. Aber bei Dir ist das anders. Deine blauen, ach so treuen Augen, die leicht nach oben gegelten Haare, das verschmitzte Lächeln und Deine feinen, femininen Gesichtszüge, wo sind sie hin?

Lieber Brandon, Du ahnst, was mir mit Dir seitdem passiert: Wenn wir beide gemeinsam durch die Straßen laufen, also Du in Form eines Prints auf meinem Shirt, gehören Dir die Blicke, nicht mir. Du bringst Gesichter zum Strahlen.

Vor Kurzem war ich in New York. Ein Sonntag, Brunch in Brooklyn. Die Kellnerin, wahrscheinlich Mitte 20, bringt mir einen überteuerten 25-Dollar-Burger an den Tisch und murmelt irgendwas, das ich nicht richtig verstehe, bis auf ein "Oh, so cute", so süß. Ich bin kurz davor, mich bei ihr zu bedanken, merke aber dann, dass ihre Augen gar nicht in meine schauen, sondern in Deine. Wie aus einem Beschützerreflex heraus streiche ich mit meiner Hand über Deine aufgedruckten Haare und antworte ihr: "Oh yes, wasn’t he?" – "Oh my God", sagt die Kellnerin, "he totally was."

Nach dem Essen stehe ich in der Schlange vor den Toilettenräumen und merke, wie zwei Frauen, Anfang 30, am Tresen sitzen und aufgeregt tuscheln. Dann zeigen sie mit Fingern auf mich. Sie hatten Dich entdeckt. Ich drehe mich um in der Hoffnung, dass sie bald wieder wegschauen, da starrt mich aus der offenen Küche der Koch an, hält den Daumen hoch, nickt und ruft geradezu enthusiastisch Deinen Namen durch das Lokal: "BRAAAAANDON!" Auf dem Weg zurück zu meinem Tisch hält mich eine der beiden Frauen vom Tresen kurz am Arm fest, zeigt auf Dich und sagt: "Wir vermissen ihn so."

Brandon, für uns Kinder der neunziger Jahre wirst Du immer für den Glamour amerikanischer Popkultur stehen, für Sehnsucht, Drama, Eifersucht und Begehren – all das hast Du in Beverly Hills 90210 verkörpert.

Zurück in Berlin, ein italienisches Restaurant im Westen der Stadt. Ich sitze meiner 91-jährigen Großmutter gegenüber. Aus dem Nichts fragt sie: "Ist das dein neuer Freund?" Da nur wir zwei am Tisch sitzen, frage ich zurück: "Wen genau meinst du?" – "Na, den da auf deinem T-Shirt." Kurze Pause meinerseits. "Nein, das ist Brandon. Das ist eine Figur aus einer amerikanischen Serie." Ich bemerke die Enttäuschung im Gesicht meiner Oma. "Ach so", sagt sie. Ich musste ihr versprechen, lieber Brandon, jemanden zu finden, der Dir ähnlich sieht. Aber wie soll das gehen? Dich gibt’s und gab es ja eigentlich auch nie im wahren Leben. Nur noch auf DVD und auf YouTube. Und auf meinem T-Shirt.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

hubertus00

#1  —  18. Dezember 2015, 15:39 Uhr

lol! Sorry , abgesehen vom Aussehen und dass er Schauspieler ist, faszinierend was an ihm ? ? ?

Antwort:
-- Weil er Schauspieler ist.
-- Wegen seines Aussehens.
Genau, gute Analyse, danke.

Flipflip

#2  —  19. Dezember 2015, 12:51 Uhr
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Oh ich feiere es so, endlich mal wieder was über IHN und 90210 lesen! Vielen Dank an die Autorin. Meine Kumpels und ich zählten damals (ich heute eigentlich immer noch..) zu der wohl eher winzigen Gruppe von männlichen Ultrafans. Frisur, umgekrempeltes T-Shirt, der Blick...- man imitierte Jason Priestley irgendwie. Er war der James Dean jener Zeit. Es ging nicht so sehr um das Bubi- Streber- Image, das er als Brandon in der Serie verkörperte. Vielmehr sahen wir in ihm und seinem Stil (und natürlich Luke Perry mit Porsche 356 Speedster!) die Wiederauferstehung der Rockabilly-Coolness, die in den Neunzigern - jedenfalls in unserer Ausgehkultur - ein Revival erlebte. Samstagmittagritual: Kaffee und 90210. Samstagabendritual: Budweiser und Rock'nRoll in einem Fifties-Schuppen, der aussah wie das berühmte "Peach Pit" in der Serie. Denn im echten Leben waren diese Jungs gar nicht brav, sondern rauchende (und saufende) Rebellen. Aber natürlich war 90210 mit allen Darstellern und dem vertrauten "Walsh"-Haus auch eine Art Zweitfamilie - die uns sagenhafte zehn (!) Jahre lang durch unsere gesamte Jugend begleitet hatte. Einmalig und bis heute als Teenie-Serie unerreicht.