Ich habe einen Traum Eva-Maria Lemke

"Ich dachte, Tennis muss das Allerschönste auf der Welt sein"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 49/2015

Manchmal befällt mich eine große Schüchternheit, und deswegen gerate ich immer wieder in Situationen, in denen mir die Worte fehlen: wenn ich mich ungerecht behandelt fühle oder Gemeinheiten miterlebe. Von diesen Erlebnissen träume ich dann. So oft, bis sie für mich gelöst sind. Irgendwann finde ich im Traum die richtige Antwort. Oder mein Gegenüber verändert sich, wird weicher, verständnisvoller.

Ein bestimmter Traum hat mich lange begleitet. Zuerst war er noch sehr unscharf, über Monate wurde er immer plastischer: Ich stehe an einem Maschendrahtzaun und sehe von außen auf einen Tennisplatz. Irgendwann betrete ich das Spielfeld. In einem späteren Traum wird auf dem Platz dann auch gespielt. Schließlich taucht eine Frau auf, die mich davonjagt. In diesem Moment wurde mir klar, dass dieser Traum eine Erinnerung ist.

Ich bin in Ost-Berlin geboren, meine Eltern haben 1988 einen Ausreiseantrag gestellt. Die ersten Wochen lebten wir in einem Auffanglager in Wuppertal. Ich war sechs Jahre alt.

In der Nähe des Wohnheims gab es einen Tennisplatz. Tennisplätze hatten damals eine besondere Wirkung auf mich, sie waren ein Symbol des Westens. Der Grund war eine Milchschnitte-Werbung, die mich schwer beeindruckt hatte: zwei Mädchen in weißer Kleidung, mit glänzenden blonden Pferdeschwänzen, die mit dem Cabrio zum Tennisplatz gefahren wurden. So etwas hatte ich noch nie gesehen, ich dachte, Tennis muss das Allerschönste auf der Welt sein.

Mit den anderen Kindern aus unserem Wohnheim in Wuppertal habe ich oft am Zaun zu einem Tennisplatz in der Nähe gestanden und zugesehen. Irgendwann haben uns zwei Männer eingeladen, ihre Balljungen zu sein. Wir haben uns großartig amüsiert. Bis eine Frau auf den Platz kam, mich und die anderen Kinder entdeckte und uns verscheuchte. So wie man ein lästiges Tier verscheuchen würde. Für mich war das der Moment, in dem ich begriffen habe, dass ich anders war, dass ich nicht dazugehörte. Ich war ein Mensch zweiter Klasse, ein Schmuddelkind. Ich habe große Scham empfunden, etwas, was ich vorher nicht kannte. Ich war aufgewühlt, panisch. Lange glaubte ich, ich hätte die Ablehnung verdient und die Reaktion dieser Frau sei gerechtfertigt gewesen.

Wenn ich heute sehe, wie aufgebrachte Menschen vor Flüchtlingsheimen Parolen skandieren, fasst mich das in besonderer Weise an. Ich frage mich, wie die Menschen mit der Missachtung zurechtkommen, die ihnen entgegenschlägt – eine Erfahrung, die ich nur in homöopathischer Dosis gemacht habe. Uns wurde ein ähnlicher Argwohn entgegengebracht: Es hieß, dass wir uns bereichern wollten und an etwas teilhaben, das uns nicht zustehe.

Ich habe damals keine Worte für meine Gefühle gefunden, auch mit meinen Eltern habe ich nicht darüber geredet. Vor wenigen Jahren dann bin ich in meinem Traum nicht mehr vor der Frau weggelaufen. Ich habe widerstanden. Dadurch hat sich die Situation gelöst, und meine Scham und meine Schuldgefühle verschwanden. Als ich wach wurde, wusste ich, dass ich diesen Traum nie wieder träumen würde.

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