Harald Martenstein: Über Xavier Naidoo, Lena und andere belastete Tonkünstler

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 49/2015

Den Eurovision Song Contest schaue ich mir immer an. Der Sänger Xavier Naidoo darf beim nächsten Contest nicht auftreten, weil er angeblich homophob und rechtsradikal ist. Er selber bestreitet dies, aber was bedeutet das schon? Da hab ich mir gedacht, am besten nehmen sie wieder Lena Meyer-Landrut. Das wäre ein Nullrisiko. Sie war schon zweimal dabei und hat sogar mal gewonnen.

Ich habe dann mal Lena gegoogelt und bin bei einer wissenschaftlichen Arbeit des Bielefelder Geschlechterforschers Sebastian Winter gelandet. Es ist offenbar genderwissenschaftlich erwiesen, dass Deutschland schon in den Jahren 2010 und 2011 beim Contest von einer Rechtsradikalen vertreten wurde. Lena, schreibt Dr. Winter, stehe für den "Partypatriotismus", eine "völkische Gemeinschaftsideologie", die eine "Wiederkehr des Hurra-Patriotismus von 1914" darstelle. Lena entspreche weitgehend dem Bild des "Mädels", dem Idealbild der Nazis von einer jungen Frau. Als Beweis wird das ZEITmagazin zitiert, welches Lena, sachlich wohl zutreffend, als "frisch und offen" bezeichnet hat. Hauptbeweis aber ist das Tattoo auf Lenas Ferse, da steht: "Non, je ne regrette rien", der Titel eines Chansons von Edith Piaf. Übersetzt heißt es in dem Chanson: "Nein, ich bereue nichts. Es ist abbezahlt. Ich pfeife auf die Vergangenheit!", im Grunde ist dies das NPD-Parteiprogramm. Lena ist schlimmer als Xavier Naidoo – und die anderen Länder haben es nicht mal gemerkt! Aus dem von Dr. Winter zitierten Lena-Lieblingsspruch "Verdammte Axt!" lassen sich Rückschlüsse auf die Waffen ziehen, mit denen die Lena-Nazis diesmal die Welt erobern wollen. Die deutschen Panzer sind ja meistens kaputt.

Lena ist außerdem heteronormative Sexistin, dies habe ich auf der antisexistischen Seite Der zweite Blick gefunden. In ihrem Siegersong Satellite vertritt Lena das Frauenbild von vorgestern. Textzitat: "Für dich habe ich mir die Haare gestylt, ich folge dir, wohin du auch gehst, du bestimmst das Tempo." Solche Marschlieder wollen wir auf deutschem Boden nie wieder hören.

Da dachte ich, bei aller Kritik, die ich an der Genderforschung habe, zumindest ist sie unterhaltsam. Aber wen könnten sie dann nehmen, wer ist politisch unbelastet? Nena geht ja auch ein bisschen in die Mädel-Richtung. Und es gibt den Rassismusvorwurf gegen Nena, weil sie zu einem schwarzen Sänger gesagt hat, er habe den Reggae "im Blut". Helene Fischers Lied Atemlos wurde bei rechten Veranstaltungen gespielt, monatelang! Ich mag ja eine Punkband, die international einen guten Ruf hat, nicht als homophob gilt und nicht ins Mädel-Schema passt: Die Ärzte. Aber als ich den Liedtext von Backpfeifengesicht gelesen habe – "Was ist, Arschloch? Aufs Maul? Wenn du Sterbehilfe brauchst, sag Bescheid!" –, war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob das im Rundfunkrat mehrheitsfähig ist. Westernhagens jüngstes Album heißt Alphatier, mehr muss man nicht wissen. Grönemeyer wurde im Tagesspiegel vorgeworfen, er fische "in populistischen, niveaulosen Pfützen", Rammstein verbietet sich von selbst, und bei den sehr jugendaffinen Culcha Candela kann sogar Mick Jagger in puncto Sexismus noch etwas lernen: "Sie hat den monsta Body und ihr monsta Boom Boom gibt mir den Kick."

Es ist ein Abgrund. Es gibt so viele sittlich-politisch belastete deutsche Tonkünstler, dass man für den Contest eigentlich auch gleich Heino nehmen könnte. Was die deutsche Unterhaltungsbranche jetzt dringend braucht, ist die Gründung einer "Aktion saubere Tonspur".

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren
Chaperone
#1  —  22. Dezember 2015, 9:49 Uhr

Herr Martenstein könnte einen mit dem Mist fast versöhnen. Aber im Ernste - diese Veranstaltung ist mittlerweile grotesk und lächerlich. Und von Deutschland quasi im Alleingang finanziert. Damit sich die Länder des ehemaligen Ostblocks für nicht marktfähigen Pop gegenseitig Punkte geben. Was soll das? Können wir diese Millionen nicht lieber den KITA-Erziehern zugute kommen lassen, die wochenlang wegen ein paar Kröten streiken mußten?

Was sagt man nur einem "PUNKTator"? Vielleicht das hier: "Ich habe nur eine Bitte: Sollte ... das Wort Blödsinn oder Stumpfsinn ... vorkommen, so ersetzen Sie es meinethalben durch Wahnwitz oder Tollheit oder dergleichen ... es geht auf die Dauer nicht an, einen Humor ... mit diesen zwei üblen deutschen Philister- und Bierbankausdrücken, in denen sich , wie Sie hieraus erraten, die Mehrzahl meiner "Kritik" gefällt, abzustempeln".
(Christian Morgenstern, 1910; als Motto vorangestellt von: Robert Gernhardt/Klaus Cäsar Zehrer, Hell und Schnell, 2004)

Nicht schon wieder.
Herr Martenstein, ich habe es verstanden, Sie mögen diesen Genderkram nicht. Super, dann sind wir zwei. Aber ständig *irgendwie* auf die Genderleute einzuschlagen, hat den Zeitpunkt des Beginns der Langweile doch längst überschritten. "Cola und Limo" war noch sehr witzig (und ein wenig gemein, egal), dies hier ist nur noch gewollt. Wenn schon Spott, dann bitte gut überlegt und formuliert, das darf von Ihnen erwartet werden.
Davon abgesehen bin ich nicht sicher, ob Ihre Ausführungen richtig sind. Winter schreibt doch offensichtlich etwas über den Hype, der 2010 um Lena entstanden ist. Das ist aber etwas völlig anderes als zu sagen, sie sei eine "Rechtsradikale". Das ist aber die Pointe der Kolumne. Egal, abhaken.
Im neuen Jahr darf es dann gerne etwas frischeres sein.