Istanbul: Die haben einen Vogel

© Cemre Yeşil und Maria Sturm
In Istanbul gibt es einen schönen und befremdlichen Brauch: Singvögel werden in verhüllten Käfigen gehalten, um die Menschen mit ihrem Gesang zu erfreuen. Von
ZEITmagazin Nr. 49/2015

Man erkennt sie in den Straßen Istanbuls nur, wenn man um sie weiß: Männer mit geheimnisvollen kleinen Kisten unter dem Arm. Aus den Kisten kommt ein Lied. Das nämlich eines Vögelchens. Die Männer fangen die wild lebenden Singvögel ein und sperren sie in einen Käfig. Nicht etwa, um sie zu verkaufen, sondern um ihrem Gesang zu lauschen. Der Käfig wird mit Stoff verhüllt, was dazu dient, die Tiere vor zu viel Stress zu bewahren. Denn unter Stress singen sie nicht. Den Käfig trägt sein Besitzer wie eine Musikbox durch den Tag.

Es gibt in der Stadt etwa 15 Kaffeehäuser, in denen sich die Vogelmänner treffen. Dort sitzen sie beieinander und hören dem Zwitschern zu, das aus den verschatteten Käfigen erklingt. Erweist sich einer der Vögel als schlechter Sänger, wird sein Besitzer gebeten, das Café zu verlassen – die anderen Vogelmänner haben Sorge, das unmusikalische Tier könne einen schlechten Einfluss auf ihre Vögel haben.

Singvögel zu fangen hat in Istanbul eine Tradition. Den Brauch hat man von den Griechen übernommen, die hier zur Zeit des Osmanischen Reiches lebten. Mit einem begabten Vogel ließ es sich einst herrlich prahlen. Als die Stadt noch stiller war, fiel ein Mann auf, wenn er einen Käfig bei sich hatte, aus dem wunderbarer Gesang ertönte.

Heute gibt es noch einige Hundert Vogelmänner in Istanbul. Und selbstverständlich gibt es keine Vogelfrauen. Es ist eine Gemeinschaft aus einer anderen Zeit. Wenn man heute bei der Vogeljagd erwischt wird, zahlt man eine hohe Strafe. Zwar stehen die beliebtesten Vögel der Vogelmänner, Stieglitz und Grünfink, nicht unter Artenschutz. Doch aus gutem Grund ist es nun mal auch in der Türkei verboten, wilde Tiere einzusperren. Die Männer riskieren die Strafen. Einen Vogel in einer Tierhandlung zu kaufen kommt für sie nicht infrage. Ihrer Ansicht nach können domestizierte Vögel einfach nicht singen.

Es gab eine Zeit, da waren Tiere ein Mittel zum Zweck. Tiere hatten keine Rechte. Die meisten Vogelmänner haben die Kunst des Vogelfangs von ihren Vätern gelernt. Und die meisten können sich kein Leben ohne Vogelgesang vorstellen. Finken singen ähnlich wie Kanarienvögel, sie zwitschern, tschilpen und gurren. Der Gesang eines Vogels ist ein komplexes Lied, man braucht ein ganzes Leben, um es zu verstehen. Die Vögel markieren mit ihren Lauten ihr Revier, sie wollen außerdem ihre Vitalität zur Schau stellen. Vögel, die in großen Gemeinschaften leben, singen primitive Lieder. Begabt sind die Solisten. Sie müssen Konkurrenten fernhalten und die Aufmerksamkeit potenzieller Nistpartner über große Distanz hinweg gewinnen.

Die Tradition der Vogelmänner in Istanbul stirbt aus. Nicht nur wegen der modernen Tierschutzverordnungen. Es finden sich auch immer weniger junge Leute, die Lust haben, sich die Anstrengungen des Vogelfangs anzutun. Das ist gut für die Vögel. Nur schade, dass sich bald vielleicht niemand mehr die Mühe machen wird, ihnen so aufmerksam zuzuhören.

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Mh, der Autor scheint wirklich nicht viel von der Materie zu verstehen. Selbst in Deutschland gibt es diesen Brauch, der mittlerweile sogar unter UNESCO-Schutz steht: https://www.unesco.de/kul... Frage: Was ist ein wildes Tier? Man kann diese Vögel in der Gefangenschaft vermehren, auch wenn diese im sprachlichen Umgang als Wildvögel gelten. Ich selbst hatte vor Jahrzehnten als Jugendlicher einen Stieglitz und einen Erlenzeisig. Die waren handzahm. Diese Erfahrungen möchte ich nicht missen. Heute kann ich ca. dreiviertel der Singvogelarten an Ihrem Gesang erkennen und gebe das an meinen Sohn weiter. Sicher besser als halbgehirnamputiert an der Playstation zu sitzen.

Gelöschter Nutzer 5073
#4  —  24. Dezember 2015, 3:48 Uhr

Es gibt ein Lied in englischer Sprache, das dieses Verhalten sehr gut beschreibt.
Der Titel dieses Liedes ist: My Songbird. Gesungen wird es von der amerikanischen Sängerin Emmylou Harris und auf YouTube zu hören.
Und zum letzten Satz dieses Artikels. Man gehe früh am Morgen in den Park und höre in der angestammten Umgebung dieser wunderbaren Tiere ihrem Gesang zu.
Bei den Menschen werden diese Vögel bald ihren schönen Gesang vergessen haben. Dann bin ich eher dafür sie, wie die Hühner aufzuessen als einzusperren.
Aber wir sind noch nicht bereit sie freizulassen, wie es in dem Lied heißt.