Sexuelle Gewalt: Chronik eines Skandals

Die Erzieherinnen sollen sich noch mal zu den Vorwürfen äußern. Dafür hatten sie, so Gerke, eine Viertelstunde Zeit: nachdem der Generalvikar, der Justiziar der Kirche und die Kita-Behördenleiterin sich vom Pfarrer informieren lassen haben – und bevor die Eltern zum Gespräch in der Kita erscheinen. Der Brief sei den Erzieherinnen ja bekannt. "Entweder", so habe es geheißen, sagt Anna Gerke, "Sie erklären uns, dass Sie das jetzt anders machen, oder wir zeigen Sie an." Anna Gerke wiederholt: Sie könne nichts anders machen – solange sie nicht wisse, was. Von diesen schweren Übergriffen habe man nichts mitbekommen.

"Die Aussage der Erzieherinnen erschien uns wenig glaubhaft", sagt der Generalvikar Giebelmann im Juli im Gespräch mit dem ZEITmagazin. Zu schwer hätten die Vorwürfe gewogen. Der Kita-Leiterin wird nahegelegt, die Leitung abzugeben, was sie auch tut.

Am Freitag, dem 5. Juni, erhalten die Eltern einen Brief, gezeichnet vom Pfarrer und einem Vertreter des Trägers, das ist die Kirchengemeinde. Darin heißt es, es sei in Gesprächen mitgeteilt worden, "dass es in unserer Kita seit Längerem wiederholt zu Gefährdungen des Schutzes und des Wohles von Kindern kam". Über das Ausmaß sei man zutiefst bestürzt und beschämt. Vom folgenden Montag an gebe es hierzu Einzelgespräche. Die führt jetzt eine kommissarische Leiterin, die auch die andere Kita der Gemeinde leitet.

Während diese mit den Eltern spricht, setzen sich die Erzieherinnen zusammen und versuchen, so Anna Gerke, sich Klarheit zu verschaffen. Es gibt von der Kirche eine Entschuldigung für etwas, wovon sie nichts wissen. Was sie aber auch nicht widerlegen können. Sie grübeln, sie zweifeln, sie sind verunsichert. Sie machen eine Liste, die sie der kommissarischen Leiterin geben, auf der sie alle Schubsereien, Rangeleien und Verwundungen der letzten Monate notieren. "Wir haben gemeinsam überlegt: Der hat sich mal unten gekratzt – vielleicht war da was?" Vom wunden Po bis zur Platzwunde kommen sie auf 53 Fälle. Aus diesen 53 mehr oder weniger alltäglichen Vorkommnissen werden auf dem Weg in die Medien: "schwere sexuelle Gewalt, Übergriffe und Erpressung unter 53 Kindern".

Die kommissarische Leiterin, das erfährt Anna Gerke von Eltern aus der Kita, habe den Eltern den Brief Silke Beckers gezeigt und gesagt: "Das ist passiert. Monatelang. Die Erzieherinnen haben davon gewusst."

Die Gefühle kochen hoch, Gerüchte und Urteile. Was machen Vorverurteilungen mit einem Menschen? Wenn man Anna Gerke gegenübersitzt und zuhört, dann sieht man einen Menschen, der seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr richtig traut. Und der anderen mehr zuzutrauen scheint. Der Mutter. Der kommissarischen Leiterin. Den Experten. Der Kirche. Den Medien, Anna Gerke wirkt wie jemand, dem alle Gewissheiten zerschlagen wurden. Sie setzt auf die Ermittlungen. Aber die brauchen viel Zeit.

Am Dienstag, dem 9. Juni 2015, liest sie abends online, was am Tag darauf in der Lokalzeitung stehen wird. Da spricht der Generalvikar Giebelmann von "Perversitäten sexueller Gewalt" in der Kita Maria Königin. Eine Mutter, Journalistin, hatte den Brief, den die Eltern von der Kirche bekommen hatten, der Allgemeinen Zeitung gegeben. Daraufhin unterrichtet das Bischöfliche Ordinariat die Staatsanwaltschaft. Ein Ermittlungsverfahren wird eingeleitet: Es muss jetzt geprüft werden, ob es zu "strafbaren Verletzungen der Aufsichtspflicht durch das in der Kindertagesstätte eingesetzte Personal gekommen ist". In dem Artikel wird der Direktor der Mainzer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Michael Huss, zitiert. Er kenne den Katalog der Vorfälle und könne das Ausmaß kaum fassen. Es gehe "weit über das hinaus, was man unter Doktorspielen kennt". Ob Huss in den zwei Tagen zwischen der Benachrichtigung der Eltern und seiner öffentlichen Stellungnahme schon Kinder und Eltern in seiner Praxis gesehen hat, mag der Psychiater einige Wochen später nicht sagen und beruft sich auf seine Schweigepflicht. Ihn als Therapeuten interessiere, wie die Kinder und deren Eltern mit ihren Traumata umgehen. "Ob ein William Golding in seinem Roman Herr der Fliegen unheimlich genau Sadismus unter Kindern beschreibt – oder ob es wirklich in einer Kita passiert, macht für mich nicht den großen Unterschied." Ob Fakt oder Fantasie – er behandle die Angst.

Am 11. Juni erfährt Anna Gerke durch eine Pressemitteilung des Bischöflichen Ordinariats, dass ihr und ihren Kolleginnen fristlos gekündigt wurde. Drei Jahre hat sie in dieser Kita gearbeitet. Sie ist fassungslos, auch darüber, dass sie von ihrer Kündigung aus der Zeitung erfährt. Warum, fragt sie sich, redet denn keiner mit uns?

Professor Huss, den die Kirche den Eltern als Ratgeber empfohlen hat, ist jetzt auf allen Kanälen zu vernehmen. Im Autoradio hört die Mainzer Oberstaatsanwältin Andrea Keller, wie sich der Experte gerade fragt, "ob Kinder bereits Missbrauchserfahrungen gemacht haben oder ob sie Pornofilme sahen". Keller wiederum fragt sich: Wie kann er darüber in der Öffentlichkeit spekulieren?

Sie setzt auf ihre Ermittlerin Ines Rose, die bekommt vier Kollegen zur Seite. Bei der Polizei haben sie einen Vernehmungsraum mit einer niedrigen runden Bank, einem großen Teddybären und Videokameras. Fragen seien, sagt Keller, offen zu stellen und nicht suggestiv, Körpersprache müsse mit ausgewertet und die Gutachter müssten sensibilisiert werden. Anders als in den Neunzigern. Da gab es in Mainz die Wormser Prozesse, einen der größten Justizirrtümer der Bundesrepublik. Damals wurden 25 Eltern des massenhaften Kindesmissbrauchs beschuldigt, ihre Kinder in Heime gebracht, dort zum Teil missbraucht. Nach drei Prozessen gab es 1997 Freisprüche in allen Fällen. Der Vorsitzende Richter begann sein Urteil mit dem Satz: "Den Wormser Massenmissbrauch hat es nie gegeben." Und: "Bei allen Angeklagten, für die ein langer Leidensweg zu Ende geht, haben wir uns zu entschuldigen." Es war jene Zeit, als sexueller Missbrauch erstmals breit thematisiert wurde. Was zu Aufklärung – aber eben auch zu verheerenden Vorverurteilungen führen konnte. Keller, damals als junge Juristin am rheinland-pfälzischen Justizministerium für Sexualdelikte zuständig, sagt: "Wenn Sie ›Mainz‹ und ›Missbrauch‹ googeln, kriegen Sie immer noch Treffer." Aber seither habe sich etwas geändert. Die Ermittlungsmethoden seien besser geworden.

Die Polizeibeamtin Ines Rose, die neben ihrem Job Psychologie studiert hat, hockt ein paar Wochen nach dem Beginn der Ermittlungen in dem Vernehmungsraum und spielt die Befragung eines Kindes durch: "Ich bin die Ines Rose, und wer bist denn du? Und wie alt bist du denn? Ah, da gehst du ja noch in den Kindergarten. Der hat gerade zu? Aha, warum denn? Da haben Kinder sich was Schlimmes angetan? Was denn? Hast du das gesehen? Nein? Von wem weißt du das denn? Von der Mama? Und woher weiß es die? Aus der Zeitung? Ach so. Und dann? Wie ging es dann weiter?"

Kinder haben eigene Worte und einen eigenen Kopf. Rose hat selbst drei großgezogen und sagt: "Für nicht wenige Kinder in einem bestimmten Alter ist untenrum alles ›Po‹. Wenn dir einer was in die Hose steckt, kann das auch ›Po‹ sein." Anna Gerke weiß das. Sie fragt sich nur: Wie wurden aus den Steckis in der Bild Stöcke? Im Internet sprechen sie mittlerweile von Gabeln.

Kommentare

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Danke für den Bericht - es ist ja nicht das erste Mal, daß überreagiert wurde, als der Verdacht des sexuellen Mißbrauchs aufkam.
Natürlich muß dieser verfolgt werden, es wäre ein Unding, hier zu verharmlosen - aber auch im Interesse der Kinder, der Eltern, der Erzieher ist es sicherlich kontraproduktiv, mit unbewiesenen Verdächtigungen an die Öffentlichkeit zu gehen.
[...]
Man wünscht sich, daß mehr der gesunde Menschenverstand zum Tragen kommt als aufgewühlte Emotionen.

Gekürzt. Bitte sehen Sie von Bemerkungen ab, die als Drohungen aufgefasst werden können. Danke. Die Redaktion/dd

Zielspieler_1895
#3  —  3. Dezember 2015, 15:04 Uhr

>>"Der Vorsitzende Richter begann sein Urteil mit dem Satz: "Den Wormser Massenmissbrauch hat es nie gegeben." Und: "Bei allen Angeklagten, für die ein langer Leidensweg zu Ende geht, haben wir uns zu entschuldigen." Es war jene Zeit, als sexueller Missbrauch erstmals breit thematisiert wurde. Was zu Aufklärung – aber eben auch zu verheerenden Vorverurteilungen führen konnte."

Hübsch formuliert. Wer dazu mehr wissen will, sollte die SPIEGEL-Artikel von Frau Friedrichsen aus den 1990er Jahren lesen, wofür sie heftig aus dem feministischen Spektrum kritisiert wurde.

Diese "Vorverurteilungen" waren kein "Versehen" oder "Übersteuern", es war gezielte feministische Hetze die Menschen wie Ute Plass dazu bewegte ganz gezielt und manipulativ Familien zu zerstören und Erzieher in den Knast zu bringen.

Es wurden sogar Turnhallenböden aufgerissen, weil im feministischen Wahn darunter geheime Tunnel der Kinderschänder vermutet wurden. Diese Zeit ist eine Mahnung wie wichtig die Unschuldsvermutung ist...

Die Folgen dieses feministischen Furors merken wir noch heute, insbesondere Männer in KiTas, die ihre Jobs kündigen wegen der Verdächtigungen kündigen müssen, darüber spricht keiner...

Danke für den Artikel! Das sind die Mechanismen der Mediendemokratie. Ab dem Zeitpunkt, in dem Brief an die Öffentlichkeit gegangen ist und die erste Zeitung ihre Skandalschlagzeile hatte - gab es da noch einen Ausweg?

- Die Kirche prescht nach vorne: Irgendwie verständlich im Falle von etwas, was nach Kindesmissbrauch klingt. Die wissen genau, wie die Schlagzeilen aussehen, wenn sie sich schützend vor die Erzieher stellen.
- die anderen Eltern: sind selbst unsicher und wissen nicht was stimmt. Und selbst, wenn sie es für Blödsinn hielten - da geht doch keiner in die Öffentlichkeit und wirft sich der Meute freiwillig dem Fraß vor

Da gab es für die Erzieher kein Entkommen. An die journalistische Ethik zu appelieren, ist vermutlich zwecklos. Gut, dass die Justiz sich hier nicht treiben ließ.