Die großen Fragen der Liebe Hat sie die Familie zerstört?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 50/2015

Die Frage: Nach einer schweren Geburt von Zwillingen hat sich Nika einigermaßen erholt und kommt mit den Mädchen gut zurecht. Ihr Mann Max ist erleichtert. Als Eltern verstehen sich Max und Nika tadellos, aber Max ist unzufrieden damit, dass Nika nicht in ihr früheres Interesse an der Erotik zurückfindet. Er hat es mit Abwarten und Zureden versucht, mit Rückzug, mit Drohungen – aber zu mehr als "Wenn es denn sein muss" war Nika nicht zu gewinnen. Die Zwillinge sind in die erste Klasse des Gymnasiums gekommen, als Nika wieder Interesse am Sex gewinnt. Max ist erleichtert – bis er herausfindet, dass sie ein Verhältnis mit einem Bekannten hat. Nika will die Familie nicht aufgeben, Max will das eigentlich auch nicht, aber es hagelt Vorwürfe: "Du hast die Familie zerstört!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Zu den vernünftigen Reformen des Familienrechts gehört die Preisgabe des Schuldprinzips, in dem ja der Grundsatz steckt, Liebe lasse sich erzwingen. Allerdings zeigen die Vorwürfe in Ehekrisen, wie wenig sich diese Reform in den Gefühlen der Partner abbildet. Da Max und Nika in kein ernsthaftes Gespräch über die erotische Leere zwischen ihnen fanden, zerfiel die erotische Basis lange vor dem Seitensprung. Nika hatte sich zurückgezogen. Aus ihrer Perspektive erlöst sie die heimliche Liebe von einer Depression; aus der Perspektive von Max hat sie einem anderen gegeben, was ihm zusteht. Wenn sie nicht in einen konstruktiven Umgang zurückfinden, werden sie sich als erotisches Paar trennen. Dann sollten sie darauf achten, dass sie als Eltern weiter zusammenarbeiten.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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