Männer!: Der Typ mit dem Sack

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Männer Kolumne DIE ZEIT Nr. 52/2015

Diese Kolumne ist allen Männern gewidmet, aber einmal im Jahr, wo Weihnachten ist, muss eine Ausnahme erlaubt sein. Wir fokussieren die Gedanken heute auf einen einzigen Typen. Er könnte allerdings stellvertretend für viele Männer stehen, die alle in der Früh im gleichen erwartbaren Outfit aus der Tür stürzen und ihren Jobs zurasen, termingetrieben, bis der Puls jagt, keine Zeit haben, mit den Kindern zu basteln, zu backen oder für das letzte Diktat vor den Ferien zu büffeln, er ist ein Perfektionsneurotiker, burnoutgefährdet – ja, es ist der Weihnachtsmann.

Erste Frage: Ist er ein Mann?

Das Weihnachtsmann-Outfit macht eine Klärung dieser Frage unmöglich. Bodenlange Kutten tragen heute nur noch Kamelhüter auf touristischen Märkten in der Sahara, in Europa nur Frauen, die damit böse auffallen. Ich habe dieser Tage mehrfach versucht, einem an mir vorbeirasenden Weihnachtsmann die Frage zu stellen, wie er zum Burka-Verbot stehe und ob auch er wie so viele Anhänger der westlichen Kirchen die körperverhüllende Kleidung ablehne und sich lieber ausziehen würde – funkelnde Augen. Es war nicht festzustellen, ob sie vor Tränen funkelten. Ob dies Tränen des Leidens oder der Wut waren. Möchte der Weihnachtsmann von seiner Burka erlöst werden, fürchtet er das? Möchte er einfach eine schickere? Will er, dass Karl Lagerfeld sich kümmert? Da wegen der aufgeklebten wie mit Puderzucker bestäubten Haare im unteren Gesichtsbereich und auf der oberen Kopfzone auch das Mienenspiel nicht abzulesen ist – war weder zu klären, was er denkt, noch, was er fühlt oder das Geschlecht. Das Vermummungsverbot (§ 17 a Abs. 2 des Versammlungsgesetzes) wird hier von der Obrigkeit so nachlässig durchgesetzt wie das Verbot, mit unbeleuchteten Fahrrädern auf Bürgersteigen zu rasen, was wie der Weihnachtsmann ebenfalls in den dunklen Tagen zum Jahresende verstärkt vorkommt.

Es ist jedenfalls offensichtlich, dass die Weihnachtsmann-Stimme stets künstlich abgesenkt ist. Warum? Weil sie höher ausgelegt ist als die 125 Hz, die männertypisch sind? Weil der Weihnachtsmann eine Weihnachtsfrau ist und versucht, die für Frauen typischen 250 Hz runterzutunen, weil neulich in der Zeitung stand, dass 250 Hz auf viele, gerade auf Männer, enervierend wirken? Es bleibt ein Rätsel. Bis auf damals. Aber 20 Jahre her. Ein Weihnachtsmann klopfte Heiligabend und schleppte einen Sack ins Zimmer. Die Kinder bemerkten, erst flüsternd, dann kreischend, dass er dieselben Schuhe hatte wie unser Nachbar Thomas. Der Weihnachtsmann holte ein Kaninchen aus seinem Sack. Tiere zu verschenken ist absolutely daneben. Es kann also nicht der Weihnachtsmann gewesen sein.

Zweite Frage: Warum ist der Weihnachtsmann so allein? Es gibt Abertausende von Weihnachtsmännern, er war einer der Ersten, die sich globalisierten, aber – allein. Verbirgt sich unter der Kutte das letzte, in Hollywood vermisste, Männer-Exemplar "Einsamer Wolf"?

Letzte Frage: Warum heißt es stets, der Weihnachtsmann sei alt? Selbst in Hoho schubidubi, dem hübschen Kindergartenlied, heißt es: "Ruhe, Frieden, ein Jahr Pause braucht der alte weise Mann." Alt ist so was von OUT, es sei denn, man modelt Frauen-Dessous für American Apparel, und das war letztes Jahr. Und "weise"? Nennen sich nur noch diese Wirtschaftsweisen, die alle Jahre wieder falschliegen. Was man vom Weihnachtsmann glücklicherweise nicht sagen kann.

Ich habe versucht, dem Weihnachtsmann auf Twitter zu folgen, es gibt dort viele – alle fake. Es wird kommen wie alle Jahre wieder, der Typ und seine Klone sind plötzlich weg und alle Fragen offen.

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