Dance: Tanzen heißt kämpfen

Sie lacht heiser, als sie davon erzählt. Wir haben uns in dem kleinen Café gegenüber der Tanzschule On Stage in Hamburg getroffen. Es ist unser erstes Gespräch in sieben Jahren, wir sitzen uns gegenüber wie bei einem Blind Date. Als ich erfahre, dass sie 51 Jahre alt ist, lache ich ungläubig auf. Liegt es an den braunen Locken oder ihrer glatten Stirn, dass sie so mädchenhaft aussieht? Das Tanzen muss sie jung gehalten haben.

Draußen vor den Fenstern heult ein kalter Wind auf. Sonya trägt eine schwarze Trainingsjacke mit Daumenlöchern, sie schlingt ihre Arme um den Körper. Obwohl sie nun seit 23 Jahren in Deutschland lebt, hat sie sich immer noch nicht an die Kälte gewöhnt.

Anfangs kamen ihr die Deutschen so fremd vor. Sonya war es aus ihrer Heimat gewohnt, ihren Unterricht komplett zu improvisieren, doch ihre neuen Schüler kamen damit nicht zurecht. Sie wollten wissen, wie genau man den rechten Arm heben sollte, auf welcher Zählzeit der Sprung saß. Sonya war davon oft überfragt. "Am Anfang dachte ich, dass sie meinen Unterricht nicht mochten, weil ihre Gesichter so blank waren", erzählt sie, "sie kamen mir so schläfrig vor."

Man muss sich auch frei fühlen, um im Tanz Perfektion zu erreichen.

Man könnte meinen, dass so etwas Universelles wie Tanzen keine kulturellen Grenzen kennt. Doch Sonya ist vom Gegenteil überzeugt: In Kolumbien zeigen die Menschen gern ihre Körper, sie sind offen und stolz. Deswegen liegen ihnen verführerische, schnelle Tänze wie Salsa oder Merengue. In Deutschland hingegen sind die Menschen verkopft, sie wollen keine Fehler machen und feilen endlos an ihrer Technik, statt aus sich herauszugehen. Deswegen mögen sie das abstrakte Tanztheater – eine Kunstform, die zum Teil ohne Musik auskommt.

Ist sie hier glücklich? Sie seufzt.

Mit den Jahren hat sich der Traum vom Tanzen zu einem Alltag verhärtet, der sich um die Versorgung der Familie, niedrige Honorare und die große Frage nach der Zukunft dreht. Nachdem Sonya ihr zweites Kind bekam, stellte sie fest, dass sie es sich nicht mehr leisten konnte, auf der Bühne zu stehen: Einen Babysitter für die Probezeiten und Auftritte zu bezahlen, hätte mehr gekostet, als sie bei den unregelmäßigen Engagements verdient hätte. Sie trennte sich von Carlos, der nach Kolumbien zurückging, die beiden Kinder blieben bei ihr.

Wie so viele Künstler entschied sich Sonya, nicht mehr selbst aufzutreten, sondern nur noch andere zu unterrichten. Es ist ein harter Job, mit wenig Anerkennung oder Sicherheit. An sechs Tagen die Woche gibt sie Tanzstunden in acht verschiedenen Tanz- und Fitnessstudios, die über die Stadt verteilt sind. Sie unterrichtet Musicalschüler, die nach dem Abschluss in den großen Theatern des Landes anheuern. Ausländische Tänzer, die in Hamburg gastieren. Und Freizeitsportler wie mich. Ich liebe ihren altmodischen Drill, weil er mich jeden Freitag für anderthalb Stunden von den Abwägungen meines Multioptionslebens befreit.

Ihren Lehrerjob verfolgt Sonya mit derselben Disziplin, mit der sie sich der Kunst gewidmet hat. Auch wenn sie krank ist, setzt sie nicht aus. Selbst ihr Anfängerkurs ist anspruchsvoll. Schüler, die sich mit Zipperlein herausreden, enttäuschen sie. Der Schmerz gehört zum Tanzen wie der große Spiegel an der Wand, der jeden Tänzer mit seinen Imperfektionen konfrontiert. Sonyas Unterricht ist nichts für Weicheier und gerade deshalb so beliebt.

Wie lange ihr Körper dieses Leben noch mitmacht, weiß sie nicht. Sie fragt sich manchmal, ob es doch besser gewesen wäre, wenn sie damals Marinebiologie studiert hätte. Dann verwirft sie den Gedanken wieder – ohne das Tanzen hätte sie niemals das Leben geführt, das sie hierher geführt hat. Doch sie weiß: Sie muss etwas ändern. Gerade hat sie eine Fortbildung in Pilates absolviert. Ihrer 25-jährigen Tochter hat sie geraten, etwas Vernünftiges zu machen. Die hatte auch mal den Traum vom Tanzen.

Ein paar Tage später sehen wir uns im Studio wieder, fast dreißig Leute sind heute gekommen. Da ist die unnahbare Blonde, die ihr Bein höher kriegt als alle anderen und sich immer in die erste Reihe stellt. Die hübsche Französin mit den beneidenswerten Bauchmuskeln und ihren zwei Freundinnen, den ungarischen Zwillingen. Weil sie alle Pferdeschwanz tragen und neonfarbene Tops mit schwarzen Hosen kombinieren, wirken sie wie Drillinge.

Anspannung, Entspannung. Der Körper eines Tänzers bewegt sich zwischen Extremen.

Sonya läuft durch die Reihen und steuert die Anlage in der Ecke an. Wie so viele Tänzer dreht sie automatisch ihre Füße nach außen und drückt die Brust heraus, sodass ihr gesamter Körper wie ein leichter Schrägstrich nach vorne weist. Ohne weitere Erklärung macht sie die Musik an, wir beginnen, die Übungen abzuspulen. Jede Stunde beginnt mit einem durchchoreographierten einstündigen Block, den man nur verharmlosend als Warm-up beschreiben kann: Isolationen, Contractions, Pliés, Tendus, Jetés, Développés, Dehnungen, Sit-ups, Liegestützen, Battements, Pirouetten, Sprünge.

Im Spiegel beobachte ich die Gesichter der anderen und stelle fest, dass sie vor lauter Konzentration tatsächlich blank wirken. Ich denke an Sonyas Worte und versuche, nicht deutsch oder verkopft zu tanzen. "Open your hair!", ruft Sonya, als wir endlich bei der Choreographie angekommen sind. Mit weiten, präzisen Schwüngen schwebt sie über den Linoleumboden, während wir an der Fensterseite stehen und versuchen, uns ihre Bewegungen zu merken. Es ist eine typische Jazz-Choreographie zu dem Song Are You The One: viel Hüfte, viel Haar, viel Flirt. Ich stelle mich seitlich zum Spiegel. "Five, six, seven"-Blick.

Ich wiege meine Hüfte, springe nach vorne, drehe mich zur Seite, gleite auf den Boden. Ich verhaue eine Drehung und tanze in den nächsten Takt wieder hinein. Vor mir flattern Haarschleier durch die Luft. Sonyas Stimme schneidet in die Musik, ich weiß nicht, ob sie Worte von sich gibt oder nur Töne. Irgendwas ist heute anders. Vielleicht liegt es an den offenen Haaren. Oder an der Choreographie, die das Verführerische aus all diesen Frauen herausholt. Am Ende der Stunde klatscht der ganze Saal.

So muss es immer in Kolumbien gewesen sein. Damals, als Sonya noch von einem Leben als Tänzerin träumte.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Nope, Schmerz gehört nicht automatisch dazu - es gibt leider viel zu viele Tanzschulen, die von Orthopädie keine Ahnung haben.

Es gibt inzwischen sportmedizinische Untersuchen die belegen, das die meisten Ausfälle und vorzeitigen Karriereenden von Berufstänzern von falschem Ballettunterricht herrühren.

Richtig ausgeführt sollte man vor allem als Amateur keine Nachwirkung von Tanzunterricht spüren - Muskelkater ist natürlich möglich wenn man das Fitnessniveau noch nicht erreicht hat.

Auch Profis können nicht jahrelang Verletzungen durchschleppen - hier hat z.B. die Reformschule von Maggie Black viel bewirkt. Meine alte Ballettlehrerin ist hierdurch z.B. vom kurz vorm Totalausfall mit 26 gerettet worden, sie tritt jetzt mit 60 immer noch ab und an auf.

Es ist halt ein Unterschied, ob man sich nach "alter russischer Schule" schindet oder man die Freude hat das alle Gelenke reibungslos laufen und nur der Schweiß tropft - ich hab mit über 40 nach 90 Minuten modern mit Sprüngen, mehrfachem Bodenpart in der Choreographie etc. keine Nachwirkung. Ein Lehrer mit einer profunden Ausbildung in Tanzpadagogik und Tanzmedizin ist hier viel Wert, mehr als er leider verdient.

Ich verstehe weder etwas von Anatomie, noch Tanzen noch Medizin, aber ist es wirklich eine gute Tanzschule, die verlangt, selbst verletzt voll im Training mitzumachen? Bei manchen Tanzschulen kommt es mir vor, dass nur weil jemand selbst gut tanzen kann, er oder sie denkt, er könne auch unterrichten. In andern Sportarten haben Trainer (Grund-) Kenntnisse über Sportmedizin, Anatomie und Muskelaufbaumethoden. Ein guter Unterricht sollte doch aus mehr bestehen, als einfach eine komplexe Choreo nachzutanzen? Gerade auch um langfristig die Gesundheit zu erhalten. Wie gesagt, ich bin Laie. Vielleicht liege ich da ja falsch.