Die großen Fragen der Liebe Hätte sie ihn warnen müssen?

ZEITmagazin Nr. 6/2016

Die Frage: Nach der Geburt eines Kindes hat Irene nicht wieder in die erotische Nähe zu ihrem Ehemann Sebastian zurückgefunden. Sie hat viel über ihr sexuelles "Versagen" nachgedacht, konnte es aber mit Sebastian nicht besprechen, weil er gekränkt reagierte. Sebastian flüchtete in die Arbeit, in zwei Urlauben gab es Versuche, die Irene als Katastrophe erlebte. Sie spürte nichts, wollte aber Sebastian nicht enttäuschen und war fassungslos, dass er ihre Unlust nicht bemerkte. Jetzt hat Irene eine erotische Beziehung mit der Mutter eines Spielkameraden ihres Sohnes angefangen. Sie blüht auf, Sebastian aber ist außer sich, als er davon erfährt. Da hat er geduldig gewartet, bis sich Irene erholt, und jetzt das! "Dass ich jetzt nicht mehr depressiv bin, scheint dich nicht zu interessieren!", sagt sie.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Angesichts sexueller Probleme ist die Ausrede beliebt, dass sich die Lust schon wieder einstellen wird. Es ist sicher richtig, anzunehmen, dass Wunden manchmal von selbst heilen. Aber Konflikte einfach ruhen zu lassen, Rückzug hinzunehmen, wenn eine Beziehung immer fadenscheiniger wird? Auch der Hausbesitzer wird nicht erwarten, dass ein Dach sich von selbst repariert. Entfremdungen verschwinden nicht von selbst. Sebastian sollte auf Vorwürfe verzichten. Wenn er seinen ersten Schock überwunden hat, wird ihm vielleicht klar, dass eine Chance darin liegt, ein verleugnetes Problem auf dem Tisch zu haben. So können er und Irene (vielleicht mit professioneller Hilfe) herausfinden, wie sie ihre Aufgaben als Eltern erfüllen können, ohne die erotische Leere zu ignorieren.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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