Entartete Kunst Fenster in eine andere Welt

Unter den Nazis wurde moderne Kunst verspottet und verboten. Nun dürfen wir die Bilder wieder zeigen – aber viele sind für immer verloren. Von
ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

Ausgehungert nach Bildern, so fühlt sich manch einer nach dem Krieg. Wenn Bilder Fenster in eine andere Welt sind, dann blieben uns diese Fenster und Welten in den vergangenen schwarzen Jahren verschlossen.

Wir erinnern uns an die Ausstellung Entartete Kunst vor wenigen Jahren. Adolf Ziegler, Präsident der Reichskunstkammer (böse Zungen nennen ihn den Reichsschamhaarmaler), war ermächtigt, sogenannte Verfallskunst aus deutschem Museumsbesitz beschlagnahmen zu lassen. So verschwanden rund 20 000 Gemälde, Skulpturen und Grafiken aus unseren Museen. Einige Hundert wurden für die grausige Schandausstellung ausgewählt, die zuerst 1937 in den Hofgartenarkaden in München und dann in Städten wie Berlin, Hamburg, Leipzig, Düsseldorf und Salzburg Station machte. Höhnische Beschriftungen prangten an den Wänden, manche Bilder waren schief oder verkehrt herum aufgehängt, schlecht beleuchtet, Fotografien von Krüppeln daneben sollten eine Anleitung dazu geben, wie wir die Kunst zu verstehen hätten. Flugblätter wurden verteilt: "Gequälte Leinwand, seelische Verwesung, krankhafte Phantasten, geisteskranke Nichtskönner", stand darauf. Für Kunst, "von Judencliquen preisgekrönt", hätten staatliche und städtische Institute "gewissenlos Millionenbeträge deutschen Volksvermögens verschleudert". Eintritt frei! Rund zwei Millionen Menschen haben die Ausstellung allein in München gesehen. Viele haben auf die Kunst gespuckt, sie verspottet und ausgelacht, nichts verstanden und nichts verstehen wollen. Manche haben geweint.

Zur gleichen Zeit lief in München schräg gegenüber im Haus der Deutschen Kunst die erste Große Deutsche Kunstausstellung mit Hitlers Lieblingskünstlern, die heroische Muskelpakete darstellten, tapfere Mütter und biedere Hausfrauen. Die Zahl der Besucher betrug übrigens weniger als ein Viertel im Vergleich zur Ausstellung Entartete Kunst.

Was geschah mit den geächteten Bildern? Viele wurden ins Ausland verkauft oder gegen alte Meister getauscht, der Rest zerstört, auf Scheiterhaufen verbrannt. Viele Bilderschicksale sind noch ungewiss. Franz Marcs Der Turm der blauen Pferde , ein Monumentalwerk von zwei Meter Höhe, hatte die Berliner Nationalgalerie 1919 erworben. 1937 wurde es in München als "entartete Kunst" gezeigt – bis der Deutsche Offiziersbund dagegen protestierte, denn Franz Marc war 1916 als Frontsoldat in Verdun gefallen. Wie wir jetzt wissen, sicherte sich Hermann Göring das Bild für seine Privatsammlung. Heute ist es verschollen, und man kann nur hoffen, dass es bald wieder auftaucht.

Ein anderes Beispiel: Kirchners Straße von 1913. Den Nationalsozialisten galt die Darstellung der Berliner Kokotten als krankhaft und dekadent. Aber ist nicht der nervöse Duktus ein mitreißender, meisterhafter Ausdruck der fiebrigen Stimmung, die Kirchner bei seinen einsamen abendlichen Streifzügen erfasste? Und sind nicht die Frauen als durchaus selbstbewusste moderne Großstädterinnen dargestellt? Auch dieses ausdrucksstarke Gemälde im Stil des Expressionismus, das die Nationalgalerie 1920 angekauft hatte, wurde als "entartet" gebrandmarkt und verspottet. 1938 nahm Kirchner sich das Leben. Im Jahr darauf kaufte das Museum of Modern Art in New York die Straße.

Was können wir jetzt tun? Die noch lebenden Künstler zurückrufen, die unter Mal- und Berufsverbot zu leiden hatten. Versuchen, die Moderne unserer Eltern zu verstehen. Die Augen aufmachen.

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