Gesellschaftskritik Über Konrad Adenauer

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ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

Wenn man fragt, welche Persönlichkeit dereinst unser in Ruinen liegendes Land führen könnte, so bekommt man immer öfter einen Namen zu hören, der überrascht: Konrad Adenauer.

Adenauer, soeben zum ersten Vorsitzenden einer neuen Partei – sie nennt sich CDU – im Rheinland gewählt, überrascht nicht so sehr deshalb, weil er mit 70 Jahren ein bisschen zu alt erscheinen könnte, um glaubhaft ein neues Deutschland zu repräsentieren. Und auch nicht, weil Adenauer als ehemaliger Bürgermeister von Köln lediglich über Erfahrungen auf der kleinen Bühne verfügt und ihm Verantwortung für die Nation nie zuteilwurde. Nein, der Name Adenauer überrascht, weil der Träger dieses Namens, betrachtet man ihn genauer, als eigenbrötlerischer Sonderling erscheint, als Kauz.

Adenauers Hang ins Exzentrische, seine Vorliebe für das Skurrile, zeigte sich früh: Im Alter von 18 Jahren überlegte der kölsche Jung, Sohn eines angesehenen Kanzleirats, nach Brasilien auszuwandern, in ein urwaldbewachsenes Land also, in dem er von seiner Lieblingsspeise, dem Schwedischen Nusskuchen, deutlich weiter entfernt war als am Rhein.

Doch statt den südamerikanischen Urwald zu erforschen, entwickelte sich der junge Konrad dann zu einem Erfinder merkwürdiger Dinge, die den heimischen Alltag erleichtern sollten. Bereits 1903 stellte der Hobbytüftler erste Überlegungen zu einer "Reaktionsdampfmaschine" an, zwei Jahre später präsentierte er ein Verfahren, das die Staubentwicklung beim Automobil verringern sollte – und im Ersten Weltkrieg glaubte Adenauer, Lebensmittelprobleme seiner Heimatstadt Köln dadurch in den Griff bekommen zu können, dass er ein dem rheinischen Schwarzbrot ähnelndes Schrotbrot erfand. Für dieses "Kriegsbrot" erhielt er sogar ein kaiserliches Patent.

Dieser kindische Glaube an einfache Lösungen ist nicht nur genau das Gegenteil von dem, was das besiegte, hungernde Deutschland nun braucht. In seinen ganz realen, praktischen Auswirkungen bringt er unser besetztes Land auch keinen Millimeter voran. Das gilt für Adenauers Teekanne mit Heizstab genauso wie für seine Blendschutzbrille für Fußgänger. Ganz zu schweigen von seiner Vorrichtung zur Verhinderung des Überfahrenwerdens durch Straßenbahnwagen.

Sollte Adenauer trotzdem eine führende Rolle im neuen Deutschland einnehmen, so wird er kaum tiefe Spuren hinterlassen. In seinem Alter taugt er allenfalls als Übergangslösung.

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