Stilkolumne Ein futuristisches Schreibgerät

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ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

Wer eine schöne Schrift hat, der hat gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Wer aber einen Lebenslauf so verfasst, als sei ein Huhn über das Blatt gelaufen, wird Probleme haben, eine Anstellung zu finden. Allerorts beugen sich Grafologen über die Blätter und möchten aus den Wendungen und Kehrungen der Handschrift auf den Charakter der Person schließen, die den Schrieb anfertigte. Schon Johann Wolfgang von Goethe interessierte sich stark für Autografen. Und der Psychologe Ludwig Klages hat 1917 in seinem Werk Handschrift und Charakter detaillierte Deutungstabellen geliefert, mit denen man aus dem Gekritzel der Menschen auf die Beschaffenheit ihres Geistes schließen können soll. Seiner Meinung nach zerren Kräfte und Gegenkräfte an unserem Schriftbild. Und sind Abbild der Kämpfe, die in unserem Inneren stattfinden.

Dabei gibt es noch ganz andere Ursachen für eine schlechte Schrift: die Misslichkeiten des Füllfederhaltergebrauchs. Wer hat noch nicht mit Verzweiflung mit ansehen müssen, wie ein dicker Tintentropfen aus der Feder auf das Papier floss und einen wichtigen Brief zu einem Kleckswerk machte? Tinte kann tückisch sein. Fließt sie in sittlicher Weise auf das Papier, kann sie Ausdruck schönster Gedanken sein. Strömt sie jedoch ungehemmt, verbreitet sie schwarzen Schrecken. Ein Amerikaner will nun die Lösung für dieses Problem gefunden haben. Der Geschäftsmann Milton Reynolds hat "Reynolds Rocket" auf den Markt gebracht. Ein wahrhaft futuristisches Schreibgerät. Statt einer kratzenden Feder nutzt es eine winzige Kugel zum Schreiben. Die Kugel sitzt in einem Lager am Ende eines sich verjüngenden Röhrchens, in dem die Tinte gestaut ist, in der sogenannten Mine. Die Tinte ist allerdings nicht flüssig, sondern verdickt. Schreibt man, so rollt die Kugel über das Papier und nimmt aus dem Röhrchen nur ebenso viel Tintenbrei mit, wie benötigt wird. Nichts kann auslaufen, nichts klecksen. Vergangenes Jahr im Oktober wurde das Gerät erstmals im New Yorker Kaufhaus Gimble angeboten. Schon am ersten Tag wurden 10.000 Stück verkauft, obwohl ein Kugelschreiber 12,30 Dollar kostet. Es ist die Frage, ob es sich tatsächlich lohnt, so viel Geld auszugeben. Zumal auch der technisch ausgefeilteste Stift es nicht vermag, die an unserer Hand zerrenden Kräfte zu bändigen. Andererseits: Der Schreiber wird mit dem Spruch beworben: "Schreibt sogar unter Wasser." Wem das Wasser bis zum Hals steht, der kann umso mehr ein Gerät brauchen, mit dem er einen Lebenslauf schreiben kann.

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