Die großen Fragen der Liebe Soll sie dem Totgeglaubten einen Brief schreiben?

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ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

Die Frage: Susanne und Max heiraten, als der Krieg ausbricht; ihr Sohn Richard ist noch nicht geboren, da wird Max eingezogen. Während eines Fronturlaubs zeugt Max einen zweiten Sohn. Als Susanne ihre Wohnung 1943 durch einen Bombenangriff verliert, fühlt sie sich von ihrem Ehemann verlassen. Sie hat seit Monaten keine Nachricht von ihm bekommen. Er gilt als vermisst. Sie muss allein den Umzug zu ihren Eltern organisieren. Dort verliebt sie sich in einen Nachbarn, Karlheinrich, der wegen einer schweren Verwundung nicht mehr Soldat sein kann. Susanne glaubt, dass Max gefallen ist. Seit zwei Jahren lebt sie mit Karlheinrich zusammen. Ihre Kinder nennen ihn Papa. Da bekommt sie den ersten Brief aus einem Arbeitslager in Sibirien. Max lebt. Soll sie ihm schreiben?

Wolfgang Schmidbauer antwortet:  Jeder Krieg hinterlässt Spuren in den Familien. Soldaten wollen in Familien zurückkehren, die sich während ihrer Abwesenheit neu organisiert haben und oft keinen Platz für die fremd gewordenen, traumatisierten Männer räumen mögen. Sobald Susanne die Kraft aufbringen kann, sollte sie Max schreiben. Es gibt gute wie schlechte Nachrichten, und er hat ein Recht auf beide. Die Beteiligten brauchen Zeit und Raum, um sich mit der schlichten Wahrheit abzufinden, dass es keine schnellen Lösungen im Umgang mit dem Überleben eines Totgeglaubten gibt. Alle müssen zusammen mit den Kindern verarbeiten, dass etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen sollen, aber sich durch moralische Vorschriften nicht bändigen lässt. So wenig wie ein Krieg.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de.

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