Ich habe einen Traum Louis Armstrong

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"Heute habe ich sogar einen Weißen, der für mich arbeitet" Von
ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

Mein erster großer Lebenstraum ging an einem heißen Tag im August 1922 in Erfüllung. An diesem Tag bekam ich ein Telegramm von Joe Oliver, der mich bat, nach Chicago zu kommen und in seiner Band zu spielen. Ich stieg in den Zug und fühlte mich wie ein König. Papa Joe war mein großes Idol, seit meiner Kindheit schon. Der großartigste Bursche, der je das Kornett geblasen hat!

In Storyville, dem Teil von New Orleans, in dem ich aufgewachsen bin, gab es Musikbars an jeder Straßenecke, wir nennen sie Honkytonks. Meistens gab es da einen Klavierspieler, manchmal Bands. Um Leute anzulocken, spielten die Musiker auch draußen vor dem Laden. Wir Kinder standen dann auf der anderen Straßenseite, hörten zu und tanzten.

Ich war natürlich immer besonders begeistert, wenn ich Joe Oliver zuhören konnte. Wenn er bei einem der Straßenumzüge spielte, lief ich ständig neben ihm her, um keinen Ton zu verpassen. In den Pausen bat ich ihn, sein Instrument halten zu dürfen.

Und dann, als Erwachsener, spielte ich also tatsächlich mit ihm zusammen. Ich hatte es geschafft, der große Traum meiner Kindheit war wahr geworden.

Ein anderer früher Traum dagegen wird nie in Erfüllung gehen, leider. Unsere Lehrerin Ms. Martin hatte drei hübsche Töchter. In Wilhelmine, die jüngste, war ich sehr verliebt. Aber das arme Ding starb, bevor ich den Mut aufbrachte, ihr eine Liebeserklärung zu machen. Ich glaubte, nicht gut genug für sie zu sein. Ich würde noch heute wer weiß was dafür geben, sie auf die Erde zurückzuholen.

Später im Leben habe ich in Sachen Frauen immer den Rat eines guten Freundes beherzigt. Benny, ein Preisboxer, warnte mich, Frauen seien sehr gefährlich, egal, wie reizend sie aussähen. Die beste Verteidigung sei, so viele wie möglich zu haben. Sonst, sagte er, bist du völlig von ihnen abhängig.

Ein Rat, den mir ein anderer Freund gegeben hat, lautete: Hab immer einen guten Weißen bei der Hand, der dich unter seine Fittiche nimmt. Heute habe ich sogar einen Weißen, der für mich arbeitet. Jeder Schwarze bräuchte einen Weißen, der für ihn arbeitet!

Mein Traum geht immer weiter: Ich bin durch die Welt gereist, habe mit großartigen Musikern zusammengespielt und vor einer Weile die Frau meines Lebens geheiratet. Und demnächst stehe ich für einen Hollywoodfilm vor der Kamera.

Zusätzlich verschafft mir Marihuana traumhafte Momente. Ich nenne es gage, das ist ein viel besseres Wort. Ich rauche es seit vielen Jahren täglich. Ich habe das gage immer als eine Art Medizin gesehen. Es ist tausendmal besser als Alkohol. Wenn ich alt wie Methusalem werden sollte, werden meine Erinnerungen immer von der Schönheit und Wärme geprägt sein, die das gage mir verschafft. Ich finde es verwirrend, dass es mit Sachen wie Heroin in eine Schublade geworfen wird. Dass gage verboten ist und man dafür ins Gefängnis gesteckt wird – das ist eine Schande!

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