Das war meine Rettung Ohne seinen Bruder hätte Max Mannheimer die Konzentrationslager nicht überlebt

Von
ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

ZEITmagazin: Herr Mannheimer, Sie sind nach der Befreiung aus dem KZ Dachau mit Ihrem Bruder in Ihre Geburtsstadt in der Tschechoslowakei zurückgekehrt. Ist Neutitschein noch Ihre Heimat?

Max Mannheimer: Schon. Aber die Stadt ist uns auch fremd. Weil all die Menschen fehlen. Von 209 Juden konnten nur wenige emigrieren, die anderen sind tot.

ZEITmagazin: Fragen Ihre Mitbürger Sie nach Ihrer Zeit im KZ?

Mannheimer: Nein. Neulich habe ich meine Lieblingsmitschülerin getroffen. Wir redeten darüber, wie schön die Schulzeit war.

ZEITmagazin: Als Hitler an die Macht kam, waren Sie 13 Jahre alt. Haben Sie mitbekommen, wie Deutschland sich unter den Nazis veränderte?

Mannheimer: Für mich war das alles sehr fern. Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg treu für Kaiser Franz Joseph gekämpft und immer pünktlich seine Steuern gezahlt. Er war sich sicher, uns würde nichts passieren. Wir bekamen die Diskriminierung erst nach der Besetzung des Sudetenlandes zu spüren. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurde mein Vater verhaftet und ausgewiesen. Wir mussten fast all unseren Besitz aufgeben und zogen nach Ungarisch Brod. Aber Hitler besetzte wenig später auch diesen Teil der ČSR.

ZEITmagazin: Am 31. Januar 1943 wurden Sie, Ihre Frau, zwei Brüder, Ihre Schwester, Ihre Schwägerin und Ihre Eltern deportiert.

Mannheimer: Ich hatte meine Frau Eva 1942 geheiratet, als die Deportationen schon in vollem Gange waren. Mein dritter Bruder Erich war bereits verhaftet worden. Wir wurden über Theresienstadt sofort nach Auschwitz gebracht. Meine Eltern, meine Frau und meine kleine Schwester Käthe habe ich an der Rampe bei der Selektion zum letzten Mal gesehen. Ich kam mit meinen beiden jüngeren Brüdern Ernst und Edgar nach Birkenau. Ernst bekam nach kurzer Zeit eine Lungenentzündung. Wir haben versucht, seine Krankheit geheim zu halten, aber es gelang uns nicht. Am 7. März wurde er in den Tod geschickt. Von meiner Familie waren nur noch Edgar und ich am Leben. Wir wollten unbedingt zusammenbleiben.

ZEITmagazin: Wie ist Ihnen das gelungen?

Mannheimer: Mit Glück. Im Oktober 1943, als wir schon im Stammlager in Auschwitz waren, wurden Häftlinge für einen Transport nach Warschau ausgewählt. Ich hatte drei Tage zuvor einen Abszess aufgeschnitten bekommen. Wir mussten mit bloßem Oberkörper vor dem Lagerarzt stehen, der bestimmte, wer mitdurfte. Edgar war dabei. Ich nicht. Ich stellte mich in Positur und sagte: "Herr Obersturmführer, Häftling 99728 bittet ums Wort. Ich bin vollkommen gesund und arbeitsfähig." – "Sie haben doch eine Wunde auf der Brust!" – "Ich habe gesundes Blut und bitte Herrn Obersturmführer, in den Transport eingereiht zu werden." – "Zeigen Sie die Wunde." Ich nahm das Pflaster ab. Er schaute sich die Wunde an und sagte: "Transport." So kam ich in das zerstörte Warschauer Ghetto. Ohne meinen Bruder hätte ich in Auschwitz nicht überlebt.

ZEITmagazin: Hat Ihr Bruder Ihnen Kraft gegeben?

Mannheimer: Ja. Und Sicherheit. Ich wusste, da ist jemand, der sich um mich kümmert. Er hatte den Instinkt, den man zum Überleben braucht. Er brachte mir Brot, als ich in Auschwitz im Krankenbau lag. Er hat mich im Januar 1945, als ich Typhus hatte, davor bewahrt, in eine Krankenbaracke eingewiesen zu werden, in der ich verendet wäre. Er sagte: "Du wirst sehen, der liebe Gott wird uns überleben lassen."

ZEITmagazin: Haben Sie sich Ihren Glauben bewahrt?

Mannheimer: Ich habe ihn verloren. In Auschwitz litt ein Häftling an einem Magengeschwür, ein Kapo sagte ihm: "Ich habe ein Mittel dagegen", wenig später hörte ich, wie der Häftling schrie, als der Kapo ihn erschlug. Ich habe gesehen, wie in einem Außenlager von Dachau ein SS-Mann seinen Schäferhund auf Häftlinge hetzte, bis sie bluteten. Wenn es einen Gott gibt, darf er das nicht zulassen.

ZEITmagazin: Wann wurden Sie befreit?

Mannheimer: Am 30. April 1945. An dem Tag ist Hitler zur Hölle gefahren, und ich wurde neu geboren. Mein Bruder und ich schworen uns, Deutschland für immer zu verlassen. Wir wollen nicht unter Menschen leben, die diese Politik unterstützt haben, auch wenn es nicht alle waren.

ZEITmagazin: Spüren Sie Hass oder Wut?

Mannheimer: Ich habe keine Rachegedanken. Ich verdränge, was gewesen ist. Ich will nach vorn schauen. Ich habe mich verliebt, in eine Deutsche. Fritzi ist Sozialdemokratin, während des Kriegs hat sie Informationen an britische Gefangene weitergegeben. Wir wollen eine Familie gründen, seit ein paar Wochen ist sie schwanger. Wir haben beschlossen, glücklich zu sein. Wenn man das überhaupt beschließen kann.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren