Harald Martenstein Über Verbrechen, Ausreden, Relativierungen, Verantwortung

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ZEITmagazin Nr. 8/2016

Als die ZEIT am 21. Februar 1946 Jahren zum ersten Mal erschien, lag ihr noch kein ZEITmagazin bei. Zum 70. Geburtstag fragte sich die Redaktion des ZEITmagazins, wie ein solches Heft wohl ausgesehen hätte und wie das Lebensgefühl der Deutschen darin beschrieben worden wäre. Für die Jubiläumsausgabe der ZEIT ist 70 Jahre später genau dieses Magazin aus dem Februar 1946 entstanden, dem auch dieser Text entstammt.

Hier und heute, im Jahr 1946, sollten wir über Verantwortung nachdenken. Unter Hitler sind schlimmste Verbrechen passiert in Deutschland, dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber natürlich muss man auch die sozialen Ursachen sehen, die Arbeitslosigkeit, die Armut, dieses unfassbare Elend, wie es 1933 in Deutschland geherrscht hat. Der Kapitalismus hat den Menschen ihre Würde genommen. Der Kapitalismus entmenscht den Menschen. Wie gesagt, es geht hier nicht darum, etwas zu entschuldigen, aber man sollte immer auch die Ursachen sehen. Ohne den Kapitalismus hätte es nicht so weit kommen können, dafür ist die Sowjetunion ja der beste Beweis. Danke, ihr Sowjetsoldaten! Ihr tragt das Banner des wahren Humanismus!

Was in den Lagern passiert ist, macht einen fassungslos. Die Deutschen, die dabei mitgemacht haben, hatten keine soziale Perspektive. Sie waren ins soziale Abseits gedrängt worden und sahen für sich leider keine andere Lösung. Natürlich muss hier auch über das Versagen der Bildungspolitik gesprochen werden. Mit einem Bildungssystem, das Chancengleichheit und Teilhabe gewährleistet, wäre so etwas nicht vorgekommen. Das Bildungsbürgertum hat versagt, deshalb sollte, im Interesse einer demokratischen Zukunft, unnützer Bildungsballast über Bord geworfen werfen.

Diese Exzesse der Gewalt, die wir in den vergangenen Jahren erleben mussten, müssen vor allem Anlass sein, über Gewalt im Allgemeinen nachzudenken. Wie entsteht Gewalt? Durch Ungerechtigkeit! Der Mensch ist gut, außer es wird ungerecht. Wenn man mit Deutschland gerechter umgegangen wäre, dann hätte es all diese Gewalt sicher nicht gegeben. Aber das soll natürlich keine Entschuldigung sein.

Es sind ja auch viele Deutsche unter den Opfern gewesen. Eine saubere Trennung zwischen Tätern und Opfern ist deshalb praktisch unmöglich, im Grunde ist solch eine Trennung nie möglich. Vor Pauschalisierungen sollte man sich hüten. Dies sagen wir auch und gerade unseren jüdischen Mitbürgern. In jeder historischen Situation, groß oder klein, ist es das Wichtigste, zu differenzieren. Ich will gar nicht ausschließen, dass der eine oder andere, der im Lager gelandet ist, vielleicht auch ein bisschen provoziert hat. Das entschuldigt nichts, aber es darf ruhig erwähnt werden, oder?

Sicher, auch in anderen Ländern sind Verbrechen begangen worden – das wird man wohl sagen dürfen. Dies soll nicht als Entschuldigung verstanden werden, lediglich als Hinweis. Ob Hitler überhaupt, im juristischen Sinn, Deutscher gewesen ist, steht nicht fest. Eine gewisse Mitverantwortung des deutschen Volkes ist zumindest wahrscheinlich, aber da wird sicher noch viel Forschung im Detail notwendig sein. Schon jetzt ist offensichtlich, dass die Verbrechen vor allem von Männern begangen wurden, leider ist es so. Die deutsche Frau, die deutsche Mutter und das deutsche Mädel hatten mit diesen Dingen nichts zu tun. Und wenn nicht der Kapitalismus und die Ungerechtigkeit und das alles gewesen wären, könnte man das Gleiche auch vom deutschen Mann sagen.

In der Demokratie, die jetzt hoffentlich entstehen wird, wird wieder das Volk entscheiden. Damit das Volk klug entscheidet, muss man es an die Hand nehmen und ihm die Dinge erklären. Ein unaufgeklärtes Volk ist unberechenbar, das haben wir ja gesehen. Am wichtigsten aber ist es, dass wir ganz klar zu unserer Verantwortung stehen und keine Ausflüchte oder Entschuldigungen suchen. Ich glaube, das habe ich deutlich gemacht.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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