Harald Martenstein: Über AfD-Wähler im Bekanntenkreis

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 13/2016

Ich sitze in einem Hotelzimmer. Wir hatten eine Familienfeier, ich habe Jägerschnitzel mit Pommes gegessen. Bei der Feier hat mir eine Person aus der Familie gestanden, dass sie AfD gewählt hat. An sich sind wir immer alle für die SPD gewesen, seit August Bebel. Ich darf auf keinen Fall Andeutungen darüber machen, wer es ist. Die Person befürchtet Nachteile. Inzwischen kenne ich drei AfD-Wähler, vielleicht sind es mehr, aber drei haben sich mir anvertraut. Ich darf nicht mal schreiben, welches Gender und welchen Beruf sie haben. Es sei gefährlich, sich zu outen. Die Medien und das Internet würden so tun, als sei man ein Nazi, obwohl man vielleicht sein ganzes Leben lang SPD gewählt hat, mehr kann man gegen den Faschismus doch wirklich nicht tun. Aber ich flöße den Menschen irgendwie Vertrauen ein, wie es scheint.

Ich erzähle, wie diese Leute ticken, okay? Alle drei sind, das mal zuerst, keine Sachsen und garantiert keine Rechtsradikalen. Und sie sind auch nicht blöd. Die Nazis wollen die Gesellschaft verändern. Diese Menschen wollen das genaue Gegenteil, sie wollen, dass es im Großen und Ganzen so bleibt, wie es ist. Sie sagen, dass sie nichts gegen Zuwanderung haben, aber in Maßen, kontrolliert. Sie wollen Deutschland, wieder: im Großen und Ganzen, so, wie es ist, und nicht ein völlig anderes Deutschland. Wenn man die Namen von AfD-Politikern nennt, verdrehen alle drei die Augen. Nein, die findet man nicht gut, aber was soll man denn machen, wenn man die Einwanderungspolitik falsch findet? Gar nicht wählen?

Das sind Konservative. Ich halte es für legitim, konservativ zu sein. Es ist verrückt, dass man darüber überhaupt diskutieren muss. "Konservativ" ist etwas anderes als "rechtsextrem", obwohl beides von Kommentatoren, die offenbar noch nie ein Geschichtsbuch in der Hand gehabt haben, gern gleichgesetzt wird. Hausaufgabe: Vergleichen Sie die Regierungspraxis von Adenauer, von de Gaulle, von Mussolini und von General Franco, arbeiten Sie die Unterschiede heraus.

Links und Rechts gibt es in allen Demokratien, von Anfang an, die einen sind für Wandel, die anderen stehen auf der Bremse. Eine Demokratie, in der es nur linke Parteien gibt, wäre irgendwie seltsam. Und wenn Angela Merkel die CDU nach links führt, was sie zweifellos getan hat, dann entsteht ein Vakuum, wie damals, als Helmut Schmidt die Ökobewegung links liegen gelassen hat. Früher gab es Franz Josef Strauß, der seine Gegner mal als "Ratten und Schmeißfliegen" bezeichnet hat, schlimmer ist die AfD auch nicht. Und auf der anderen Seite des Spektrums hat Sahra Wagenknecht bis vor ein paar Jahren den Bau der Mauer verteidigt, das war auch nicht schön, es hat schon relativ viele Tote gegeben an der Mauer. Einen allgemeinen Aufschrei der Empörung habe ich da nicht gehört. Man liest heute oft, die Landesgrenzen könnten ohne Gewalt sowieso nicht gesichert werden, aber so etwas Ähnliches gilt auch für die Grenzen des Parteiensystems. Wenn im Parlament und in den Medien fast alles links ist, dann setzen Migrationsströme ein, die niemand stoppen kann.

Ich saß also in diesem Hotelzimmer, am nächsten Morgen nahm ich ein Taxi. Der Fahrer, ein Iraner mit deutschem Pass, outete sich sofort als AfD-Fan und gab 20 Minuten lang Hassparolen von sich, er habe sich alles erarbeiten müssen, die Flüchtlinge bekämen alles geschenkt. Er schrie "Ich liebe Deutschland!" und schwitzte wie Franz Josef Strauß. Er ist wieder da! Das also war Nummer vier, und da habe ich dann doch ein bisschen Angst bekommen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Bei den meisten AfD - Politikern kann man auch nur die Augen verdrehen. Für liberal-konservative Zeitgenossen dürfte die AfD vor allem wegen ihrer Köpfe und wegen diverser unappetitlicher Äußerungen kaum wählbar sein. Eine Alternative besteht in der ALFA. Leider bleiben aber auch die vielen Gemäßigten der AfD treu. Sie halten sich -berechtigterweise- zugute, die Partei und somit die z. Zt. einzige Alternative zur GaGroKo mit aufgebaut zu haben und wollen sich das nicht kaputt machen lassen. Man kann diese Gemäßigten für ihre Inkonsequenz kritisieren, aber das Geschrei, das wären alles rechtsradikale Dumpfbacken ist so falsch wie durchsichtig.
Es ist bemerkenswert, dass es (in der Bevölkerung und in den Medien) am linken Rand kaum Berührungsängste mit den Radikalen gibt. Aus Kriminellen werden da schnell mal "Aktivisten" und aus Terroristen "Aufständische". "Ex-Terroristen" werden an staatlichen Bühnen beschäftigt. Eine Vergangenheit als Steinewerfer oder KBWler ist kein Hinderniss auf dem Weg in höchste Staatsämter. Da stimmt noch manches nicht in unserem Staate.

Das Problem bei diesen schrägen Köpfen, den unappetitlichen Äußerungen und den überdrehten Demobrüllern ist, dass durch sie ein aggressives Klima erzeugt wird, der ein Nährboden für ausgeübte Gewalt darstellt.

Ansonsten haben Sie leider weitgehend Recht. Die einstigen Volksparteien haben sich von ihren jeweiligen Tribunen (Schröder, Merkel) abhängig gemacht und zugelassen, dass sie ihre einstigen Kernideen bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Bis jetzt gibt es einfach noch keine politische Alternative für vernünftig denkende (sprich: liberale) Menschen.

FJS nicht schlimmer als Höcke, immer SPD gewählt - excuse, I'm calling BS.

Die CDU ist ihren konservativen Freunden "zu weit" nach links gerutscht? Wie wär's dann mit eintreten und basisdemokratisch das ganze wieder nach rechts zerren?

Die ewige Relativierung durch Gezeige auf die Linke wird auch nicht interessanter. Ich kenne genug Leute, die einzelne oder die Mehrzahl der Ideen der Linken unterstützen, aber sie wegen der SED-Nachfolge oder aufgrund der KPF nicht wählen. Ist halt ne Frage von Konsequenz. Als die FDP 2005 in die Bundesregierung kam, habe ich danach aus vollem Hals FDP-Wähler ausgelacht - wir warten mal ein Jahr; es gibt sicher wieder Grund zum Lachen.