Stilkolumne: Die Hemdsärmeligkeit

© Peter Langer
Der Ärmel ist so lang und geschmeidig wie noch nie. In ihm lassen sich ungepflegte Nägel oder kleine Nettigkeiten verstecken. Die Zeit des Krempelns ist vorbei. Von
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 14/2016

Wer schöne Hände hat, wird im kommenden Sommer wenig Gelegenheit haben, sie zu zeigen: An vielen Kleidungsstücken sind die Ärmel so lang wie nie – etwa bei Max Mara, Marc Jacobs oder Isabel Marant. Die Mode macht nicht mehr beim Handgelenk Schluss. Und offenbar wird es auch im Winter so weitergehen. Auf den Herbst/Winter-Schauen von Paris und Mailand verschwanden häufig sogar die Finger der Models in den Ärmeln. Das hat einen fabelhaften Effekt: Sogar der spießigste Look wird aufgebrochen und wirkt irgendwie cool.

Zu lange Ärmel kennt man eher aus der Kinderkleidung, sie sind Symbol für eine gewisse Schlampigkeit. Wer zu lange Ärmel hat, der kann nicht anpacken, nicht mitmachen – und genau das ist ja die Botschaft von Coolness: Macht ihr mal, ich bin nicht dabei, ich stehe da drüber. Gleichzeitig verleihen überlange Ärmel der Bewegung eine gewisse Geschmeidigkeit. Das Ende vom Ärmel schwingt bei jedem Schritt locker mit, es entsteht der Eindruck kolossaler Unbeschwertheit. Das ist auch gut so, denn natürlich erschweren zu lange Ärmel das Leben ungemein: Man bleibt damit überall hängen und muss sie ständig zurückstreichen. Aber auch dieses Zurückstreichen von Ärmeln beinhaltet eine geschmeidige Bewegung und wirkt elegant.

Unterschiedlichste Ärmelarten sollen Oberteile interessant machen. Die Vielfalt von Ärmelarten ist insbesondere in der Damenbekleidung nahezu unbegrenzt. Aus einem einfach geschnittenen Top können Fledermausärmel wachsen; auch Puffärmel, die an den Biedermeier erinnern, sind wieder zu sehen. Alle sind sie diesen Sommer überdimensioniert und immer reichlich unpraktisch.

Man kann derzeit viel Geld zahlen, um so auszusehen, als wäre es einem nicht wichtig, etwas Passendes anzuziehen. Die Mode gefällt sich in einer gepflegten Unbeholfenheit: zu große Kapuzen und Pullover, die über die Schultern rutschen. Hosen, die unendlich weit sind, aber dafür den halben Unterschenkel frei lassen. Dabei ist gerade bei der schlampigen Mode die Passform das Allerwichtigste. Wenn etwas augenscheinlich nicht sitzt, muss es in Wahrheit perfekt geschnitten sein. Vor allem an den Schultern sollten solche Oberteile genau proportioniert sein, sonst gerät der Look aus dem Gleichgewicht. Wer sich das nicht zutraut, der bleibe lieber bei den konventionellen Ärmellängen. Irgendwer muss ja auch die Hände frei behalten, um den Ärmelmenschen des Sommers die Türen aufzuhalten.

Foto: Longsleeve von Max Mara, 199 Euro

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren
NinaColada
#1  —  22. April 2016, 10:59 Uhr

Ehrlich gesagt sehe ich diese überlangen Ärmel vor allem bei viel zu dünnen, mit Mitte 30 noch "bambihaft" kleinkindlichen Frauen und (leider immer öfter) Männern.
Die langen Ärmel sind quasi das textile Gegenstück zum "Nase hochziehen und jammervoll schniefen", weil die Welt ja so böse und gemein ist und keiner einem nen Lolli schenkt.
Menschen mit dieser Attitüde möchten "Auf den Arm".
Auf keinen Fall selbst Verantwortung übernehmen, auf keinen Fall selbst anpacken - immer schön "bei Mama am Rockzipfel bleiben" und mit der Umwelt "fremdeln".
Das ist nicht "drüber stehen", sondern peinlich.