Harald Martenstein: Über die Kinder bereuender Mütter

Fast nichts auf der Welt ist nur gut oder nur schlecht. Auch das Kinderhaben nicht. Dem Kind sollte man das aber nicht unbedingt mitteilen, findet Harald Martenstein. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 14/2016

Es gibt eine internationale Debatte über Frauen, die es bedauern, Mutter zu sein. Angestoßen wurde diese Sache vor etwa einem Jahr durch das Buch Regretting Motherhood, Verfasserin ist die israelische Soziologin Orna Donath. Diverse andere Bücher und zahlreiche Artikel folgten. In der Süddeutschen wurde eine 49-Jährige interviewt, die drei Kinder hat. Ihre 19-jährige Tochter, die Älteste, ist bei dem Gespräch dabei. Wie fast alle Mutterschaftsbereuerinnen sagt auch diese Mutter, dass sie ihre Kinder liebe. Aber: "Man bekommt ein Kind und ist nur noch Mutter. Das muss dann das Allerwichtigste sein. Nach mir fragt niemand mehr." Sie bereut, dass sie Mutter ist. Die Tochter sagt: "Ich muss das irgendwie annehmen." Sie verlässt bald darauf den Raum, von draußen ist Schluchzen zu hören.

Ich glaube, dass fast jeder, der Kinder hat, ob Mutter, ob Vater, auch mal von negativen Gedanken heimgesucht wird. Zweifellos verliert man, falls man sich wirklich auf die Elternrolle einlässt, einen Teil der Kontrolle über sein Leben. Man verzichtet auf einiges. Die Belastung ist größer, als man es vorher erwartet hat. Bei den meisten überwiegt trotzdem das Glück. Fast nichts auf der Welt ist nur gut oder nur schlecht. Wenn das Unglück das Glück überwiegt, dann kann ich das verstehen und mache es niemandem zum Vorwurf. Aber daran ist dann ganz sicher nicht das Kind schuld. Es kann am Partner liegen, an den unrealistischen eigenen Erwartungen, an den Umständen, an der eigenen Persönlichkeitsstruktur, für die man nur bedingt etwas kann, am eigenen Perfektionismus, an tausend Sachen. Das Kind aber ist halt da und kann an seiner Existenz höchstens durch Suizid etwas ändern. Schuldig geboren.

Diese Mütter sollten ihre negativen Gedanken ganz sicher nicht ihren Kindern mitteilen. Wenn sie ihre Kinder wirklich lieben würden, dann hielten sie ihnen gegenüber den Mund und sprächen, wenn es sein muss, mit anderen, Dritten, über ihr Problem. Man kann doch nicht ernsthaft einem anderen Menschen erklären: "Deine Existenz ist für mich ein Unglück. Für mich wär’s besser, es gäbe dich nicht. Aber ich liebe dich, klar doch." Ist das nicht, irgendwie, auch eine Art Kindesmissbrauch? Das Kind, auch das bereits erwachsene, kann sich nicht wehren gegen diese existenzielle Erschütterung, es besteht ein Machtgefälle. Zu einem Chef, von dem sie abhängig ist, würde die Mutter sicher nicht sagen: "Besser, Sie wären nie geboren worden."

Als ich ein Kind war, fünf oder sechs, verliebte sich meine Mutter in einen persischen Studenten. Die Ehe meiner Eltern zerbrach, der Freund wollte sie heiraten. Aber seine Familie akzeptierte keine geschiedene Frau mit Kind, das Kind sollte in einem Internat verschwinden. Das wollte meine Mutter nicht. Ende der Beziehung. In den folgenden Jahren hörte ich von ihr immer wieder, dass sie mir die große Liebe ihres Lebens geopfert habe, vor allem, wenn ich etwas angestellt hatte. Ich habe diesen Mann mit jeder Faser meiner Seele gehasst, und in mir ist ein Groll gewachsen, gegen ihn, gegen sie, gegen mich, der mich nie wieder verlassen wird. Ich bilde mir ein, dass ich deshalb diese Angst vor Nähe habe, Nähe bedeutet immer Schmerz. Regretting Motherhood! Glücklich die Zeit, in der man nicht über alles geredet hat und in der es Geheimnisse gab, die man mit ins Grab genommen hat.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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