Harald Martenstein Über nackte Deutsche

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 15/2016

Ich war kürzlich auf dem Balkan und ging in Montenegro in die Hotelsauna. Es gibt sicher nicht sehr viele Deutsche, die schon einmal eine Sauna in Montenegro besucht haben. Das Hotel hatte getrennte Saunen für Frauen und Männer, in Deutschland ist dies selten. Ich ging natürlich in die Männersauna, in der bereits etwa ein Dutzend Montenegriner, Serben, Albaner und Kosovaren saßen. Ich spürte, dass mich alle böse anschauten. Vielleicht ist das Wort "böse" nicht präzise genug. Es war eine Mischung aus Abscheu, Ekel und Verachtung. Ich lächelte freundlich, das schien es eher schlimmer zu machen. Dann merkte ich, dass ich als Einziger keine Badehose anhatte.

Wir Deutschen gehen nackt in die Sauna. Wir Deutschen liegen nackt am See, im Stadtpark oder am Meeresstrand, wir haben ein reichhaltiges Angebot an Nacktwanderwegen, Nackthotels und Nacktcampingplätzen, es gibt Nacktkreuzfahrten und den alljährlichen Nudistenlauf an der Ostsee. Wir sind nicht alle gleich, das versteht sich. Mir sind auch Deutsche bekannt, die sich nicht ausziehen, so wie es auch Polen zu geben scheint, die nicht katholisch sind. In einer Umfrage haben aber immerhin ein Drittel der Deutschen gesagt, dass sie schon einmal nackt in der Öffentlichkeit aufgetreten seien. Nudismus kommt auch anderswo vor, gewiss, aber wir sind in puncto Nacktheit weltweit in einer ähnlichen Führungsposition wie im Automobilbau. Das gehört halt zu unserer Kultur, die nicht nur eine Willkommenskultur ist, sondern auch eine Willnacktseinkultur. Deutsch sein heißt, eine Sache nackt zu tun.

Nach der Öffnung der Grenzen innerhalb der EU kam es, wie ich lese, an der polnischen Ostseeküste zu Konflikten, weil plötzlich überall nackte Deutsche herumlagen. Ich kenne in Spanien einen Strand, der fast ausschließlich von Deutschen bevölkert wird und eine Attraktion für Touristen aus anderen Nationen darstellt, diese lagern etwas erhöht auf einer Düne, picknicken und schauen sich dabei nackte Deutsche an. Viele lachen sogar. Das ist respektlos.

Die deutsche Freikörperkultur stammt aus dem 19. Jahrhundert, sie hat nichts mit Erotik zu tun, sondern mit Naturliebe. In Naturliebe sind wir bis heute führend. Leider ist auch dieser Teil des deutschen Wesens von den Nationalsozialisten missbraucht worden. Ausgerechnet die Nazis haben 1942 das aus der Weimarer Republik stammende Nacktbadeverbot gelockert. Einer der größten Bestseller dieser Epoche hieß Mensch und Sonne, er feierte die deutsche Nacktheit und das Sonnenlicht, wie es auf blonder Körperbehaarung schimmert. Der Autor forderte die Deutschen sogar dazu auf, nackt Ski zu laufen – daran sieht man, dass die Nazis wirklich verrückt waren.

Nach den mir vorliegenden Informationen gibt es Völker, bei denen die Leute, nachdem sie sich ausgezogen haben, fast immer miteinander sexuelle Dinge tun. Als Deutscher kommt mir dieses Verhalten außerordentlich bizarr vor und, verzeihen Sie, auch ein wenig unzivilisiert. Der Fortgang der Ereignisse wird dadurch so vorhersehbar wie der Verlauf einer Fütterung im Zoo. Zwei Menschen ziehen sich in den USA oder in England aus, und von diesem Moment an ist irgendwie klar, was passieren wird. In Deutschland dagegen gibt es, wenn zwei sich ausziehen, tausend Möglichkeiten. Gehen sie miteinander wandern? Wartet ein Kreuzfahrtschiff? Spielen sie Monopoly? Wenn wir Deutschen mit allen Sex hätten, vor denen wir uns ausgezogen haben, dann kämen wir zu nichts anderem mehr, nicht einmal zum Automobilbau.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Es gibt eben immer mehr als eine Sicht der Dinge. Martenstein hat seine Beispiele ja nicht erfunden.

Ich habe mit Anfang der Neunziger sehr gewundert, als ich in Neufünfland immer wieder zu hören kriegte, dass die Wessis so verklemmt seien und es im Westen kein FKK gebe.

Und dann hab ich mich erinnert, dass es schon in den Achtzigern in München ganz normal war, nackig am Isarstrand zu liegen, und dass wir natürlich auch im Westen jede Menge FKK-Strände hatten. Und haben.

FKKler sind alle alt und hässlich. Ja, die Franzosen haben es besser, das nicht sehen zu müssen.

(In Frankreich gibt es zwar auch Nudistenstrände, aber dort weiß jeder, dass diese nur für Perverse sind. Bei uns habe ich ja immer den Verdacht, dass es eigentlich genauso ist, und die Nudisten sich nur hinter dieser Pseudophilosophie verstecken.)

Der Artikel ist jedenfalls nicht bierernst, ganz anders als ihre hier völlig unpassende "schlagende Widerlegung der Kopftuchideologie".
Dazu sei gesagt:
1. Kopftücher werden aus religiösen, nicht ideologischen, Gründen getragen. Aber Ideologie klingt halt polemischer. Genauso wie schlagend.
2. Sie haben einen gewaltigen Fehler in ihrer Argumentation. Wieso müssten Frauen mit Kopftuch am FKK-Strand besonders gefährdet sein? Weil da besonders viele ausländerfeindliche Nazis sind? Um warum sind sie dort ihrer Erfahrung nach am sichersten?
Fazit: Ihr Kommentar hat argumentative Lücken, sodass ihre Aussagen und Folgerungen jeder Grundlage entbehren.
Wahrscheinlich war es sowieso nur ein Troll- Kommentar, in der Absicht hier ein bisschen Unruhe zu stiften.