Stilkolumne Fesselndes Schuhwerk

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 15/2016

Fast jeder Körperteil der Frau ist in der Mode bereits betont worden: die Brust, die Taille, die Hüfte, der Hintern, die Oberschenkel. Jetzt ist sie endlich fast am Boden angekommen, denn in diesem Sommer werden die Blicke auf die Zone kurz über dem Fußknöchel gelenkt. Es wird der Sommer der Fesseln, die warmen Monate gehören geschnürten Sandalen. Diese haben meist eine flache Sohle und werden über dem Knöchel mit Bändern oder Riemchen am Fuß fixiert. Die sogenannten Lace-up-Sandalen findet man beispielsweise mit schwarzer Schnürung bei Prada oder in Schlangenleder-Optik bei Fendi. Auch Roberto Cavalli und Salvatore Ferragamo setzen auf solches Schuhwerk. Viele dieser Sandalen erinnern an Spitzenschuhe im Ballett. Diese Schuhe mit abgeflachten Spitzen, die den Tanz auf den Zehenspitzen ermöglichen, werden mit Seidenbändern zusätzlich am Fußknöchel befestigt.

Die Schnürung verleiht dem Fuß etwas Mädchenhaftes. Hinzu kommen Hosenbeine, die kurz über dem Knie enden, um das Arrangement an der Fessel richtig in Szene zu setzen. Es passt zu dem Bild, das Frauen heute in der Gesellschaft von sich zeigen: Man gibt so wenig wie möglich von sich preis – das wenige aber umso bedachter. Indem eine eigentlich unverfängliche Körperstelle derart herausgestellt wird, erzeugt man Spannung. Ganz anders als die herkömmlichen Arten, erotisch zu wirken. Es geschieht viel subtiler – aber umso wirkungsvoller. Man liefert die eigene Haut nicht den Blicken anderer aus, um sich taxieren zu lassen, sondern inszeniert sie, um zu zeigen, wie sehr man sich selbst wertschätzt.

Heute sind es nicht mehr die Blicke anderer, die zählen, sondern der Blick auf sich selbst. Die Frau zieht sich nicht mehr ihrer Umgebung oder einem Anlass entsprechend an, sie kleidet sich nicht mehr gemäß vorbestimmten Erwartungen – sondern sie richtet sich allein nach ihren eigenen Ansprüchen an sich selbst. Eine stärkere modische Aussage kann man mit einer Sandale kaum machen.

Mag sein, dass bald auch andere Stellen des Körpers so zentral ins Blickfeld gerückt werden wie nun die weibliche Fessel. Auf den jüngsten Schauen in Mailand, wo die Mode für den kommenden Herbst und Winter vorgeführt wurde, zeigte Donatella Versace Anzugjacken, bei denen durch einen schmalen Schlitz hindurch die untere Rückenpartie aufblitzte. Einerseits intim – und gleichzeitig unnahbar.

Foto: Schnürsandalen von Prada, 699 Euro

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Die meisten aktuellen Lace-up-Flats haben eine spitze Form und eine hochgezogene Ferse und folgen damit dem letztjährigem Trendsetter von Aquazurra. Die Riemchen sind Schnürsenkel und keine breiten Seitenbänder wie bei beim Ballett. Die Seidenbänder der Spitzenschuhe sind für Ungeübte nicht einfach zu binden, ohne dass schon nach kurzer Zeit Druckstellen und Sehnenreizungen entstehen oder der Fuß aus den Schuh rutscht. Deshalb keine Bänder sondern Riemchen und hochgezogene Fersen, was den mädchenhaften Reiz der Flats deutlich mindert und das Interesse weniger auf die Fesseln lenkt. Zudem muss eine Frau wirklich sehr schöne Fesseln haben, um im heutigen grellen Angebot der optischen Reize mit ihren Fesseln eine subtile erotische Wirkung zu entfalten. Die Knie sollten da z.B. nicht in Konkurrenz stehen, also eher ein wadenlanges Kleid, vielleicht sogar ein Petticoat mit dezentem Spitzensaum, der in der Bewegung unter dem Rock hervorschaut und die Aufmerksamkeit auf die gebundenen Fesseln lenkt. Das könnte männliche Fantasien doch richtig aufblühen lassen.

Zudem lesen wir, dass Frau ja zeigen will, "wie sehr man sich selbst wertschätzt."

Schön wenn Frau von Mann wieder einmal lesen kann, was das Beste für Sie ist.
Dennoch, Danke für die gute Absicht! ;-)

Das Verhältnis von 1:10 ist keine Diskriminierung sondern Marktwirtschaft. Es ist sicher nicht ehrenrührig, wenn ich davon ausgehe, dass Frau sehr viel häufiger und mehr Schuhe und Kleidung kauft als Mann und diese auch trägt. Wenn ich sehe, mit welcher Phantasie sich meine Mitarbeiter täglich anziehen (und mit ihnen der ganz überwiegende Anteil der männlichen Bevölkerung), obwohl in meiner Abteilung Kreativität und Vielfalt durchaus auch im Auftritt erlaubt bis erwünscht ist, dann versteht sich dieses Geschlechterverhältnis im modischen Angebot von selbst. Warum sollten Modelabel oder Kleidunghersteller etwas produzieren was nicht verkäuflich ist.
Männer kaufen und tragen Kleidung ganz überwiegend nach Adenauers bewährtem Motto: "Keine Experimente" Alternatives Motto: "Warum etwas ändern, was sich seit vielen Jahren bewährt hat"
Hauptsache Frauchen ist dekorativ und bietet was fürs Auge.

Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu: Bei Männern ist tatsächlich noch viel Potential für Veränderungen! ;-)