Stefan Schwarz: Der Stasi-Mann, der uns zum Lachen bringt

Stefan Schwarz arbeitete für die Staatssicherheit – aus Überzeugung. Heute verdient er mit dieser Vergangenheit sein Geld: als Comedy-Autor. Darf er das? Von
ZEITmagazin Nr. 15/2016

Mitarbeit: Patrik Schwarz

Da liegt er, der sterbende Stasi-Mann, auf der Pritsche in der Grenzbaracke, und hat nur noch drei Wünsche: ein Pils, etwas Tabak – und ob ihm der Soldat Ralle Pietzsch bitte einmal das Gesäß abtasten könne?

Denn dort, in einer Hosentasche, versteckt er einen Schlüssel, der zu einem Tunnel in den Westen führt. Bitte schön, Genosse Grenzsoldat! Passen Sie gut auf ihn auf! Dann stirbt der Stasi-Mann, an einem Herzinfarkt im Todesstreifen.

Erfunden hat diese Szene Stefan Schwarz, Comedy-Autor aus Leipzig. Mit ihr beginnt die sechsteilige TV-Serie Sedwitz, die im Herbst in der ARD lief und jetzt im MDR noch mal zu sehen ist. Eine Serie, die die DDR als vertrotteltes, bürokratisches, bizarres Land zeigt. Der Held, NVA-Leutnant Ralle Pietzsch, schützt hauptberuflich die Mauer. Ist aber auch ein netter Familienvater, der nun, dank Tunnel, Abenteuer im Westen erlebt, Zauberwürfel schmuggelt, Schützenkönig und Frauenheld wird. Er führt, indem er darunter hindurchschlüpft, Grenze und Regime ad absurdum. Die Serie gibt die Mauer der Lächerlichkeit preis – und damit den Staat, der sie gebaut hat, um seine Leute zu halten. Was ja irgendwie tatsächlich lächerlich ist.

Es hat so eine Comedy-Serie noch nicht gegeben. Stasi-Leute und Grenzsoldaten als Menschen mit Humor. Geschrieben von einem, der darin, irgendwie, sein eigenes Leben verarbeitet. Denn Stefan Schwarz, der Autor, war bei der Stasi. Und man möchte gleich fragen: Geht’s denn noch? Ein Stasi-Mann hat eine Serie fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen geschrieben, die aus dem Todesstreifen eine Spaßzone macht? Darf uns der Teufel jetzt schon Witze über die Hölle erzählen?

Aber vielleicht stellt Stefan Schwarz mit Sedwitz ja eine Frage an uns, seine Zuschauer – die Frage, ob wir bereit sind, uns die DDR auch von einem wie ihm erzählen zu lassen. Einem Mann, der selbst ein Teil des DDR-Unrechtssystems gewesen ist. Damit fragt er uns auch: Wie lange darf einer wie er für das, was er vor 1990 getan hat, ausgeschlossen werden? Indem Schwarz uns Witze über die DDR erzählt, pikst er uns an: Na, wie weit seid ihr?

Schwarz, 51 Jahre alt, lebt in Leipzig. Er veröffentlicht lustige Bücher bei Rowohlt, die sich um sein Leben als Vater und, wie er es nennt, "mehrfach erprobter Ehemann" drehen. Diese Bücher sind lebensklüger und sprachgewandter als vieles, was man sonst so von Comedy-Autoren in die Hände bekommt. Man merkt, dass er ein Mann ist, dessen Leben mehr als nur einen Bruch hat. Er hat gezögert, dem ZEITmagazin seine Geschichte zu erzählen. Aber dann sitzt er einem doch in einem Leipziger Café gegenüber: ein Mann, der sehr ernst dreinblickt. So, als wäre er permanent misstrauisch.

Wieso, Herr Schwarz, haben Sie diese Serie geschrieben?

"Ich wurde gefragt", antwortet er. Vom Regisseur und Mit-Autor von Sedwitz, dem Österreicher Paul Harather. "Weil ich die Sprache beherrsche, die in diesem System gesprochen wurde. Und ich wollte so eine Serie immer schon mal machen: NVA-Soldaten und Stasi-Leute waren bislang in allen Komödien immer nur die Hasskappen, böse Offiziere, fiese Abschnittsbevollmächtigte, die nur in Parolen sprechen und überhaupt keine menschliche Seite zeigen. Die nur Fratzen sind. Das hat mich geärgert."

Weil er selbst keine Hasskappe war, kein fieser Abschnittsbevollmächtigter, in seiner Zeit bei der Stasi, will er das damit sagen?

Drei Phasen gibt es in Stefan Schwarz’ Leben: die Zeit in der DDR, als er für die Stasi gearbeitet hat, auf eigenen Wunsch, sieben Jahre lang. Dann die Zeit des Büßens, nach seiner Enttarnung. Und vor Kurzem hat Phase drei begonnen: die Zeit, in der er Dinge tun kann, die bislang unvorstellbar waren. Zum Beispiel: Sedwitz zu schreiben.

Schwarz war 24, als die Mauer fiel. Jung, einerseits. Andererseits war er nicht bloß ein kleiner IM, ein "Informeller Mitarbeiter". Er war bis ins Jahr 1990 hinein Stasi-Auszubildender im Status eines OibE, was für "Offizier im besonderen Einsatz" steht, eine spezielle Form des hauptamtlichen Stasi-Mannes. Die Aufgabe eines OibE, sagt der Berliner Stasi-Experte Ilko-Sascha Kowalczuk, sei in vielen Fällen verantwortungsvoller gewesen als die eines IM. Der OibE war, nach der Ausbildung, ein verdeckt arbeitender hauptamtlicher Stasi-Offizier. Er schlug selbst IMs zur Anwerbung vor, übernahm operative Aufgaben, war eine Art Undercoveragent, eingeschleust in zentrale Positionen im In- und Ausland. "Zu OibEs", sagt Kowalczuk, "berief man nur besonders linientreue Leute. Wenn Herr Schwarz lustige Drehbücher über die Mauer schreibt, aber früher selber als Stasi-Mann diese Mauer gestützt hat, dann würde ich gerne wissen, was ihn dazu ermuntert. Er kann ja Witze über alles Mögliche machen. Müssen es Witze über das Grenzregime sein?"

Tja.

Es sind gute Witze dabei. Einmal sind die Grenzer in Aufruhr, weil vier bayerische Jugendliche mit dem Auto in einen Bach gerutscht sind, der genau auf der Staatsgrenze verläuft: Die Mädchen auf dem Rücksitz stehen auf BRD-Gebiet, die Jungs vorne in der DDR. Leider halten die Frauen die Männer umklammert. Frage des Kompaniechefs: "Gehören die Arme und Hände der Frauen insgesamt zur BRD, oder werden sie im Moment, wo sie ins Staatsgebiet der DDR eindringen, zu feindlichen Agenten?" Sedwitz ist Slapstick neben der Selbstschussanlage. Nur: Ist das im Fall von Schwarz nicht der Versuch einer Selbstreinwaschung – Stasi-Leute und Grenzer als Leute zu zeigen, die zwar viel Scheiße bauen, aber sympathisch oder unfähig oder bürokratisch oder all das zusammen sind? Schwarz wirft eine Frage auf, die ihn selbst betrifft: die Frage, ob wir manche DDR-Staatsdiener nach 25 Jahren vielleicht differenzierter sehen können.

Ist Sedwitz eine Serie über ihn? Nein, sagt er, jedenfalls nicht nur: "Ich stecke in allen Figuren. Für das Drehbuch war ich der richtige Mann, weil ich der falsche bin." Der richtige, weil er sich auskennt. Der falsche, weil seine Vita es eigentlich nicht erlaubt. Oder? Schwarz sagt: "Es muss doch möglich sein, an öffentlichen Debatten teilhaben zu dürfen, auch wenn man nicht gerade Kirchendiener war." Aber Mitdebattieren ist nicht dasselbe, wie lustig über die DDR zu schreiben. Und wer bei der Stasi war, war eben mehr als "nicht gerade Kirchendiener".

Schwarz stammt aus einer Stasi-Familie. Sein Vater, Josef Schwarz, war Stasi-Generalmajor. 1981, als Bundeskanzler Helmut Schmidt die DDR besuchte, sorgte er federführend mit dafür, dass Schmidt ein sozialistisches Märchenland voller systemtreuer Statisten zu sehen bekam. Bis zum Bezirksleiter der Stasi in Erfurt wurde Josef Schwarz befördert. "Seit den fünfziger Jahren war mein Vater Kommunist gewesen, für den war der Leninismus alles", sagt Schwarz, "schon sein Stiefvater, mein Opa, war Kommunist."

Den Vater sieht er in mildem Licht, gewissermaßen als Kind seiner Zeit, das an den Sozialismus glaubte, aber die falschen Mittel wählte. Was der Vater aber auch war: eine Machtfigur, für Repressalien gegen Oppositionelle mitverantwortlich, für Angst im Volk, für das menschenverachtende Gesicht der DDR.

Hat sein Vater ihn überredet, zur Stasi zu gehen? "Nein", sagt er. "Ich selbst hab mich korrumpieren lassen von dieser historischen Wichtigkeit, mit der die Politik in der DDR immer hausieren ging. Dass man hier an vorderster Front Geschichte mache. In meinem Elternhaus haben Top-Spione auf der Couch gesessen, George Blake oder Günter Guillaume. Leute, die wirklich am Rad der Geschichte gedreht haben. Das triggert schon ein bisschen die Berufswahl." Das triggert die Berufswahl? "Das Schreiben als Schriftsteller oder Drehbuchautor, die Arbeit als Schauspieler oder Regisseur – das waren Sachen, zu denen ich mich hingezogen fühlte, aber ich hielt es nur für eine Zutat, fast überflüssig: Kann man machen, aber kann man auch lassen." Er habe sich nach der Schule gesagt, erzählt Schwarz, dass er lieber "was Richtiges" tun wolle. So formuliert er das wirklich: was Richtiges. Ja, sagt Schwarz: "Im Sinne eines aufrechten Sozialisten, der großartigen historischen Mission der Kommunisten." Er hat, anders gesagt, an das System geglaubt. Wie sein Vater. Schießbefehl und Spitzel repräsentierten damals für ihn wohl so etwas wie das Böse in einem guten Projekt. "Das Problem hast du doch, wenn du dich für den Guten hältst", sagt er. "Du kannst einer Sache nur ausweichen, wenn du das Böse in dir fühlst. Und das hatte die Leninsche Moral ausgeschaltet. Wir sind die Guten, deswegen ist auch das Böse, was wir tun, eigentlich das Gute."

Das hört man und denkt: unfassbar. Weil man es nicht verstehen kann, wie einer so entschlossen und ohne Zweifel und voll geradeaus zur Stasi ging. Anfang der achtziger Jahre, mit 17, habe er sich bei der Hauptverwaltung Aufklärung, dem Auslandsnachrichtendienst der Staatssicherheit, beworben. Stefan Schwarz sagt über seine Berufswahl heute: "Bei der Stasi gewesen zu sein, das war nicht nur politisch-moralisch oder historisch ein krasser Fehler. Sondern vor allem persönlich, in Hinsicht darauf, was ich von Talent und Neigung her bin." Als Schüler in Schwerin habe er Theater mit Andreas Dresen gespielt, in der elften Klasse, "der war ein Mitschüler von mir. Das habe ich geliebt. Da war die Berufswahl Stasi einfach Bullshit, diese furchtbar bürokratische Behördenarbeit für diesen Geheimdienst."

Anfangs wurde Schwarz in einer "Anti-Terror-Einheit" ausgebildet, eine verschärfte militärische Grundausbildung für Offiziersanwärter. Danach begann er, mit einer Art Stasi-Stipendium, ein Journalistikstudium in Leipzig. Er hatte sich entschieden für: Karriere. Denn was, wenn nicht Karrierebewusstsein, trieb einen zur Stasi, als Hauptamtlichen? In der DDR war das eine Elite-Laufbahn. Die Stasi hätte ihn, nach dem Studium, vielleicht in einer Botschaft eingesetzt. "Mein Job wäre es gewesen, die Presse auszuwerten, mal ein Treffen zu haben", sagt er, "stinklangweilig vermutlich."

Man muss sagen: So wie jetzt relativiert er im Gespräch immer wieder seine Rolle damals. Sein tatsächliches Verhalten lässt sich nicht lückenlos nachvollziehen, seine Personalakte ist in der Stasi-Unterlagen-Behörde nicht zu finden. Schwarz sagt, sein schwerstes Vergehen sei gewesen, drei Leute als IMs vorgeschlagen zu haben – alle drei hätten der Stasi "abgesagt". Er habe sich nach der Wende mit ihnen ausgesprochen.

Manchmal versteigt er sich in die Überzeugung, beinahe innerer Oppositioneller gewesen zu sein: "Karriere im Apparat ist ja nicht gleichbedeutend damit, in jedem Punkt mit allen Holzköppen da oben einverstanden zu sein. Das hat doch Stauffenberg bewiesen. Nur um mal ein ganz krasses Beispiel zu wählen", sagt Schwarz. Im Ernst? Ist das sein Vergleich? Nein, um Gottes willen, er wolle bloß sagen: "Die Trennung in Stasi und Nichtstasi ist der Erzfehler der Wende. Es gab in der Stasi genauso helle, kritische Köpfe wie anderswo. Es ist doch bescheuert, bis heute jedem dieses Etikett anzuheften und zu sagen: So, der war Stasi, also fand der alles dufte, was die DDR so verbockte."

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

»Wir sind die Guten, deswegen ist auch das Böse, was wir tun, eigentlich das Gute.« —
Warum muß ich da an die USA denken, und die, die auch hier häßliches Tun gutheißen und rechtfertigen, in Guantanamo einen Sinn sehen, in den Tuesday Kills was Sauberes und in völkerrechtswidrigen Interventionen etwas Notwendiges?

Der Satz ist allgemeingültig. Für jedes System. Geht dieses System unter, wird er zur Rechtfertigung. Aber erst dann.

Bis auf den NS-Vergleich, den ich -obwohl vom Autor selbst als krass bezeichnet- unpassend finde, denn ob ich Wärter in einem NS-Vernichtungslager oder Stasi Mitarbeiter in Ausbildung bin ist m.E. doch ein erheblicher und qualitativer Unterschied, ein sehr schöner Artikel, gut geschrieben sowohl von als auch über jemanden, der etwas zu sagen hat. Freue mich darauf mehr von den beiden Herren Schwarz zu hören.

Das ist schon paradox: Das die, die am lautesten und überzeugendsten gegen Berufsverbote agieren, diese an anderen Stellen am radikalsten und perfidesten durchsetzen. Als überzeugter Antitotalitärer ist mir die Offenheit und das Selbstverständnis dieses Mannes sympathisch. Und merke: Autoren reifen, wie auch Schauspieler, an den Erfahrungen und Widersprüchen ihrer Biografie. In vielen Redaktionen sind leider heute die opportunistischen "Gutmenschen" gefragter - worunter der Journalismus krankt.