Designer-Paare: Arbeitsbeziehung

© Dennis Brandsma; Lonneke van der Palen, Robert Kot

"Unser Ehrgeiz machte uns blind"

Als Nynke Tynagel, 38, und Job Smeets, 46, sich 1996 in einer Bar in ihrem Studienort Eindhoven kennenlernten, war es Liebe auf den ersten Blick. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht zog Nynke bei ihm ein, und als sie ihr Studium im Jahr 2000 beendet hatte, wurde sie offiziell die zweite Hälfte von Studio Job. Das Designbüro hatte Job Smeets zwei Jahre zuvor gegründet, aber erst gemeinsam fanden sie ihren Stil. Dass dieser irgendwo zwischen Kunst und Design liegt, zeigt auch die Ausstellung Studio Job MAD House im Museum of Arts and Design in New York, die im letzten Monat eröffnete. Vor zwei Jahren trennten sich die beiden, arbeiten aber weiterhin zusammen. Doch bevor sie erklären, wie man trotz Liebesschmerz ein Team bleibt, erzählen sie, wie aus einem Liebespaar ein gutes Team wurde.

ZEITmagazin: Wie arbeitet man mit dem Menschen zusammen, den man liebt?

Job Smeets: Wir haben von Anfang an jeder eine Rolle eingenommen, wie Schauspieler. Ich war der Dummkopf, sprunghaft und voller Ideen, Nynke die Prinzessin. Sie brachte die Geduld und Energie auf, um die Dinge zu Ende zu führen. Die gesamte Idee, zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben, basiert für uns auf dem belgischen Comic Suske und Wiske, in dem ein Junge und ein Mädchen gemeinsam Abenteuer erleben.

ZEITmagazin: Was ist der Vorteil, wenn man mit dem Partner zusammenarbeitet?

Nynke Tynagel: Es gab nie diese blöden Diskussionen darüber, warum der andere wieder so spät nach Hause kommt. Die gemeinsame Arbeit ist unser Leben. Und wenn man dieselbe Leidenschaft teilt, ist es egal, was andere über einen denken.

ZEITmagazin: Das hört sich so an, als hätte Ihr Leben vor allem aus Arbeit bestanden.

Smeets: Die Anfangszeit war verrückt. Wir besaßen so gut wie nichts, schliefen auf der Rückbank unseres Autos und teilten einfach alles miteinander. Wir arbeiteten, betranken uns, gingen ins Bett. Das Design war damals noch sehr an den Gedanken des Bauhauses gebunden, also der Funktion unterworfen. Mit unseren opulenten Entwürfen konnten uns die Leute schwer einordnen, war Studio Job jetzt Kunst oder Design? Wir wollten aber um jeden Preis diese kreative Freiheit genießen. 18 Jahre lang lief es fantastisch.

ZEITmagazin: Was ist dann passiert?

Smeets: Wir beschlossen, für eine Zeit in unser Landhaus zu ziehen. Dort haben wir nur Sport gemacht und gearbeitet. Es war großartig. Aber dann ist das Band gerissen.

Tynagel: Job zog es wieder in die Stadt, aber ich wollte bleiben. Acht Monate verbrachte ich allein in dem Haus. Das war eine sehr spezielle Erfahrung für mich.

Smeets: Nach einem Monat hatte ich so ein schlechtes Gewissen, aber Nynke machte zu. Wir waren wie ein militärisch eingespieltes Team, das nach einem strengen Zeitplan lebt. Am Ende hat es Nynke und mir ein wenig Angst gemacht.

ZEITmagazin: Wieso? Wie sah Ihr Alltag aus?

Smeets: Wir sind um 5.30 Uhr aufgestanden, und Nynke begann den Tag mit Violinespielen. Danach sind wir zusammen ins Fitnessstudio. Gegen halb neun gingen wir ins Studio, besprachen Pläne und aktuelle Projekte. Danach ging jeder an seinen Schreibtisch.

ZEITmagazin: Was ist schiefgelaufen?

Smeets: In der Zeit, in der die meisten Menschen den Spaß ihres Lebens haben, hat Nynke all ihre Energie in unsere Firma gesteckt. Sie war erst 18, ich schon ein paar Jahre älter. Wir haben so viel gearbeitet, und irgendwann fragten wir uns, was wir die letzten 20 Jahren gemacht haben, außer diese großartige Firma aufzubauen.

Tynagel: Vielleicht haben wir es versäumt, jeder für sich eine eigene Identität zu entwickeln.

Smeets: Wir hatten einen Ehrgeiz, der blind machte. Nach 15, 16 Jahren war unsere Firma stabil. Genügend Geld war da, aber anstatt einen Gang runterzuschalten, fing ich an, Kunst und Autos zu sammeln. Nynke kaufte sündhaft teure Violinen. Wir konnten alles haben, was wir wollten, aber dennoch fehlte etwas. Die Zeit auf dem Land führte uns all das vor Augen. Uns wurde bewusst, wie isoliert wir trotz unseres aufregenden Lebens waren.

Tynagel: Mir wurde klar, dass ich Zeit für mich brauchte. Für Job war es schwierig, das anzunehmen, denn es passte nicht mehr in das märchenhafte Bild vom Dummkopf und der Prinzessin, das wir mit unserer Arbeit erzählten.

ZEITmagazin: Sie haben Ihre Trennung in Ihrer Arbeit umgesetzt: Letztes Jahr stellten Sie einen Tisch vor, der das Scheitern Ihrer Beziehung symbolisiert.

Smeets: Wir haben vorher nie gestritten und auch nach der Trennung beschlossen, jetzt nicht damit anzufangen. Lieber wollten wir aus diesem Bruch Inspiration ziehen. Wir haben uns vielleicht als Liebende verloren, aber niemals als Kollegen und Partner.

ZEITmagazin: Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Trennung verändert?

Tynagel: Wir reden weniger miteinander, alles läuft automatischer. In all den Jahren haben wir unsere eigene Sprache entwickelt, wir verstehen uns sozusagen ohne Worte. Deswegen müssen wir auch nicht mehr unbedingt 24 Stunden am Tag zusammen sein, um miteinander kommunizieren zu können.

Smeets: Einmal in der Woche sehen wir uns hier im Studio in Tilburg und reden vielleicht fünf Minuten über die Arbeit, wenn es hochkommt. Sie macht ihr Ding, ich mach meins, und am Ende wird es automatisch eins. So haben wir immer gearbeitet.

Tynagel: Deine Arbeit ist komplexer geworden, was mir gut gefällt.

Smeets: Deine auch. Wir haben uns jeder für sich weiterentwickelt, sind aber immer noch Studio Job.

ZEITmagazin: Machen Sie beide immer noch so viel Sport?

Smeets: Immer noch jeden Tag, aber nicht mehr so früh. Jetzt fange ich vielleicht gegen neun an.

Tynagel: Ich habe auch keinen so strengen Rhythmus mehr. Jeder Tag ist jetzt anders.

Smeets: Ha, da haben wir ja beide mit der Trennung unseren gesunden Lifestyle ruiniert.

ZEITmagazin: Ist das nicht befreiend?

Smeets: Nein, ich habe die Strenge in unserem Alltag geliebt.

Tynagel: Er braucht Disziplin. Deswegen war ich gut für ihn.

Smeets: Ja, ohne Ordnung bin ich komplett verloren. Ich brauche ein kleines Regime in meinem Leben.

Tynagel: Auf der anderen Seite dachtest du auch, so ein Leben sei langweilig.

Smeets: Es war nicht langweilig, aber irgendwie habe ich angefangen, Autos und Kunst zu sammeln. Was auch nicht sonderlich erfüllend war.

ZEITmagazin: Glauben Sie, die Arbeit war am Ende schuld daran, dass die Romantik auf der Strecke blieb?

Beide: Nein!

Tynagel: Wir hatten viel Romantik. Aber die Dinge müssen nicht für immer sein, das habe ich gelernt. Trotzdem es ist schon unglaublich, dass wir in dieser Phase trotzdem weitergearbeitet haben, oder?

Smeets: Ja, es war das Beste, was wir tun konnten.

ZEITmagazin: Wird es Studio Job denn vielleicht irgendwann auch wieder als Liebespaar geben?

Smeets: Der Zeitpunkt für die Trennung war richtig. Nynke ist noch jung und ich nicht so alt. Man kann zusammenbleiben, aber man kann eben auch ein neues Kapitel aufschlagen. Vielleicht kommen wir auch in fünf oder zehn Jahren wieder zusammen. Wir haben uns nicht getrennt, weil wir uns hassen.

Tynagel: Nein, nur ein bisschen.

Smeets: Blöde Kuh! Vor ein paar Monaten fragte ich Nynke, was sie seit unserer Trennung vermisst. Sie sagte, es fehle ihr nichts außer unserem gemeinsamen Humor.

Von Inga Krieger

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