Harald Martenstein Über lästige Einbrecher und machtlose Polizisten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 16/2016

Mit Einbrechern habe ich eigentlich immer Glück. Sie brechen die Tür auf, nehmen etwas mit und gehen wieder, fertig. Verwüstungen gab es noch nie. Meine Einbrecher sind, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, gute Jungs.

In den letzten Jahren ist bei mir drei Mal eingebrochen worden. Der Einbruch, aktiv ausgeführt oder passiv erlitten, gehört zum Berliner Lifestyle. Nach einem Einbruch kommt die Polizei. Die Polizistinnen und Polizisten sind immer sehr nett, diese kleine Plauderei mit der Polizei ist der angenehmste Teil bei einem Einbruch. Sie erzählen von all den anderen Einbrüchen, während sie routiniert nach Fingerabdrücken suchen. Fast jede Bande hat ihre eigene Handschrift, wie ein Künstler. Die Polizisten erwischen so gut wie nie jemanden, das sagen sie einem auch. Die Wohnung total zu sichern ist nahezu unmöglich, sie sehr gut zu sichern kostet einen Haufen Geld. Ich schütze mich, indem ich nichts Wertvolles besitze. Man sollte aber immer etwas Geld auf den Küchentisch legen, wenn man ausgeht, so was wie 100 Euro, dann sind die Einbrecher zufrieden und bleiben friedlich. Jetzt hat ein gewisser Draghi in der EU die Zinsen auf null gesenkt, die EU will, dass ich mein Geld abhebe und teure Sachen kaufe. Tut mir leid, das kann ich nicht machen.

Als ich von der letzten Lesereise zurückkam, war wieder die Klingelanlage an der Haustür kaputt. In der Klingelanlage steckt ein Teil, das teuer ist und sich verkaufen lässt, deshalb brechen Diebe die Anlage auf und reißen das teure Teil heraus. Ein bisschen lästig ist das schon. Ich war nur kurz zu Hause, dann fuhr ich wieder nach Süddeutschland.

Spätabends saß ich an einer Hotelbar, der Fernseher lief. Das Hotel lag in der Nähe des Bahnhofs. Eine Gruppe von jungen Männern saß ebenfalls an der Bar, sie unterhielten sich auf Englisch, obwohl Englisch offensichtlich nicht ihre Muttersprache war. Die Jacke lag neben mir auf einem Barhocker. Am nächsten Morgen merkte ich, dass jemand meine Brieftasche aus der Jacke herausgezogen und sie geleert hatte.

Der Polizist in der Bahnhofswache war wieder sehr nett, er sagte: "Sie glauben gar nicht, was hier am Bahnhof in letzter Zeit los ist." Immer mehr Banden seien unterwegs, die so perfekt in ihrem Job sind, dass die Polizei nichts machen kann. Die anderen sind einfach die Stärkeren, selbst wenn du sie bei der Tat beobachtest, bist du machtlos, sagte der Polizist. Bis du sie festnimmst, haben sie ihre Beute längst weitergegeben. Meine Anzeige zu erstatten dauerte dagegen eine Stunde. Ich glaube, die realistischste Lösung besteht darin, dass der Staat diese Diebesbanden in den höheren Polizeidienst übernimmt. If you can’t beat them, buy them, heißt so ähnlich nicht ein amerikanisches Sprichwort?

Eine der erfolgreichsten Banden am Bahnhof, erzählte der Polizist, bestehe aus drei staatenlosen Damen, einer Oma mit ihren beiden Enkeltöchtern. Die alte Frau gehe am Stock, sei aber mit den Händen schneller als Billy the Kid mit dem Colt. Wegen ihrer Staatenlosigkeit könne man die drei nicht abschieben, auch das hohe Alter der Oma sorge dafür, dass man ihr nicht viel anhaben kann. Der Polizist gab ein paar Ratschläge. Die Polizeikameras, die den Bahnhof überwachen, seien leider so billig und schlecht, dass auf ihnen nichts Genaues zu erkennen ist. In den Geschäften, zum Beispiel bei Rossmann, seien die Kameras dagegen gut. Die Oma weiß es auch. Bei Rossmann ist man relativ sicher. Aber das soll jetzt keine Schleichwerbung sein.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Martenstein hat recht, das Beste um sich vor Einbrechern zu schützen, ist nichts groß Wertvolles zu besitzen.

Dann sollte man aber nicht sein Notebook auf dem Küchentisch stehenlassen. Ist schnelles Geld für Einbrecher, kann aber - sofern man seine Daten nicht regelmäßig sichert - ein hoher ideeller Verlust sein.
Der Vorschlag mit dem Geld auf dem Küchentisch war deshalb ziemlicht gut, befriedigt den Kleinverbrecher und Junkie und schützt vielleicht davor, dass der auf der Suche nach Verwertbarem alle Schubladen durchwühlt.