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Ray und Charles Eames Love Is in the Chair

Wie Ray und Charles Eames durch ihr Design die Welt veränderten – ein Gespräch mit ihrer Enkelin und einem Sammler ihrer Möbel. Interview:
ZEITmagazin Nr. 16/2016

Hat man es aus dem Verkehrsstau hoch nach Pacific Palisades geschafft, wird es auf einmal ganz still. Nur der Blick hinunter auf die bebauten Strände verrät einem noch, dass man sich in Los Angeles befindet. So friedlich ist es hier, wo zwischen den sich im Wind wiegenden Eukalyptusbäumen das Haus des wohl bekanntesten Designerpaars überhaupt steht: das Haus, in dem Ray und Charles Eames gelebt haben.

Die Entwürfe des Ehepaars gehören zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Ihre berühmten Stühle sind so bequem, dass man sie überall findet: in Flughäfen, Kantinen oder Konferenzräumen. Aber nicht nur den öffentlichen Raum, sondern vor allem das Wohnen haben Ray und Charles Eames geprägt. Bis heute bringen sie Erwachsene dazu, Jacken an quietschbunten Garderoben aufzuhängen und auf knalligen Plastikstühlen Platz zu nehmen. So manche Farbkombination lässt einen einfachen Raum aussehen wie ein Gemälde von Piet Mondrian.

Ray und Charles Eames wollten keine Designstars sein, sondern clevere Möbel machen, die erschwinglich sind. Der Lounge Chair ist ihr bekanntester Entwurf: In seiner Form erinnert er an einen Baseballhandschuh, der den Körper umfängt. Ein gemütlicher Clubsessel, in den man sich reinkuscheln kann, aber aus dem man trotzdem ohne Mühe wieder hochkommt. Er wird, wie nahezu alle Produkte, die Ray und Charles Eames von 1941 bis 1978 entworfen haben, immer noch produziert. Wie fortschrittlich das Paar dachte, zeigen übrigens auch ihre zahlreichen avantgardistischen Filme.

Das Haus in Kalifornien, in dem sie von 1949 an wohnten, ist noch genau so, wie sie es erdacht haben. Als sogenanntes Case Study House No. 8 ist es für einen Designwettbewerb des Arts & Architecture Magazine entstanden. 36 Architekten entwarfen Modellhäuser, die günstiges Wohnen ermöglichen sollten. Das Haus der Eames ist das bekannteste. Ihre Idee: ausschließlich Materialien zu verwenden, die industriell hergestellt wurden. Die einzelnen Elemente – vom Außengerüst aus Stahlträgern über die Wendeltreppe im Haus, die eigentlich aus dem Bootsbau stammt – haben die Eames nicht entworfen. Erst durch ihre Idee wurde aus den vorgefertigten Einzelteilen eine nahezu transparente Wohnikone, mit hohen Decken und wandgroßen Fenstern. Ein Haus, das das Motto der Eames widerspiegelt: "Das meiste vom Besten möglichst günstig für alle".

Bevor die Eames das Grundstück bebauten, nutzten sie es vier Jahre lang nur für sich.

Sie machten Picknicks, ließen Drachen steigen oder studierten die Natur mit der Kamera. Bis heute können Mitglieder der Eames Foundation hier verweilen und von außen das Haus erkunden. Zu verdanken ist das der Leiterin der Stiftung, Lucia Dewey Atwood, einem der fünf Enkelkinder von Charles Eames. Mit ihr und dem Eames-Experten und Filmemacher Daniel Ostroff sprachen wir über die Beziehung des berühmten Designerpaars. Denn über die Möbel der Eames ist viel bekannt. Aber wie waren Ray und Charles Eames als Lebenspartner? Wo begann ihre Liebesgeschichte? Und was hielt sie nahezu vierzig Jahre ihres Lebens zusammen?

ZEITmagazin: Frau Atwood, Herr Ostroff, in diesem Haus verbrachten Ray und Charles Eames mehr als zwanzig Jahre zusammen. Welche Rolle spielte dieses Haus in ihrer Beziehung?

Lucia Dewey Atwood: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, wenn wir als Kinder zu Besuch waren. Immer wenn die beiden aus dem Studio nach Hause kamen, stieg Ray aus dem Auto und atmete erst mal tief durch. Dabei lächelte sie. Sie wirkte wie befreit. Wenn es warm genug war, frühstückten wir draußen an ihrem Lieblingsplatz, auf der kleinen Terrasse hinter dem Haus. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick in den Garten und auf das Meer. Ray hatte die Gabe, vollkommen im Moment zu sein. Sie hatte so viel Freude an Dingen, die anderen gar nicht auffielen. Wir saßen oft still da, mit unseren Kaffeetassen in der Hand, und Ray schaute einfach. Ich liebte es, ihr dabei zuzusehen, wie sie die Umgebung wahrnahm. Ich hatte das Gefühl, für einen Moment die Welt durch ihre Augen sehen zu können.

ZEITmagazin: Was macht für Sie das Besondere dieses Hauses aus?

Daniel Ostroff: Hätten Ray und Charles nicht erst ihr Grundstück erkundet, hätten sie vielleicht den gleichen Fehler gemacht, den viele Architekten begehen. Nämlich die Natur mit dem Bau zu zerstören. Durch ihre Wertschätzung ist ihnen eher das Gegenteil gelungen: Die Spiegelung der Bäume in den großen Fensterscheiben hebt den Gegensatz von Natur und Industrieprodukt vollkommen auf.

ZEITmagazin: Charles war Architekt, Ray Künstlerin – wann und wo hatten die beiden sich kennengelernt?

Ostroff: Das war 1940, als Charles als Dozent an der renommierten Cranbrook Academy in Michigan arbeitete. Ray Kaiser kam gerade aus New York, wo sie unter dem deutschen Künstler Hans Hofmann gelernt hatte. In diesem Jahr entwarf Charles mit seinem Freund und Kollegen Eero Saarinen gerade einen Stuhl aus Sperrholz, den sie bei einem Wettbewerb des MoMA für nachhaltiges Design einreichen wollten. Dafür mussten Zeichnungen und Modelle gefertigt werden, an denen Ray – das erzählte Charles – zusammen mit anderen Studenten arbeitete. Der Entwurf des Plywood Chair gewann die Ausschreibung und überzeugte vor allem durch sein Konzept: Eames und Saarinen wollten einen Stuhl entwerfen, der ohne Federn oder Polster bequem ist. Allein die Form des Holzes sorgte für Komfort. Der Stuhl legte den Grundstein für Rays und Charles’ Zusammenarbeit. Danach waren sie unzertrennlich.

Atwood: Sie beide waren unglaublich zurückhaltend, was ihr Privatleben betrifft. Über ihr Kennenlernen haben sie nie mit uns gesprochen. Aber sie erkannten, dass sie zwei verwandte Seelen waren, die stets im Moment lebten und trotzdem die Zukunft verändern wollten. Sei es mit Stühlen, Filmen oder auch nur mit einem schönen Picknick.

ZEITmagazin: Charles ließ sich für Ray scheiden.

Ostroff: Ja, ich glaube, nachdem er Ray getroffen hatte, fühlte er sich ohne sie an seiner Seite nicht mehr wohl. In einem Brief hielt er um ihre Hand an. Darin malte er ihr gemeinsames Leben aus. Sie würden Filme drehen, von Möbeln war kaum die Rede. Das Interessante aber war, dass Charles ihr kein Leben voller Romantik versprach. Er schlug ihr ganz klar eine Partnerschaft vor.

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