Schreiner Aus gutem Holz

ZEITmagazin Nr. 16/2016
Der Schreiner Josef Eham und seine Ex-Frau Monika geben modernen Räumen eine Geschichte. Von

Wer Josef Eham verstehen will, seine Arbeit, sein Lebenswerk, der muss ihn zu Hause besuchen, auf seinem Bauernhof in der Nähe des Schliersees in Oberbayern. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jahrhundert. Eham hat es so hergerichtet, dass so viel wie möglich von den Dingen, die ihn faszinieren, erhalten geblieben sind. Die Wände im Flur sehen noch so aus wie früher. Sie bestehen aus schrundigen Balken, die mit Äxten geschlagen wurden, weil es damals keine Sägen gab. Ein Schrank verströmt den zitronigen Duft von Zirbelholz, der auch nach Hunderten von Jahren nicht verfliegt.

Designmöbel gibt es in seinem Haus keine, dafür viel Selbstgebautes. Etwa die Sitzbank im Wohnzimmer, sie ist aus dem Balken einer ehemaligen Weinpresse gefertigt. Oder die Schiebetür zwischen Küche und Wohnzimmer, Eham ließ sie aus einem wettergegerbten Scheunentor heraussägen. Er mag es, wenn man Holz ansieht, wie viele Jahre es schon hinter sich hat. Zerfurcht, verwittert: "Ist doch schön", sagt er in seinem tiefen, dunklen Bayerisch. "Lebt doch."

Josef Eham ist 57, ein Mann mit der Statur eines Bergsteigers, schlank und sehnig. Bis heute geht er jedes Wochenende in die Berge. Die liebt er schon immer, und fast hätte Eham mal ein Bergsteigergeschäft eröffnet, denn eigentlich interessierte ihn das Bergsteigen mehr als irgendein anderer Beruf. "Gott sei Dank ist das nichts geworden", sagt er.

Er hat dann eine Schreinerei gegründet, die schnell sehr erfolgreich wurde. Josef Eham ist bekannt dafür, dass man bei ihm das Besondere findet. Von München bis Berlin stattet er Wohnungen und Häuser aus. Er benutzt dabei häufig ein Material, das er so gut kennt wie kein anderer: altes Holz. Und er rückt es gerade dort in den Mittelpunkt, wo man es nicht unbedingt erwartet, etwa in minimalistisch ausgestatteten Lofts. Ehams Stil ist das absolut Schnörkellose, aufgebrochen nur von besonderen Materialien.

Die Vorhänge, Stoffe und Möbel, die dazu passen, stammen von Monika Eham. Seit 30 Jahren arbeiten Josef und Monika Eham zusammen, vor zehn Jahren trennten sie sich als Paar. Josef Eham lebt auf dem Hof jetzt mit seiner neuen Lebensgefährtin, aber seine Ex-Frau und er sind einander verbunden geblieben. Monika Ehams Einrichtungsgeschäft befindet sich gleich hinter dem Bauernhof im ehemaligen Stallgebäude. Viel Buntes gibt es hier: Decken, Kissen, Sofas, sogar Blumenmuster – eigentlich das Gegenteil von Josef Ehams Stil. Monika Eham ist klein und zierlich, sie sagt: "Das ganz Puristische ist mir zu kalt. Ich brauche Farbe und auch mal was Gemütliches." Wie kann das funktionieren?

Was die Schreinerei Eham ausmacht, begreift man besser, wenn man den Hof verlassen hat und auf der schmalen Straße ein paar Hundert Meter bergab gelaufen ist, an grünen Wiesen vorbei. Im Sommer grasen hier Josef Ehams 40 Kühe, denn er ist nebenbei auch noch Bauer, er besitzt sogar eine Alm. Er wolle dazu beitragen, dass all das Schöne hier erhalten bleibt, sagt er.

Am Fuß des Hügels, direkt unterhalb des Hofs in dem Dorf Hausham, befindet sich seine Schreinerei. Sie ist in einem Holzhaus mit breitem Giebel untergebracht, als wolle sie auf keinen Fall als Industrieunternehmen auffallen. Eham führt den Besucher in den ersten Stock, wo seine Projektleiter und Innenarchitekten in betongrauen Büros vor Flachbildschirmen sitzen.

Das Gebäude für seine heute 70 Mitarbeiter hat Eham 2001 gebaut. Seitdem hat er zwei Wirtschaftskrisen durchgestanden. Er musste feststellen, dass auch sehr wohlhabende Leute in Krisen plötzlich aufs Geld achten; die Firma hat trotzdem überlebt. Wie gut es ihr heute geht, zeigen die neuen Ausstellungsräume, sie sind erst voriges Jahr fertig geworden: glänzende Oberflächen, ein gewaltiger weißer Tisch, viel Holz.

In einem dieser Räume hat Josef Eham seine eigenen Schmuckstücke an einer Wand aufgereiht: Holzstücke in unterschiedlichen Farben und Texturen, sie hängen da wie Kunstobjekte. Fichte, Tanne, Lärche, Kiefer, Eiche. Alles alt. Ein verwittertes, dunkelbraunes Brett stammt von der Außenwand eines Bauernhofs. "Die Sonnenseite", erklärt Eham, "daher die dunkle Farbe." Das Holz daneben ist grau. "Von der Wetterseite." Ein anderes Stück ist fast schwarz und ganz zerklüftet, denn es wurde noch mit Äxten behauen statt gesägt, wie die Wand im Flur in Ehams Hof. All diese Hölzer verbinde, sagt Eham, dass sie "eine Geschichte erzählen."

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