Stilkolumne Luxus aus dem Drucker

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 17/2016

Die Technik hat in den vergangenen Jahren riesige Fortschritte gemacht: Der Digitaldruck ist in die dritte Dimension vorgedrungen. Ein 3-D-Drucker besteht aus einer Düse, die eine Kunststoffmasse Punkt für Punkt auf einen Untergrund aufspritzt. Wenn die Masse erhärtet ist, wird die nächste Schicht aufgetragen. So lassen sich schier unbegrenzte Formen zaubern. Natürlich sind mit solchen Geräten allerlei Wunschvorstellungen verbunden. Etwa die, dass sich praktisch jeder Gegenstand, den man besitzen möchte, auf diese Art ausdrucken ließe. Man würde neue Möbel nicht mehr kaufen und zu Hause zusammenschrauben, man könnte sie einfach downloaden und ausdrucken. Das klingt wie Science-Fiction – tatsächlich aber wird in den Niederlanden derzeit ein Haus ausgedruckt. Jeder Baustein kommt aus einem Riesendrucker und wird vor Ort produziert. Man könnte also künftig gegebenenfalls nicht nur die Möbel, sondern auch das Haus, in dem man wohnt, aus dem Drucker holen. Leider kann man noch nicht den Partner ausdrucken, mit dem man gemeinsam darin wohnen will.

Immerhin wird es bald möglich sein, Kleidung auszudrucken. Bei Unterwäsche und Schuhen funktioniert das schon. Akris hat für seine aktuelle Kollektion Schmuck von einem Berliner Startup ausdrucken lassen. Mit solchen Techniken lassen sich nun Strukturen verwirklichen, die früher kaum herzustellen gewesen wären. Doch nicht jede technische Neuerung bringt zwangsläufig auch eine neue Ästhetik mit sich. In der Möbelindustrie kamen erst die Glasfaser und später das PVC als Werkstoffe auf, in der Mode das Nylon. Die neuen Materialien ermöglichten die Entwicklung komplett neuer Stoffe. Doch bis heute gelten Möbel und Kleidung aus Plastik beziehungsweise Nylon als billig und wenig attraktiv. So würde es wohl auch allem gehen, was aus einem 3-D-Drucker kommt. Denn in einem ausgedruckten Haus zu wohnen bedeutet, in einem Plastikhaus zu wohnen.

Anders wird es sich erst dann verhalten, wenn nicht mehr mit Plastik, sondern anderen Materialien gedruckt werden kann. Bei Panerai hat man nun die erste Luxusuhr vorgestellt, die aus dem Drucker kommt. Mit einem Laser wird Titan zum Schmelzen gebracht und dann punktgenau aufgebracht. Daraus wurde ein Uhrengehäuse für ein Tourbillon geschaffen, das extrem leicht ist, weil man in das Gehäuse Hohlräume einarbeiten konnte. Dadurch wird die Uhr sehr leicht, fast wie ein Stück Plastik. Ohne moderne Printer-Technik wäre das nicht möglich gewesen.

Foto: Panerai Tourbillon Lo Scienziato PAM578

Kommentare

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Wenn die Bauteile des Uhrwerks erst lasergesintert, lasergeneriert oder lasergecused werden, dann kommt wieder die Zeit der Uhrmacher. Diese können dann die Uhr ihres Herzens nicht nur am Rechner planen, sondern ggf. die Teile für die Uhrwerke ihrer Einzelstücke einfach in der Werkstatt ausdrucken. Noch interessanter ist es, wenn defekte Teile eingescannt, komplettiert und die Ersatzteile gedruckt werden können.

Ich möchte die Anmerkung von "ikstej" noch ergänzen: Bereits die Beschreibung des 3D-Druckes in den ersten Zeilen ist fehlerhaft. Sie beschreiben das FDM-Verfahren. Der ausgeschmolzene Kunststoff wird hier jedoch nicht Punkt für Punkt, sondern vor allem in eng aneinanderliegenden Bahnen aufgebracht. Dasselbe gilt auch für den Druck mit Titan. Das Material wird nicht ausgeschmolzen und dann punktuell aufgebracht, sondern ein Titanpulver mit dem Laser exakt dort aufgeschmolzen, wo sich später das Bauteil befindet, Zeile für Zeile und Lage für Lage. Am Ende wird das Bauteil aus dem Pulverbecken entnommen.

Der erste Satz des letzten Absatzes suggeriert sogar, dass man bisher fast nur mit Kunststoff drucken könne. Auch das ist so nicht richtig. Es gibt kaum ein Material, an dass sich die 3D-Drucker-Ingenieure in den letzten 10 Jahren nicht herangemacht haben. Dutzende verschiedene Kunststoffe, Metalle aller Art, Gips, Papier, Beton, Schokolade, Holz,... das gibt es alles schon. Das meiste davon wird längst auch kommerziell eingesetzt.

3D-Druck ist zugegeben immer noch eine ziemlich neue Sparte. Eine einstündige Recherche im Netz (Wikipedia und Youtube) dürfte jedoch ausreichen, um die Verfahren etwas korrekter beschreiben zu können und nicht den Eindruck zu hinterlassen, das wäre immer noch eine Kuriositäten-Branche.

Ich selbst arbeite als digitaler Bildhauer für ein Unternehmen, das verschiedene 3D-Drucktechniken einsetzt.