Das war meine Rettung: "Ich habe mir mein eigenes politisches Programm gestrickt"

Als die Professorin Gesche Joost in die Politik ging, erinnerte sie sich an einen Satz ihrer Eltern. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 17/2016

ZEITmagazin: Frau Joost, strengt es Sie manchmal an, nie offline zu sein?

Gesche Joost: Nein, ich glaube eher, das ist das neue "normal". Im Zuge des NSA-Skandals war ja häufig so eine intuitive Reaktion: Dann sei halt nicht auf Facebook, dann mach halt mal dein Handy aus. Das hilft heute nicht mehr. Selbst wenn ich mein Handy ausmache, werde ich geortet. Deshalb müssen wir darüber nachdenken, wie wir digitale Souveränität sicherstellen können. Zum mündigen Bürger muss gehören, dass er selbst entscheiden kann, welche Daten er vernetzt.

ZEITmagazin: Es gibt ja das kulturkritische Vorurteil, dass wir zwar immer mehr kommunizieren, aber immer substanzloser.

Joost: Genau, und dagegen rettet man sich dann mit digital detox, "digitaler Entgiftung". Das halte ich für Unsinn – aber sicher muss man selber seine Schwerpunkte setzen. Wie mein Doktorand, der sagt: Während meiner Doktorarbeit mache ich Facebook-Fasten. Ich selber habe auch meine geschützten Zonen: Vertiefe ich mich in ein Thema, nutze ich kein Handy. Das braucht man, sonst verzettelt man sich.

ZEITmagazin: Wann verzetteln Sie sich?

Joost: Beim Schreiben. Wenn ich versuche, die Gedanken wieder einzufangen und sie in eine lineare Logik zu bringen – weil die Logik im Netz nicht linear ist, sondern hypertextuell und immer parallel. Ich denke eher vernetzt und visuell, Schreiben ist da eine gute Gegenbewegung.

ZEITmagazin: In Ihrem Labor an der Berliner Universität der Künste forschen Sie an zukunftsträchtigen Techniken. Fühlen Sie sich mit Ihrer Zukunftsgewissheit einsam diesem Land?

Joost: Ja, damit bin ich manchmal allein. Ich erlebe unterschiedliche Welten: In der Politik, in der EKD. In meiner Forschung ist alles vernetzt, für andere ist das Internet jedoch noch wie in den neunziger Jahren: Mal eine E-Mail schreiben oder eine Website entwerfen. Unsere Zukunftssorge ist schon sehr deutsch, ich erlebe keinen Aufbruch ins digitale Zeitalter. Damit stehen wir in einer kritischen Tradition, die ich schätze, andererseits werden wir zu langsam in unserer Entwicklung, da wir eine gewisse Saturiertheit erlangt haben.

ZEITmagazin: Es geht uns zu gut, um in die Zukunft aufzubrechen?

Joost: Ja, manchmal denke ich das. Ich merke das auch hier in meinem Labor: Wenn junge Leute aus anderen Ländern kommen, merkst du sofort: Die bringen eine Dynamik mit, die wollen was. Während Deutsche, die aus etablierten Strukturen kommen, manchmal gar nichts wollen – die sind zufrieden mit dem, was ist.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass wir in 20 Jahren trotzdem ein glücklicheres Land sein werden?

Joost: Ich glaube, dass mehr Herausforderungen auf uns zukommen werden, und diese Zufriedenheitsblase wird platzen. Wir müssen uns mal schütteln und neu sortieren, um wieder wertzuschätzen, was wir erreicht haben. Wenn wir die freiheitliche Gesellschaft weiter entwickeln können, ist das ein hohes Gut.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie auf eine Rettung angewiesen waren, für die keine App zur Hand war?

Joost: Als Peer Steinbrück mich 2013 fragte, ob ich in sein Kompetenzteam möchte, war das ein Sprung ins kalte Wasser. Ich war ja noch nie vorher auf einer politischen Bühne. Das war so eine Situation, in der ich mich fragte: Kann ich das? Was wird da von mir erwartet? Woher bekomme ich das parteipolitische Wissen?

ZEITmagazin: Wie haben Sie Antworten gefunden?

Joost: Meine Eltern haben mir früher immer gesagt: Du machst das schon! Sie haben mir ein Grundvertrauen mitgegeben. Das ist eine sehr gute Bank. Ich sagte mir: Na, Peer Steinbrück muss es ja selbst wissen, wenn er meint, ich kann das. Wird er sich schon was dabei gedacht haben. Nachdem ich gefragt wurde, sollte erst mal alles geheim bleiben. Es folgte also so eine U-Boot-Phase, bevor der Vorhang gelüftet werden sollte. Schließlich war aber doch etwas durchgesickert, und an einem Samstagmorgen um sieben Uhr sagte man mir: Gleich ruft dich jemand von der Süddeutschen an. Jetzt ist es offiziell, jetzt musst du auftauchen. Und ich dachte: Ich bin doch gar nicht vorbereitet! Ich glaubte, im politischen System sei alles geregelt. Da gibt es so große Strategien an den Wänden mit Timelines und Dossiers. Aber Fehlanzeige. Ich habe mir mein eigenes politisches Programm gestrickt, mit der Hilfe vieler Kollegen der SPD. Wenn ich da dieses Selbstvertrauen nicht gehabt hätte, das mir meine Eltern mit auf den Weg gegeben haben, wäre das in die Hose gegangen.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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