Integration Mein arabischer Vater

ZEITmagazin Nr. 17/2016
Es heißt, die Flüchtlinge würden unser Land verändern. Aber es geht auch umgekehrt. Davon erzählt unsere Autorin. Von

Es war kurz nach Silvester, als ich wieder einmal mit meinem Vater telefonierte. Er fragte mich, ob ich schon gehört habe, was in Köln passiert sei. Schlimm sei das, sagte er. "Diese Männer, die kommen einfach nicht zurecht mit den Freiheiten, die Frauen hier haben. Das sind sie nicht gewohnt." Er klang empört und hatte sein Urteil bereits gefällt. Er zweifelte nicht an den Meldungen, in denen es hieß, dass Männer "nordafrikanischer Herkunft" Hunderte Frauen beklaut und sexuell belästigt haben.

Mein Vater Adly ist ein Mann nordafrikanischer Herkunft. Er hat einen deutschen Pass, aber er kommt aus Ägypten. Er verurteilte die vermeintlichen Täter von Köln sofort: "Die denken, dass die Frauen in Deutschland leicht zu haben sind", sagte er. Gegen solche Typen müsse man etwas unternehmen.

Ich war etwas zurückhaltender. Ich fand, dass man noch zu wenig wusste über das, was passiert war. Vor allem aber machte ich mir Sorgen um die Stimmung in Deutschland. Denn von nun an diente allen, die schon immer Vorurteile gegen arabische Einwanderer hatten, "Köln" (wie es fortan nur noch heißen sollte) als Beweis dafür, dass ihre Ressentiments begründet waren. Das veraltete Frauenbild der Migranten. Männer, die sich einfach nehmen, was sie wollen, notfalls mit Gewalt.

Und selbst denjenigen, die anerkannten, dass nordafrikanische Männer nicht wahllos Frauen belästigen, machte die große Zahl der männlichen Flüchtlinge nun mehr Angst. Die Frauen, so hieß es, hätten zu befürchten, dass die Errungenschaften des Feminismus über den Haufen geworfen würden. Als ob arabische Männer sich unserem Leben generell nicht anpassen könnten. Als ob Wertvorstellungen unveränderbar seien. Der arabische Mann ist demnach unverbesserlich.

Anfangs wollte ich die Nachrichten über jene Nacht gar nicht lesen, ich versuchte sie auszublenden. Eine Technik, die man anwendet, wenn einem etwas besonders nahegeht.

Anders mein Vater, der sich offenbar völlig von den Ereignissen distanzieren konnte. Als käme er gar nicht auf die Idee, dass sie etwas mit ihm zu tun haben könnten, so sehr ist er Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Und mir fiel auf, wie sehr er sich verändert hatte. Er hatte genau das getan, was viele den Flüchtlingen, die jetzt kommen, nicht zutrauen: Er hatte sich angepasst, war über viele Schatten gesprungen.

Ich habe mich nach diesem Telefonat an meine Kindheit erinnert. Wie es war, mit einem ägyptischen Vater aufzuwachsen. So modern, wie er jetzt am Telefon klang, dachte er nicht immer. Man könnte sagen: Was in diesem Land im Großen geschieht und geschehen wird, haben meine Geschwister und ich im Kleinen erlebt. Meine Mutter ist Deutsche, aber die Herkunft meines Vaters war für unsere Erziehung prägend, vor allem für uns Töchter.

Wir haben in meiner Familie alle ein enges Verhältnis zueinander, meine Eltern, meine beiden Brüder, meine Schwester und ich. Obwohl ich ein paar Hundert Kilometer von ihnen entfernt wohne, sehe ich sie alle paar Wochen. Meine Eltern wohnen in einem großen Haus, damit wir mit unseren Kindern immer zu Besuch kommen können. Familie, das ist für mich gleichbedeutend mit einem Felsen: unzerstörbar und immer da. Das ist die positive Seite, und ich bin mir sicher, dass das auch mit der Mentalität meines Vaters zu tun hat. Die Familie als Kraftzentrum, das erlebe ich in orientalischen Familien häufiger als bei meinen europäischen Freunden. Mittlerweile finde ich, dass dieser Zusammenhalt den Zwist, den ich früher mit meinem Vater hatte, mehr als aufwiegt.

Meinem Vater wäre es sicher am liebsten, ich würde nur über die guten Erfahrungen schreiben. Aber weil zurzeit so viel vom "arabischen Mann" die Rede ist, interessiere ich mich mehr für den Weg, den er gegangen ist. Er entstammt einer Familie, in der noch die Eltern die Ehepartner der Kinder ausgesucht haben. Für ihn war eine seiner Cousinen vorgesehen – Nana oder Yvonne. Er entging der Hochzeit, weil er erst mal ein Stipendium für Deutschland annahm. Dort lernte er dann meine Mutter kennen und heiratete sie.

Wie lief der Prozess seiner Wandlung ab? Reibungslos ging das nicht – vor allem meine neun Jahre ältere Schwester bekam das zu spüren. "Sie litt ziemlich unter mir", sagt mein 81-jähriger Vater heute selbstkritisch.

Ich merkte das, lange bevor ich selbst in die Pubertät kam: Klassenfahrten und auch der Schwimmverein, in den meine Schwester Angèle ging, waren ihm suspekt. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein rein freundschaftlicher Umgang zwischen Jungen und Mädchen möglich ist. Er mochte es nicht, wenn wir Mädchen direkt aus dem Bad zum Frühstück kamen, nur mit Bademantel bekleidet. Auch enge Hosen fand er ordinär. "Zieh dir doch was Anständiges an", war einer dieser Sätze, die ich oft hörte. "Anständig" und "unanständig", das war das Spannungsfeld, in dem wir aufwuchsen. Der Begriff der Ehre, die sonst verletzt würde, fiel bei uns zu Hause nie. Aber gemeint war etwas Ähnliches.

Wir waren die einzigen arabischstämmigen Kinder in unserem bayerischen Kleinstadtviertel. Nach außen gab es bis auf die schwarzen Haare und den etwas dunkleren Teint keinen großen Unterschied zwischen uns und den anderen. Nur manchmal blitzte er auf.

Der erste Konflikt, der meiner Schwester in Erinnerung geblieben ist, ereignete sich, als sie elf war. Damals fragte unsere Cousine sie, ob sie mit ihr Reiterferien machen würde, in der bayerischen Stadt, in der ihre Oma lebte. Mein Vater erlaubte es nicht. Meine Schwester verstand das überhaupt nicht. "Wenn ich fragte, warum, bekam ich keine Antwort. Es hieß nur: ›Ich möchte das nicht.‹ Für mich machte es einfach keinen Sinn", sagt sie.

"Ich kann mich daran nicht mehr erinnern", sagt mein Vater heute. Er macht eine Pause, sucht nach Worten. "Es tut mir leid, dass sich das deiner Schwester so ins Gedächtnis gegraben hat." Er habe damals wohl nicht darauf vertraut, dass jemand anderer sich in seinem Sinne um seine Tochter kümmern würde. Er wollte die Kontrolle nicht abgeben.

Für meinen Vater drohte immer Gefahr, wenn Jungen und Mädchen zusammenkamen. Männern gegenüber, sagte er, sollten wir prinzipiell misstrauisch sein. Ich erinnere mich, dass ich als Mädchen die Väter meiner Freundinnen nie besonders mochte. Es gab keinen Grund dafür, nichts war vorgefallen, aber sie waren mir fast alle suspekt.

Während meine Freundinnen mit ihren Eltern alles Mögliche besprachen, behielten wir vieles für uns. Ich war überrascht, als mir eine Freundin erzählte, sie hole sich bei ihrem Vater Rat. Er gratulierte ihr, als sie ihre Periode bekam. Obwohl ich meinen Vater als liebenden Menschen wahrnahm, war er in solchen Fragen gewiss nicht meine Vertrauensperson.

Wie viele Diskussionen es zwischen unseren Eltern um unsere Erziehung gab, wussten wir nicht. Sie fanden hinter geschlossenen Türen statt, abends, wenn wir im Bett lagen. Ich vernahm davon nicht mehr als ein Gemurmel, aber uns war allen klar, dass mein Vater die Linie vorgab. Er war die Legislative, meine Mutter die Exekutive – es sei denn, etwas missfiel ihr so, dass sie sich für uns in den Ring warf. Sie war zu Hause und kümmerte sich um uns, er kam um 18 Uhr. Manchmal sagte sie zu uns: "Da musst du am Abend deinen Vater fragen." Je älter wir wurden, desto öfter hörten wir diesen Satz.

Von unseren alten Kämpfen ist nicht mehr viel zu spüren, als wir Töchter uns jetzt mit meinem Vater bei mir in Berlin treffen. Wir gehen zusammen spazieren auf dem Tempelhofer Feld, wo früher Flugzeuge landeten und heute in den Hangars Flüchtlinge untergebracht sind. Ein paar Kinder aus der Notunterkunft überholen uns lachend auf Rollerblades. Wir reden bei diesem windigen Spaziergang auf den Startbahnen des alten Flughafens viel über Politik, über die Bedrohung durch den "Islamischen Staat", mein Vater liest jeden Tag mindestens eine Zeitung und sieht zweimal am Tag Fernsehnachrichten. Vermutlich ist dieser Einfluss einer der Gründe, warum ich Journalistin geworden bin.

Wenn ich für meine Arbeit nun ihn befrage zu den Werten, die er früher hatte, sagt er, er könne sie sich auch nicht mehr erklären. Er bleibt stehen, ein älterer Herr im Tweedjackett, mit Krawattentuch und zerzaustem Haar, dann schüttelt er über sich selbst den Kopf. "Die steckten einfach von Kind auf in mir drin. In der Situation damals dachte ich so. Ich weiß heute nicht mehr, warum."

Der alte Mann steht dem jungen ratlos gegenüber. Sicher auch deshalb, weil ihm seine Haltung im Rückblick unangenehm ist. Er weiß, dass seine damalige Einstellung in Deutschland heute nicht mehr zum gesellschaftlichen Konsens gehört, er will nicht als Hinterwäldler dastehen. Das ist er auch nicht. Aber er stammt aus einer Welt, die doch sehr anders ist als die, in der wir jetzt gemeinsam leben.

Er kommt aus einer Welt, über die ich ziemlich wenig weiß. Das ist eine erste Erkenntnis bei dieser Recherche in eigener Sache. Ich hatte immer gedacht, mein Vater sei in Kairo aufgewachsen, in einer Metropole. Das klang modern, Kairo ist ein Zentrum der arabischen Welt. Aber so genau hatte ich nie nachgefragt. An diesem Tag in Berlin erzählt er mir, dass er auf dem Land aufgewachsen ist, in Kaliub, einer Kleinstadt im Nildelta. Mein Vater hat nur zwei Fotos aus dieser Zeit. Als ich sie mir ansehe, fallen mir die sandigen Straßen und der weite Himmel auf, in den kaum hohe Gebäude ragen. Mein Vater wuchs mit vier Geschwistern und seinen Großeltern in dem Haus auf, in dem schon sein Vater geboren worden war. Oben auf dem Flachdach hielt die Familie Hühner und Enten, die man selbst schlachtete. Auch das Fladenbrot buk meine Großmutter selbst, in einem Ofen, den sie mit Baumwollreisig befeuerte. Mein Großvater war Beamter in einem staatlichen Elektrizitätswerk, er war dort eine Art Verwalter und für die Auszahlung der Gehälter zuständig.

Die Familie meines Vaters ist christlich, die koptisch-orthodoxe Grundschule, auf die er ging, war gleich neben der Kirche. Später ging mein Vater auf ein staatliches Gymnasium in einem anderen Ort, Jungen und Mädchen waren getrennt. "Man kam außer in der Familie eigentlich gar nicht zusammen", sagt mein Vater. "Man ging nicht gemeinsam tanzen, auch in der Kirche saßen wir getrennt, die Männer links, die Frauen rechts." Meine ägyptischen Großeltern waren sehr gläubige Menschen, meine Großmutter ging nicht ohne schwarzen Schleier aus dem Haus, rein äußerlich waren die Christen damals von den Muslimen kaum zu unterscheiden. Viele Kopten sehen sich heute als die eigentlichen Ägypter, weil ihre Kultur schon vor der islamischen Eroberung des Landes vor 1400 Jahren bestand. Im Alltag meines Vaters spielte das keine Rolle. Er erzählt, dass seine Familie eng mit ihren muslimischen Nachbarn befreundet war, später im Gymnasium waren die Schüler ohnehin gemischt. "Zwischen Christen und Muslimen gab es damals wenig Unterschiede", sagt mein Vater.

Ein paar Tage nach seinem Berlin-Besuch telefoniere ich mit meinem Vater. Meine Mutter hört zu. Die beiden haben immer den Lautsprecher an, wenn eines von uns Kindern am Telefon ist. Meine Mutter wirft ein, dass sie solch traditionelle Wertvorstellungen auch aus ihrer Kindheit kenne. Sie lebte einige Jahre in einem bayerischen Dorf, dort gingen die Frauen mit Kopftuch in die Kirche. Meine deutsche Oma trug bis in die neunziger Jahre einen Hut, wenn sie in München auf die Straße ging. Man ging nicht "barkopfert" aus dem Haus. Auch in der Kindheit meiner Mutter saßen Frauen und Männer getrennt in der Kirche, nur umgekehrt als in Ägypten, die Frauen links, die Männer rechts. Die Welt ihrer Kindheit war in dieser Hinsicht nicht so anders als die meines Vaters.

Es gibt Forscher, die sagen, dass der Islam patriarchalische Werte stärker begünstige als andere Religionen. Einigen dient dafür das Kopftuch als Beweis. Wenn man Einwanderer dann aber zu ihren Geschlechterrollen befragt, wie es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2013 für eine Studie tat, findet man zum Beispiel heraus, dass muslimische Einwanderer aus dem Iran wesentlich liberaler und egalitärer denken als christliche Einwanderer aus Italien und Polen. Der "Liberalitätsindex", der in der Studie errechnet wurde, war bei iranischen Männern sogar noch höher als bei deutschen.

Die jeweilige Religion kann also nicht die Ursache für bestimme Wertvorstellungen sein. Eher ist es eine strenge Auslegung der Religion, die patriarchalische Einstellungen begünstigt, sagen andere Forscher. Christen und Muslime, die ihre Religion in ähnlicher Intensität ausleben, haben auch ähnliche Geschlechtervorstellungen. Dazu kommen noch andere Einflüsse, wie der Entwicklungsstand eines Landes: Zunehmender Wohlstand, zunehmende Bildung in einer Gesellschaft fördern die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Und letztlich hängt es auch von der jeweiligen Person ab, welche Werte sie annimmt.

Kommentare

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Wenn schon eine bi-nationale Ehe, zwischen einem ägyptischen Kopten mit akademischen Hintergrund (der ja nun wirklich wissen muss, was Repression und Verfolgung bedeuten) und einer Deutschen mit deartigen Anpassungskosten für alle Beteiligten verbunden sind, dann dürfte es für einen nicht unbeträchtlichen Teil der im Text erwähnten Menschen um ein Vielfaches schwerer werden, sich in absehbarer Zeit in der deutschen Gesellschaft zurecht zu finden. Verändern könnte Sie unsere Gesellschaft dann nur im Negativen, und zwar indem sie Abwehrreaktionen und Abschottung hervorrufen. Alles in allem jedoch ein sehr einfühlsamer Artikel, der auch meine persönlichen Erfahrungen bestätigt.