Harald Martenstein Über alte Männer, die andere als alte Männer beschimpfen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 17/2016

Ein paar der wichtigeren deutschen Denker und Autoren haben geäußert, dass sie eine Politik der offenen Grenzen für unvernünftig halten, zum Beispiel Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht irgendwo eine Schmähschrift gegen diese Dissidenten lese, in der Regel gewürzt mit persönlichen Angriffen, die aus einer eher niedrig gelagerten Schublade stammen. In der ZEIT haben zwei der bekannteren deutschen Intellektuellen, der Philosoph Richard David Precht und der Transformationsdesigner Harald Welzer, ihren Widersachern deren Alter vorgeworfen. Sie "passten nicht mehr in die Zeit" und sollten "von den Jüngeren lernen". Precht ist 51, Welzer ist 57, das heißt, nur etwa zehn Jahre jünger als Sloterdijk. Hat denn bisher niemand den Mut gefunden, Precht und Welzer mitzuteilen, dass sie selber auch nicht mehr jung sind? Werden im Hause Precht neuerdings die Spiegel mit Tüchern verhängt?

Jetzt werde ich mal etwas temperamentvoller als üblich. Ich finde, ein Intellektueller, der es nötig hat, das Alter eines Andersdenkenden als Argument zu verwenden, leistet den Offenbarungseid. Der alte Freud, der alte Fontane, Goethe, Voltaire, Ernst Bloch, das sind in ihrer späten Phase natürlich alles senile Dummschwätzer gewesen, die nicht mehr in die Zeit passten, stimmt’s? Das Pseudoargument "Alte sind eh doof" ist aber nicht nur nachweislich falsch und, charmant gesagt, unintelligent, es verstößt auch gegen die Moralregeln, welche von den beiden Herren sonst bei jeder Gelegenheit hochgehalten werden. Fürs Alter kann eine Person ja genauso wenig etwas wie für die Hautfarbe, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung. Ich glaube nicht, dass Precht gegen Frauke Petry ihr Frausein oder gegen einen CDU-Politiker wie Jens Spahn dessen Homosexualität ernsthaft als Argument ins Feld führen würde, nach dem Motto: Schwule und Frauen passen nicht in politische Führungsämter. Da würde er merken, dass so ein Argument etwa die gleiche moralische Vortrefflichkeit besitzt wie das NPD-Parteiprogramm. Ich finde, Deutschland braucht dringend die Einwanderung von Intellektuellen, um deren geistige Fitness es besser bestellt ist als im Falle von Precht und Welzer, das Alter der Einwanderer wäre egal.

Seit ich immer öfter lese, wie alte Männer andere alte Männer als alte Männer beschimpfen, ist mir endlich begreiflich geworden, wieso es Juden gibt, die Antisemiten sind. Statt sich gegen Ressentiments zu wehren, was relativ viel Mühe macht, kann man auch versuchen, sich rüberzumogeln auf die andere Seite, vielleicht merkt es keiner. Mein Tipp an alle männlichen Dichter und Denker: Schauen Sie in Ihren Personalausweis. Falls da ein Geburtsdatum steht, das vor 1977 liegt, sind Sie kein wirklich junger Mann mehr, echt nicht, die Leute sehen das auch.

Die Grenze zum Tragikomischen hat leider der von mir geschätzte Michael Jürgs überschritten, der im Tagesspiegel einen weiteren Anti-Dissidenten-Artikel verfasst hat. In Bezug auf Safranski und Sloterdijk spricht er von den "verletzten Eitelkeiten alter Männer". Jürgs ist 70 Jahre alt.

Autoren schreiben so etwas, weil sie es oft genug bei anderen gelesen haben und weil sie wissen, dass sie damit gut abgesichert im Mainstream schwimmen, auch wenn es der Mainstream der Dummheit ist. Wer junge Männer an der Macht sehen will, dem empfehle ich übrigens die Nazi-Dokumentationen im Nachtprogramm. Und den Regierungsstil uneitler junger Frauen erleben wir ja vielleicht bei Marine Le Pen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Kinder an die Macht!
forderte schon Herbert Grönemeyer.

Weisheit und Lebenserfahrung zählen nicht mehr:
http://www.zeit.de/2016/1...
Im antiken Rom schätzte man den "Senat", in den Urgesellschaften die Dorf- und Stammesältesten. Heute gilt der Jugendwahn.

Wenn allerdings jemand die heutige Zeit nicht mehr versteht, dann sind das tatsächlich diejenigen 68er, die sich nicht weiterentwickelt und ihre Ansichten von früher nicht in Teilen geändert haben.

Aber es ist durchaus lustig:
Einerseits wird gegen Konservative mit dem Vorwurf herumgeballert, sie seien alte, traurige Männer (wie z.B. Gauland), wenn dann jemand aber einem Medienliebling wie Gauck sein Alter unter die Nase reibt, reagiert man empfindlich:
http://www.zeit.de/2016/1...

Insofern: Diese Kolumne trifft einen echten Nerv.

Ich verstehe ja, dass Sie sich angegriffen und diffamiert fühlen, ABER alte Männer (fängt für mich ab der 50 an) sind es nun mal die die Welt dahin gebracht haben, wo sie steht. Die Welt hat sich verändert in den letzten 20 Jahren und die Herren in den Führungsetagen (politisch/wirtschaftlich) können mit ihren 60/70 Jahren gar nicht mitkommen. Das ist nunmal so.

In der Wirtschaft wird "das Neue" nur für mehr Ausbeutung (Rationalisierung) und Bereicherung (Computergesteuerte Finanzströme) genutzt und die Politik...naja die hechelt sowieso nur hinterher (Neuland) oder nutzt es bestenfalls noch für eigene Untriebe (Propaganda).