Moderne Sklaverei 500 Dollar

ZEITmagazin Nr. 17/2016
Zwei Bolivianer werden in São Paulo zum Verkauf angeboten. Wie ist das möglich? Von

Am Anfang war es nur eine kurze, etwas rätselhafte Nachricht, die es aus den Archiven des 19. Jahrhunderts versehentlich ins Blatt geschafft zu haben schien. Am 15. Februar 2014 berichtete die brasilianische Tageszeitung Folha de São Paulo von zwei gerade volljährig gewordenen Bolivianern, die am späten Montagnachmittag auf einem Straßenmarkt in São Paulo wie Sklaven den Besitzer wechseln sollten. Augenzeugen zufolge seien die beiden Jungen von dem Betreiber einer Näherei vorbeilaufenden Passanten angeboten worden. Dabei sei es zu lautstarken Verhandlungen gekommen, wenn auch keine Einigung über den Preis erzielt wurde, weil der Betreiber der Näherei, ebenfalls ein Bolivianer, auf einer Forderung von 500 Dollar pro Kopf bestanden habe. Die Situation sei eskaliert, als aufgebrachte Anwohner versuchten, die beiden Jungen zu befreien.

Neben der Nachricht stand noch ein Kasten, dem ein paar Zahlen zu entnehmen waren. Demzufolge gehen die Behörden davon aus, dass allein in der Region São Paulo rund 300.000 Bolivianer leben, von denen wohl die meisten, wie die beiden Aufgegriffenen, illegal in kleinen Nähereien arbeiten. Einige Hundert dieser Arbeiter, hieß es, hätten die Ermittler einer Sondereinheit in den letzten Jahren aus sklavenähnlichen Verhältnissen befreit, unter anderem aus Betrieben, die große Modelabels wie Zara und Gap belieferten.

Es schien, als hätte sich an diesem Nachmittag für einen kurzen Augenblick ein Vorhang aufgetan. Etwas, das sonst nur im Verborgenen geschieht, in muffigen Garagen oder Hinterhofwerkstätten, ereignete sich plötzlich und für alle sichtbar auf offener Straße.

Dann senkte sich der Vorhang wieder.

Eine Woche nach dem Vorfall verschwanden die beiden Bolivianer in der namenlosen Anonymität, aus der sie gekommen waren. Was zurückblieb, waren Fragen. Wie ist es möglich, dass heute, 127 Jahre nachdem Brasilien die Sklaverei verboten hat, inmitten einer Wirtschaftsmetropole wie São Paulo zwei junge Männer gehandelt werden wie zwei Stück Vieh? Was hat es auf sich mit dieser rohen, mittelalterlichen Welt, die im toten Winkel der Moderne offenbar nie aufgehört hat zu existieren? Nach welchen Regeln funktioniert sie?

20 Millionen Menschen, schätzt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), werden weltweit unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten. Sie arbeiten in indischen Ziegelbrennereien, in chinesischen Bergwerken oder thailändischen Bordellen. Sie nähen Textilien, bestellen Äcker oder bauen die WM-Stadien in Katar. Die australische Walk Free Foundation, die jährlich einen globalen Sklaverei-Index ermittelt, kommt in ihrem Bericht für 2013 sogar auf 36 Millionen moderne Sklaven, weil sie neben der Zwangsarbeit auch Fälle von Zwangsehen oder Schuldknechtschaft hinzuzählt. "Die Ketten der modernen Sklaverei", schreiben die Autoren, "sind nur noch selten physischer Natur." Es gibt heute subtilere Wege, um Menschen festzuhalten, Schulden, Isolation oder Drohungen. Ebenso erben sie die Unfreiheit anders als früher nur noch selten mit der Geburt. Heute sind es meist falsche Versprechungen, die sie an unwürdige Orte locken, und auch deshalb ist die moderne Sklaverei ein Verbrechen, das nur schwer zu fassen ist – es wirkt oft so, als handelten die Menschen aus freien Stücken.

Auch wenn in fast allen Ländern Gesetze die moderne Sklaverei verbieten, landen nur die wenigsten Fälle vor einem Richter. Die Aufklärung ist schwierig, nicht nur wegen einer häufig dürftigen Beweislage. Oft sind es die Opfer selbst, die sich in Schweigen hüllen, aus einem Schuldgefühl heraus oder aus Angst vor der Rache der Schlepper. In anderen Fällen blockieren Regierungen die Ermittlungen, weil zu viel Aufmerksamkeit abschreckende Wirkung haben könnte.

Es ist gut möglich, dass dies ein Grund war, warum das bolivianische Konsulat in São Paulo, das den beiden Jungen in der Woche nach dem gescheiterten Verkauf eine geräuschlose Rückreise in die Heimat organisiert hatte, mehrere Anfragen unbeantwortet ließ. Auch ein Ermittlerteam des Arbeitsministeriums, das sich in der Folge um die Aufklärung der Ereignisse bemühte, bat das Konsulat vergeblich um Kooperation. Als die Ermittler Monate später erwirkten, dass den Jungen von ihrem früheren Arbeitgeber eine Entschädigung in Höhe von 6.000 Dollar zugesprochen wurde, brauchte es die Hilfe eines Padres, um ihnen das Geld zu schicken. Der Padre, in dessen Flüchtlingsheim die beiden bis zu ihrer Rückkehr untergekommen waren, war der Einzige, der noch Kontakt zu ihnen hatte.

Dies ist das Erste, das man begreift in dieser sonderbaren und an überraschenden Wendungen reichen Geschichte: Wer sich auf die Suche macht nach Ismael und Juan Carlos, der braucht Geduld.

Ismael

Es ist ein Nachmittag im Juli. Ismael hatte die Plaza 25 de Mayo in der Innenstadt von Sucre als Treffpunkt vorgeschlagen, eine Parkbank dort am Brunnen. Scheiß auf die Schlepper, hatte er beim ersten Telefongespräch gesagt, ich habe keine Angst, aber dann sagte er am Morgen plötzlich ab, weil ihn sein neuer Chef für einen Nachtbus in den Süden eingeteilt hatte. Ismael schlug vor, auf einen Sprung bei ihm vorbeizukommen, aber dann kehrte er wieder zum alten Plan zurück. Plaza 25 de Mayo also, Parkbank, Brunnen.

Weiße Kolonialbauten säumen den Platz. Pausbackige Mädchen mit dicken Zöpfen, vielleicht acht oder neun Jahre alt, laufen mit Bauchläden voller Kaugummis von Bank zu Bank. Zeitungsverkäufer, kaum älter als zwölf, rufen die Schlagzeilen ihrer Blätter in die dünne Luft der Anden, und andere halten einfach ihre Hände auf, um ein paar Münzen abzugreifen.

Ismael wirkt etwas außer Atem, als er schließlich auf dem Platz erscheint, ein kleiner, drahtiger Jugendlicher mit den vernarbten Gesichtszügen eines Menschen, der schon früh viel Zeit auf der Straße verbracht hat. Er setzt sich auf die Bank und mustert einen aus kleinen, misstrauischen Augen.

Ismael trägt ein frisches T-Shirt mit dem Schriftzug von Ferrari, seine Schuhe sind von Nike. Er hat denselben Haarschnitt wie Neymar, und seine Arme stecken in eng anliegenden Stulpen, die aussehen wie Tätowierungen, er sagt, das schütze die Haut vor der Sonne. In seine linke Hand hat er sich ein Herz stechen lassen, darin die Worte "ich und du", wobei das "du", wie er erklärt, Belinda sei, seine 17-jährige Freundin, die Mutter seines Sohns Adán, der letzte Woche vier geworden ist.

Ismael, so viel versteht man schnell, ist kein Mensch, der gerne spricht. Er hat diese einsilbige, etwas verdruckste Art, die vielen jungen Leuten eigen ist, wenn sie ahnen, dass sie womöglich etwas leichtsinnig in einen großen Mist geraten sind.

"Tut mir leid", sagt Ismael, "aber ich habe wirklich nicht viel Zeit. Seit Kurzem bin ich Helfer auf dem Nachtbus, und mein neuer Chef macht Druck. Wenn Sie wollen, kommen Sie mit, dann reden wir unterwegs. Ansonsten bin ich in zwei Tagen wieder da."

Was ist mit Juan Carlos? Ist er in der Stadt?

"Der ist schon wieder los. Nach Argentinien mit seinem Vater. Sie arbeiten in Buenos Aires auf dem Bau."

Seit Wochen, sagt Ismael, habe sich Juan Carlos nicht gemeldet, und nach allem, was sie in Brasilien durchgestanden haben, mache er sich Riesensorgen um seinen "kleinen, dicken Bruder", wie er ihn nennt. Sie sind im selben Viertel aufgewachsen, auf den rauen Hängen oberhalb von Sucre. Sie haben auf denselben Schotterplätzen gegen platte Fußbälle getreten, und sie gingen auf dieselbe Schule, die sie etwa zeitgleich abgebrochen haben, Ismael war dreizehn damals, Juan Carlos elf.

Ihre Eltern, sagt Ismael, wollten, dass sie Geld verdienen, um die Familien zu entlasten. Sie kannten es nicht anders. Ismaels Vater war selbst nur so kurz auf der Schule, dass er nicht mal richtig lesen lernte. Schon als Kind schlug er sich als Steineschlepper auf den Baustellen von Sucre durch. Als sein Rücken die Gewichte nicht mehr aushielt, nahm er einen Mikrokredit auf, von dem er sich einen Stapel Wolldecken besorgte. Seit sieben Jahren sitzt Ismaels Vater jetzt jeden Tag in einer kleinen Bretterbude auf dem Mercado Campesino. An guten Tagen, sagt Ismael, verkaufe er zwei Decken.

Ismael machte es wie sein Vater. In der Morgendämmerung zog er mit Juan Carlos los und klapperte die Baustellen von Sucre ab. Wenn es Bedarf gab, schleppte er Steine aufs Gerüst oder mischte Zement. Als Juan Carlos ein Jahr später von seiner Mutter für ein paar Monate nach Chile geschickt wurde, um in der Näherei eines Bekannten auszuhelfen, ging Ismael nach Santa Cruz. Er zerteilte Hühner in der Küche eines chinesischen Restaurants, dann zog er weiter nach La Paz, wo er in einer Schneiderei traditionelle Trachten nähte. Dann wieder Sucre, Baustellen, Tage ohne Geld, eine Kindheit, die auf kein Ziel zusteuert. Ein Leben, dessen Horizont der nächste Morgen ist.

Bolivien ist das ärmste Land in Südamerika. Mehr als die Hälfte aller Menschen lebt von weniger als einem Dollar täglich. Selbst Evo Morales, der Präsident, hat als kleiner Junge bei der Kokaernte angepackt. Später schnitt er Zuckerrohr in Argentinien. Ismael kennt diese Geschichte. Er hat aus ihr gelernt, dass sich am Ende eines langen Weges mit etwas Glück die Tür zu einem Palast öffnet.

Wie es wohl wäre, nach Brasilien zu gehen?, fragten sich Ismael und Juan Carlos manchmal, wenn sie irgendwo auf einem Bordstein saßen. Wo man in einem Monat so viel verdienen konnte wie in Bolivien in einem ganzen Jahr. Stell dir mal vor: Ein bisschen arbeiten und Geld sparen für ein eigenes Taxi. Ein Haus bauen für Belinda und Adán. "Wir träumten vor uns hin", erzählt Ismael. "Wir hatten ja noch nicht mal Pesos für die Hinfahrt." Dann muss er los. "Um sechs", sagt er. "Am großen Terminal. Die Linie, auf der ich fahre, heißt 6 de Octubre."

Wie die meisten Busse, die in der Dämmerung auf ihre Passagiere warten, ist auch der von Ismael ein alter, rostiger Kriecher. Auf der Windschutzscheibe pappt ein Aufkleber der Jungfrau Maria, daneben das Bild einer nackten Frau. Während Ismael mit einem Spray die Sitze desinfiziert, sammeln sich die Fahrgäste am Gate. Kinder streunen herum und verkaufen Decken gegen die Kälte. Als alle eingestiegen sind, legt Ismael einen Kung-Fu-Film in das DVD-Gerät, dann nimmt er vorn neben dem Fahrer Platz.

"Hast du die kleine Schnecke gesehen, in Reihe 26?" Der Fahrer schnalzt mit der Zunge, und über Ismaels Gesicht huscht ein kurzes Lächeln.

Dann rollt der Bus auf einer Landstraße hinaus in die vegetationslose Mondlandschaft der Anden. Er gleitet durch finstere Dörfer, in denen nur die Bildschirme der Internetcafés leuchten. Dann wieder Dunkelheit und Serpentinen. Die Frontscheinwerfer streifen Leitplanken, hinter denen sich tiefe Schluchten auftun, in denen man bei Tageslicht die ausgebrannten Wracks der abgestürzten Busse sehen könnte. Ismael mag die Arbeit auf dem Bus. Sie sei sicherer als alles, was er bislang gemacht hat, sagt er. Das Unterwegssein gibt ihm Ruhe, das Gefühl, nicht stillzustehen.

Er muss jetzt nicht mehr betteln, dass ihm jemand Arbeit gibt, wie noch an dem Tag im Januar 2014, als ihn die Schlepper ansprachen. Ismael sagt, er sei frustriert gewesen, weil ihn auf den Baustellen mal wieder niemand brauchte. Er ging zu seinem Vater auf den Markt und lieh sich ein paar Münzen, um in einer Suppenküche was zu essen, als ihn plötzlich eine Frau ansprach. Ob sie sich zu ihm setzen könne, fragte sie.

Ismael nickte. Es war Mittagszeit, die anderen Tische waren voll besetzt. "Sie war groß und vielleicht 40 Jahre alt", sagt Ismael. "Sie löffelte in ihrer Hühnerbrühe und musterte mich eine Weile aus den Augenwinkeln. Dann fragte sie: Kannst du dir vorstellen, in Brasilien zu arbeiten?"

Ismael sah zu ihr auf.

"Was würde ich verdienen?", fragte er.

"500 im Monat", sagte die Frau. "US-Dollar."

"500! Ohne Scheiß?"

Es war mehr, als er jemals gedacht hätte.

Die Näherei, sagte die Frau, gehöre einem Onkel in São Paulo, die Geschäfte liefen so gut, dass sie Arbeitskräfte für ihn suchen würde. Schichtbeginn sei acht Uhr früh, Feierabend gegen fünf. "Denk drüber nach", sagte sie. "Heute Abend geht ein Bus, mit dem ein künftiger Kollege von dir fährt."

Sternschnuppen tropfen vom Himmel. Ismael reicht dem Fahrer Kokablätter, die die Müdigkeit vertreiben. Manchmal springt er aus dem Bus, um eine Straßenmaut zu zahlen.

"Ich weiß, es klingt naiv", sagt er, "aber ich habe keinen einzigen Moment gezweifelt." Noch vom Markt aus rief er Juan Carlos an, der ebenso wie er nur an das Geld dachte. Dann fuhr er nach Hause, um ein paar Sachen einzupacken. Ismael betrat sein Zimmer, das weder Fenster hat noch Türen, und stopfte ein paar Kleider in den Rucksack. Er trat ans Bett und hob das Kissen an, unter dem er in einer Klarsichthülle alles aufbewahrt, was einen Wert für ihn besitzt. Seinen Ausweis, einen Kamm, ein Foto, das ihn mit Belinda zeigt, vor einem Blumenbeet im Park.

"Du musst nicht weinen", sagte Ismael, als er seine Schwester Sandra, die als Einzige im Haus war, zum Abschied in den Arm nahm. "Das ist meine große Chance."

Dann machte er sich auf zum Busbahnhof, wo Juan Carlos bereits auf ihn wartete. Die Frau vom Markt erschien und kaufte ihnen Tickets bis nach Paraguay. Der dritte Arbeiter, ein Mann namens René, sollte in Santa Cruz zusteigen.

So fuhren sie also los. In ein Land, von dem sie nicht mal wussten, dass man dort eine andere Sprache spricht. Keiner ihrer Lehrer hatte je erwähnt, dass es in Brasilien andere Münzen gibt, aber vielleicht hatten sie auch nie richtig hingehört. "Hin mit dem Bus, zurück im eigenen Toyota", feixte Ismael. Sie grinsten. Es fühlte sich nach Abenteuer an.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren