Wolfsburg Werk-Stadt

Was sieht eine Künstlerin wie Eva Leitolf, wenn sie ein Jahr lang immer wieder nach Wolfsburg reist?
ZEITmagazin Nr. 17/2016

Die Künstlerin Eva Leitolf über ihr Wolfsburg-Projekt "Ein Konzern, eine Stadt (2015)"

ZEITmagazin: Frau Leitolf, ein Jahr lang sind Sie immer wieder nach Wolfsburg gereist, um diese Stadt zu dokumentieren. War Ihnen klar, worauf Sie sich da einlassen?

Eva Leitolf: Es gibt natürlich viele Geschichten und Ansichten über diese Stadt, aber ich bin nicht mit einer fertigen Idee hingefahren. Ralf Beil, der neue Leiter des Wolfsburger Kunstmuseums, hatte mich Ende 2014 gefragt, ob ich mir ein Langzeitprojekt vorstellen könnte. Ich habe mich daraufhin intensiv mit Wolfsburg beschäftigt und war dann voriges Jahr im Februar zum ersten Mal dort.

ZEITmagazin: Können Sie sich noch an Ihren allerersten Eindruck erinnern?

Leitolf: Ich war mit meinem Mann und unserem neunjährigen Sohn angereist. Wir gingen durch die Innenstadt, und mein Sohn sagte zu mir: "Also, Mama, ich würde dem Mann vom Museum sagen: ›Tut mir leid, ich kann das nicht machen, es ist so hässlich hier!‹" Aber ich entwickle bei so einer Arbeit meistens andere Kriterien als mein Sohn.

ZEITmagazin: Mit seiner Meinung steht er nicht allein da. Man hört ja immer wieder, dass Wolfsburg die hässlichste Stadt Deutschlands sei, zumindest die grauslichste Fußgängerzone besitzt.

Leitolf: Ich habe mich in Wolfsburg immer wohlgefühlt. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein paar Jahre in Los Angeles gelebt habe – auch eine Autostadt. Die Wolfsburger Innenstadt ist verbaut, aber nur zu zeigen, wie hässlich das ist, hätte mich schnell gelangweilt.

ZEITmagazin: Was hat Sie denn an Wolfsburg besonders gereizt?

Leitolf: Mich hat besonders die gegenseitige Abhängigkeit von Konzern und Stadt interessiert. Beide berühren sich auf vielen Ebenen und bedingen sich gegenseitig. Das ist einerseits einzigartig, aber ich habe mich gefragt, ob sich dieses Verhältnis nicht auch über Wolfsburg hinaus verallgemeinern lässt: als eine Nachkriegsgeschichte, eine Nach-Wirtschaftswundergeschichte, aus der sich Fragen für die Zukunft ergeben.

ZEITmagazin: Wie sind Sie dann vorgegangen?

Leitolf: Mir war schnell klar, dass ich mit Bild und Text arbeiten will. Ich habe für ein Jahr die beiden Tageszeitungen der Stadt abonniert, die Wolfsburger Nachrichten und die Wolfsburger Allgemeine Zeitung . Die lokale Berichterstattung ist später in meine Texte eingeflossen. Fünf oder sechs Mal bin ich nach Wolfsburg gereist und habe verschiedene Leute getroffen, die mir die Stadt von ihrem persönlichen Blickwinkel aus gezeigt haben.

ZEITmagazin: Sind Sie dabei auf Dinge gestoßen, die Sie völlig überrascht haben?

Leitolf: Eine Entdeckung war für mich das Grab von Heinrich Nordhoff, der ab 1948 Generaldirektor von Volkswagen war. Das Weltkugel-Kreuz, das ein weltumspannendes Selbstverständnis über den Tod hinaus verewigt – da stand ich erst einmal staunend davor. Für mich wurde die Stadt immer interessanter, je mehr ich mich mit ihr beschäftigte.

ZEITmagazin: Mitten in Ihr Wolfsburg-Jahr krachte dann Volkswagens epochaler Diesel-Skandal hinein. Für Ihr Projekt mit dem Titel "Ein Konzern, eine Stadt" war das ja sozusagen ein Glücksfall.

Leitolf: Der Skandal kommt in meiner Arbeit vor, aber nicht groß, nur als ein Aspekt. Diese Krise hat noch einmal verdeutlicht, wie stark die Stadt vom Konzern abhängig ist. Der Skandal hat das zugespitzt, mit Ausfällen der Gewerbesteuer zum Beispiel.

ZEITmagazin: Das Drama findet in Ihrer Arbeit tatsächlich nur unterschwellig statt, die Sprache Ihrer Bildtexte ist sehr reduziert. Sie schreiben "der Konzern" statt VW, "ein soziales Netzwerk" statt Facebook, "die Stadt" statt Wolfsburg. Warum so abstrakt?

Leitolf: Weil es mir auch um die Fragestellung geht, inwieweit diese Wolfsburger Konstellation verallgemeinerbar ist. Die Offenheit der Texte ist dabei für mich genauso wichtig wie die der Bilder.

ZEITmagazin: Die Bilder sind komplett menschenleer. Wieso?

Leitolf: Menschen im Bild ziehen oft eindimensionale Zuschreibungen auf sich, was dazu führt, dass man sich als Betrachter einfacher heraushalten kann – mit einem selbst hat das Bild dann wenig zu tun. Mit den leeren Räumen in diesen Bildern ist es anders: Sie sind wie Bühnen, auf denen nicht wirklich etwas passiert in diesem Moment. Erst zusammen mit den Texten werden sie lebendig. Die Bilder spielen sich dann eher im Kopf ab.

Splitterschutzzelle

Bis Ende des Zweiten Weltkriegs werden 64.803 Kübel- und Schwimmwagen, Ersatzteile für Flugzeuge Typ Ju 88 sowie die Flugbombe Fi 103 im Werk der Stadt gebaut. Bei alliierten Luftangriffen nutzt die Feuerwehr der Stadt den sogenannten Einmannbunker mit Blick auf das Werk als Beobachtungsstand. Nach insgesamt fünf Luftschlägen ist die Werksanlage des Konzerns am Ende des Kriegs zu 20 Prozent stark beschädigt und zu 20 Prozent zerstört, 92 Prozent der – zum Teil ausgelagerten – Produktionsmaschinen sind noch funktionstüchtig.

Informationstafel vor Ort, 7. 5. 2015; Markus Lupa, Historische Notate 2: Das Werk der Briten. Volkswagenwerk und Besatzungsmacht 1945–1949, S. 7, sowie Manfred Grieger, Historische Notate 17: Vom Käfer zum Weltkonzern. Die Volkswagen Chronik, S. 9–33, VW-Online-Archiv, 1. 1. 2005 und 23. 6. 2015

Museumswohnung

Von 24.000 ursprünglich für die Stadt geplanten Wohneinheiten sind Ende 1944 knapp 3.000 Wohnungen fertiggestellt. Bei Kriegsende leben 15.000 "Fremdarbeiter", Kriegsgefangene, Flüchtlinge und Vertriebene in Barackenlagern. Die größte, seit 1938 bestehende Wohnungsgesellschaft der Stadt richtet 2001 eine ihrer Wohnungen im Stil der frühen 1940er Jahre ein, um zu zeigen, wie es sich in der Stadt lebte, als diese noch "in den Kinderschuhen" steckte. Man bekomme einen Eindruck, wie man zu "Großelterns Zeiten" gelebt habe, beschreibt ein Begleittext auf der Homepage der Gesellschaft.

Homepage des Bundesamtes für politische Bildung, Günter Riederer, Die Barackenstadt: Wolfsburg und seine Lager nach 1945, 11. 12. 2015; Neuland Homepage, 11. 12. 2015

Rathaus der Stadt

Angesichts einer Gewinnwarnung des Konzerns verfügt die Verwaltungsspitze der Stadt am 1. Oktober 2015 eine Haushaltssperre. Aufgrund des zu erwartenden bedeutend niedrigeren Gewerbesteueraufkommens, das seit Jahren im zwei-  bis dreistelligen Millionenbereich liegt, müssten unter anderem Investitionen für die Erweiterung der Eis-Arena, den Ausbau einer Kindertagesstätte sowie die Modernisierung des "Badelandes" zurückgestellt werden. Darüber hinaus kündigt der Bürgermeister einen Einstellungsstopp für die Stadtverwaltung an. Eine Lokalzeitung spricht von einer "Liste der Grausamkeiten".

WN, 2. 10. und 7. 10. 2015

Fußgängerzone

Die Neugestaltung der Fußgängerzone mit 16.500 Quadratmetern Granitplatten und einer Platanenallee wird 2014 mit einer Glasdachkonstruktion abgeschlossen. Nach der 11 Millionen Euro teuren Aufwertung der Haupteinkaufsstraße sei die Passantenfrequenz von 3.270 Besuchern pro Stunde im Jahr 2009 auf einen Rekordwert von 4245 gestiegen, schreibt die Stadt auf ihrer Internetplattform.

WAZ, 6. 8. 2014, Homepage der Stadt, 3. 1. 2016

Bürozentrum des Konzerns, ehemalige "Italiener-Hochhäuser"

Unter dem Titel Ein bisschen wie einst die Italiener spricht eine lokale Tageszeitung am 16. Oktober 2015 von einer "neuen Zuwanderungswelle" in die Konzern-Stadt, die an die 1960er und 1970er Jahre erinnere, als Tausende von Italienern in die Stadt gekommen seien. Der Konzern errichtete damals zunächst 60 Baracken mit mehr als 5.000 Betten sowie später zwölf Hochhäuser für 3.300 Arbeiter. Die meisten der damaligen "Gastarbeiter" seien mittlerweile "echte Bürger der Stadt" geworden. Das wünsche man sich auch für die heutigen Neuankömmlinge.

WN, 16. 10. 2015

Ausstellungs- und Auslieferungszentrum des Konzerns

2009 wird die Dauerausstellung Level Green – Die Idee der Nachhaltigkeit im Ausstellungs- und Auslieferungszentrum des Konzerns mit dem Design-Preis red dot: best of the best ausgezeichnet. Der Konzern will den Besuchern anhand konkreter Beispiele Einsichten zum Thema Nachhaltigkeit vermitteln. Im Rahmen einer begehbaren Ausstellungsarchitektur sollen sechs Themenbereiche mit 26 Exponaten einen "Erlebnisraum Nachhaltigkeit" bieten. Der Konzern sieht die Beschäftigung mit den Themen Umweltschutz und soziale Verantwortung unter dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung als Ausdruck verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns.

Homepage des Ausstellungs- und Auslieferungszentrums des Konzerns, 28. 8. 2015

Grab des Generaldirektors und Vorstandsvorsitzenden

Aus Trümmern und Schutt sei diese Stadt entstanden, aus dem Nichts, "ohne den Hintergrund einer Tradition" habe man angefangen, dieses Werk zu bauen, sagt der Generaldirektor des Konzerns 1954 in einer Ansprache vor den Beschäftigten. Die Fabrik und ihr Produkt seien in aller Welt Repräsentanten deutschen Fleißes und deutschen Könnens geworden. Der Generaldirektor und Vorstandsvorsitzende sei im "Reich der Stadt [...] der große Vater und Mäzen", der der Stadt das modernste Schwimmbad Deutschlands geschenkt habe und von der werkseigenen Baugenossenschaft Siedlungshäuser habe bauen lassen, schreibt eine Wochenzeitschrift einige Tage nachdem dieser am 5. August 1955 zum ersten Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde.

Volkswagen-Werbefilm "Aus Eigener Kraft", BR Deutschland 1953, 86 Min.; Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation, Archivalie des Monats – Ausgabe 10/2014: Heinrich Nordhoff – erster Ehrenbürger der Stadt Wolfsburg

Kulturhaus, 2015

Die "Stadtherren von Wolfsburg" hätten sich angesichts "stetig sprudelnder" Gewerbesteuereinnahmen durch den Konzern ̶ 1957 dazu durchgerungen, "dem Geist eine ebenso schöne wie zweckmäßige Heimstatt zu schaffen", zitiert eine Wochenzeitschrift im November 1962 ein Mitglied der Stadtverwaltung.Das von einem "Extremisten der Architekten-Elite" entworfene "Schmuckstück in der Mitte der Stadt" solle laut dem Oberstadtdirektor "die langweilige Öde des exerzierfeldgroßen Marktplatzes nach Südosten abrunden" und "repräsentativ wirken".

Der Spiegel 42/1962, 17. 10. 1962

Congresspark, 2015

Anlässlich des 77. Jahrestages der Stadtgründung 1938 (zwei Monate nach der Grundsteinlegung für den heutigen Konzern durch Adolf Hitler) hält der Bürgermeister am 1. Juli 2015 eine Festrede. Er sagt, zurzeit lebten Menschen aus 146 Nationen in der Stadt. Die Stadt habe sich seit ihrer Gründung stets für das Funktionieren einer interkulturellen Gesellschaft engagiert. Dies, wie auch die wirtschaftliche Kraft der Stadt, sei dem heutigen Weltkonzern zu verdanken und eine fruchtbare Grundlage, um die Herausforderungen aktueller Zuwanderung zu meistern.Rede des Oberbürgermeisters, Congresspark, 1. 7. 2015"Wir haben allen Grund zum Feiern", wird der Bürgermeister tags darauf von einer lokalen Tageszeitung zitiert. Die Zeitung begleitet den Festtag mit einem mehrseitigen Sonderteil, in dem die Stadtgeschichte nach Jahrzehnten dargestellt wird. Die Geschichte der Stadt beginnt 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

WAZ, 2. 7. 2015

Geschenk des Konzerns

Das Geschenk stelle die Existenzgrundlage der Stadt dar, sagt der Bürgermeister anlässlich der Enthüllung des überlebensgroßen Modells eines Produkts, das der Konzern der Stadt zum 75. Geburtstag geschenkt hatte. Drei Monate später zeigt sich in dem "Stadtmöbel" ein Riss, der laut einem Stadtsprecher ständig beobachtet werde. Eine Tageszeitung stellt kurz darauf zwei ehemals in der Abteilung Versuchsbau des Konzerns tätige Rentner vor, die nach den Problemen mit dem Kunststoffmodell das Konzernprodukt ersatzweise aus pflegeleichten Grünpflanzen nachempfinden wollen.

WAZ online, 28. 2. 2014, 27. 5. und 21. 8. 2015; WAZ, 21. 8., 8. 9.,15. 10. und 17. 10. 2015; WN 17. 10. 2015

Erinnerungsstätte, 2015

Seit 1999 ist eine mit Unterstützung der Jugendvertretung und des Betriebsrates entstandene Dauerausstellung zur Zwangsarbeit während der NS-Zeit in einem ehemaligen Luftschutzbunker auf dem Gelände des Konzerns untergebracht. Die gezeigten Dokumente sollen den Umfang der Zwangsarbeit innerhalb des Werks und die Beteiligung des Unternehmens an der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft differenziert reflektieren. Die Gedenkstätte wird 2015 von 4139 Menschen besucht.

igmetall-wob.de, 4. 3. 2013, Homepage des Konzerns, 7. 12. 2015, Mail des Leiters des Konzernarchivs, 14. 1. 2016

Nachbarschaft

Das erste Wohnviertel der Stadt wurde in den 1930er und 1940er Jahren im sogenannten Heimatschutzstil für Führungskräfte des Werks gebaut. Seine heutigen Bewohner haben das höchste Durchschnittsalter der Stadt und stellen den größten Anteil an Grünen-Wählern. Das Viertel sei eine "stabile Top-Lage" mit weiter ansteigenden Preisen, schreibt ein Wirtschaftsmagazin.

Tagebuch, 4. 5. 2015; Gespräch mit dem Leiter des Konzernarchivs, 6. 5. 2015; Immobilien-Kompass Capital, 29. 11. 2015

Texte und Fotografien von Eva Leitolf

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