Die großen Fragen der Liebe: Liebt er seine Tochter mehr als sie?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 18/2016

Die Frage: Michaela war Benno schon in der Kita ihres Sohnes aufgefallen. Er war einer der wenigen Väter, die ihr Kind am Abend pünktlich abholten. Als die Tagesstätte geschlossen Urlaub in einem Schullandheim machte, war Benno der einzige Vater, der mitgekommen war und nicht nur mit seiner Tochter Sonni, sondern auch mit Michaelas gleichaltrigem Sohn Jacob spielte. Bald saßen Benno und Michaela jeden Abend zusammen. Sie verliebten sich. Jetzt sind sie zusammengezogen. Sie verstehen sich gut, aber über ein Thema gibt es häufig Streit. Wenn Sonni bei ihnen übernachtet, hat Benno nur Augen und Ohren für seine Tochter. "Ich bin dann immer zweite Wahl. Das ist ungerecht. Für mich kommst du zuerst, obwohl ich für Jacob durchs Feuer gehen würde!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Es lässt sich oft nicht vermeiden, dass Vergleich und Rivalität an die Tür der Liebe klopfen. Aber es ist in der Regel klug, nach einem Blick durch den Spion so zu tun, als wäre man nicht zu Hause. Wer liebt wen mehr? In diesem Wettlauf gibt es weder Startsignal noch Schiedsrichter und entweder zwei Sieger oder zwei Verlierer. Völlig aussichtslos ist es, gegen ein Kind anzutreten. Und im Fall von Michaela war es ja gerade die Zärtlichkeit des Vaters Benno gegenüber seiner Tochter Sonni, die ihr Anlass war, sich in ihn zu verlieben. Benno sollte nicht verärgert sein, sondern Michaela trösten und ihr erklären, dass Liebe zu den Gütern gehört, die mehr werden können, wenn wir sie teilen. Sie muss verstehen, dass sie zu seiner Tochter nicht in Konkurrenz steht.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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