Stilkolumne Schulter: Frei

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 19/2016

Die Schulter war einmal ein ungehörig erotischer Körperteil. Zu Zeiten des Biedermeiers war es der Frau zwar erlaubt, ihr Dekolleté zu zeigen, die Schulter hingegen hatte bedeckt zu sein. Noch heute gilt die nackte Schulter in einer Kirche als unangemessen. Für das Dekolleté gibt es keine entsprechende Konvention.

Die Frau mit bloßen Schultern galt als entblößte Frau – als eine, die schon ein bisschen nackt ist und dem Mann ihre Zerbrechlichkeit demonstriert. Nicht zuletzt das sichtbare Schlüsselbein betonte die Verletzlichkeit (tatsächlich ist der Schlüsselbeinbruch der zweithäufigste Bruch bei Erwachsenen). Wenn sich Brigitte Bardot in den siebziger Jahren in einem dünnen Kleidchen zeigte, das gerade noch so von Trägern an den Schultern gehalten wurde, inszenierte sie sich also wie eine Trophäe. Nicht zufällig hängt deswegen auch die Emanzipation der Frau mit der Schulter zusammen, mit der bedeckten nämlich. Als sich Frauen in den achtziger Jahren aufmachten, die Arbeitswelt zu erobern, zeigten sie Schultern – allerdings männliche: Die Jacken ihrer sogenannten Powersuits waren mit mächtigen Schulterpolstern versehen, die bestens geeignet schienen, um sich den Weg in die Männerwelt frei zu rempeln.

Dass sie auf diesem Weg tatsächlich weitergekommen sind, erkennt man vielleicht auch daran, wie selbstbewusst die weibliche Schulter heute wieder gezeigt wird. In den aktuellen Kollektionen spielt sie eine prominente Rolle: Bei Hugo Boss gibt es tief sitzende, schulterfreie Kleider, und das New Yorker Label Proenza Schouler hat weiße Kleider im Programm, die wirken, als würden sie jeden Moment vom Körper gleiten, da sie von nahezu unsichtbaren Trägern gehalten werden.

Auch bei Sonia Rykiel, Stella McCartney, Etro, Chloé, Salvatore Ferragamo oder J.W.Anderson gibt es in diesem Sommer freie Schultern zu sehen. Allerdings ist es nicht mehr die wehrlose und zerbrechliche Frau, die hier inszeniert wird. Die neuen Schultern sehen durchaus selbstbewusst, fast ein wenig provokativ aus. Die Kleider und Oberteile spielen nicht mehr mit der Anmutung, dass unziemlich ein Träger verrutscht sei. Vielmehr wirken die Schnitte, als sei es das Allernatürlichste, mit nackten Schultern durchs Leben zu gehen. Wegen dieser Selbstverständlichkeit sind sie nicht anzüglich. Sie sind für eine Frau, die sich dem Mann nicht als schutzsuchendes Wesen anzubieten braucht. Starke Schultern hat sie selber.

Foto: Schulterfreies Kleid von Hugo Boss

Kommentare

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Interessant. In Südkorea ist mir aufgefallen, daß die jungen Frauen zwar Röcke/Hotpants tragen, die gerade mal den Schritt bedecken, aber kaum Oberteile, die Schulter zeigen. In Thailand war es fast genau umgekehrt. Hat vielleicht auch damit zu tun, daß die Proportionen unterschiedlich sind. Inzwischen sehne ich mich nach etwas Schulter, obwohl ich eigentlich auf Beine stehe.

"Mir ist manches schon passiert - aber so etwas noch nicht, aber so etwas noch nicht". Empört singt in Millöckers Operette "Bettelstudent" der alte sächsische Gouverneur der Festung Krakau (1704), wie sehr er kompromittiert worden ist. Die polnische Komtesse Laura hat ihn in aller Öffentlichkeit mit dem Fächer ins Gesicht geschlagen - und das, weil der lüsterne alte Haudegen sie auf die Schulter geküßt hatte. Offenbar war dem ungebildeten Offizier nicht der uralte Rechtskomment vertraut, wonach die Schulter über Freiheit oder Unfreiheit entscheidet. Noch heute verhaftet die Polizei (ersatzweise jeder Staatsbürger) einen Delinquenten, indem dieser an der Schulter ergriffen wird - "mancipare" hieß das im Römischen Recht, zum Sklaven machen. Den unwillkommenen Kuß auf die - womöglich vorsätzlich entblößte - Schulter hatte die emanzipierte junge Dame zurecht als Beginn eines Vergewaltigungsaktes eingeschätzt. Der Schlag mit dem Fächer wiederum stammt ebenfalls aus grauer Vorzeit: Wer eine Fehde eröffnen wollte, konnte mit dem diesbezüglichen Handschuh dem Gegner ins Gesicht schlagen. Zu dumm nur, daß im zutiefst männlichen Duellwesen eine Frau nicht als satisfaktionsfähig galt - die junge Gräfin hatte zwar blank gezogen, stand aber nicht in der Verantwortung. Deshalb raunzte der verhinderte Liebhaber wie ein Rolling Stone (I can't get no satisfaction): "Ha, ich wüte, schäume, rase, dürste nach Satisfaktion ... Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküßt".