Floskel Haben Sie schon Ihre Hausaufgaben gemacht?

Eine Formulierung wird zur Floskel. Von
ZEITmagazin Nr. 20/2016

Neulich war es wieder so weit: Da sagte Peter Altmaier bei Anne Will, wenn die Türkei ihre Hausaufgaben machte, würde die EU der Visafreiheit zustimmen. In solchen Momenten hat man das Gefühl, die Welt sei eine Schule – mit lauter besserwisserischen Oberlehrern und sehr, sehr vielen renitenten Schülern. Schaut man im Archiv nach, wer im laufenden Schuljahr angeblich seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, ergibt sich ein erschreckendes Bild: Unter den Leistungsverweigerern sind sowohl Einzeltäter (Bernie Sanders, Wladimir Klitschko, eine gewisse Terry-Joe) als auch Länder (Belgien, Griechenland), es gibt Wiederholungstäter ("Hier hat Hollywood weiterhin die Hausaufgaben nicht gemacht") und ganz, ganz schwere Fälle ("Die arabische Welt hat jahrhundertelang ihre Hausaufgaben nicht gemacht"). An den Feinheiten der Formulierung erkennt man den strebsamen Musterschüler (Oliver Bierhoff: "Wir haben wie immer unsere Hausaufgaben gemacht"), die, die keinen Zweifel kennen (Joachim Herrmann: "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht"), und andere, die versuchen, sich mal so durchzumogeln (Hermann Gröhe: "Wir haben, glaube ich, unsere Hausaufgaben gemacht"). Manche haben anscheinend besonders viel auf (Griechenland, Werder Bremen), und nur wenigen wird bescheinigt, ihre Pflicht erledigt zu haben. Über den Sinn von Hausaufgaben wird von Pädagogen seit Langem gestritten. Vielleicht sollten wir sprachlich einfach denjenigen folgen, die sie für überflüssig halten – und sie endlich abschaffen.

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Menschen sind keine Kaffee-Maschinen

Hausaufgaben sind ein sinnloser Messvorgang, der feststellen soll, ob jemand etwas gelernt hat. Man glaubt, dass das Hirn von Menschen wie eine Kaffee-Maschine funktioniert. Die befüllt man mit Kaffee, heißem Wasser und Milch. Input heißt es in der Sprache des digitalen Zeitalters. Lehren sagt man in der Ausbildung. Dann drückt man bei der Kaffee-Maschine auf einen Knopf, und aus einem Hahn kommt genau das heraus, was man oben hineingetan hat. Output sagt man in der Sprache des digitalen Zeitalters. In der Ausbildung glaubt man, es mit Gelerntem zu tun zu haben. Hausaufgaben sind dabei ein Messvorgang, das Drücken auf den Knopf. Es herrscht immer noch die weitverbreitete Meinung, dass, wenn genau das herauskommt, was man hineingetan hat, Lernen stattgefunden hat. Diese Ansicht widerspricht jeder wissenschaftlichen Erkenntnis über die Funktionsweise des Hirns. Wer glaubt, dass gemachte Hausaufgaben der Nachweis ist, dass jemand etwas gelernt hat, der hat nichts gelernt. Lernen hat mit Lehren nichts zu tun! - Hier können Sie lesen, wie man Menschen – in diesem Fall Kinder - zum Lernen bewegen kann. http://www.kamus-quantum....

Wow, was für eine Keksdose voller Gemeinplätzchen, gebacken von den Überzeugungstätern des "Radikalen Konstruktivismus", die uns weismachen wollen, daß "Hausaufgaben" nur ein überflüssiger, gar schädlicher Meßvorgang sein können. Und dabei ist unstrittig, daß es sinnvolle wie auch unsinnige "Hausaufgaben" gibt - woran sich nichts ändert, wenn man Übungen zum Nacharbeiten und Vertiefen mit modisch wechselnden Etiketten beklebt.

Hausaugaben sind für das gute Gewissen der Kinder wichtig, wenn sie alles erledigt haben und den Rest des Tages frohen Herzens genießen dürfen. Doch wer kennt nicht auch aus Kindertagen das nagende schlechte Gewissen bis alles gut erledigt wurde. Daran soll in dieser Floskel erinnert werden. Doch es gibt auch die coolen Jungs, die lassen das von anderen machen oder schreiben ab. Und welcher Politiker will nicht cool sein?

Meine Tochter (Schweden, 5. Klasse), hat in Ihrer Schulzeit fast noch nie Hausaufgaben bekommen, nicht mal Noten. Dieser Hausaufgabenterrorismus an den Kindern in Deutschland ist wohl eher ein repetieren der Erwachsenen, weil Sie selbst nichts anderes kennengelernt haben. Mit dem Spruch: Wir mussten da auch durch'.
Mit der Arbeitsweise des Gehirns, oder kindgerechteres Aufwachsen hat das wenig zu tun.

Bei Politikern sticht dabei eher der Oberlehrer durch mit der Gegenpolarität selbst Dreck am Stecken zu haben