Die großen Fragen der Liebe Warum fürchtet er ihren grünen Daumen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 20/2016

Die Frage: Michael und Corinna kennen sich seit dem Gymnasium. Sie haben sich nie ganz aus den Augen verloren und sind dann rein zufällig in der gleichen Firma gelandet. Sie gehen miteinander aus. Michael schenkt Corinna zu ihrem Geburtstag einen Ableger der Grünlilie, die auf dem Fensterbrett seines WG-Zimmers gedeiht. Nach einer Party landen Corinna und Michael zusammen im Bett. Michael will sich nicht festlegen, er hat den Vertrag für einen Auslandsaufenthalt schon unterschrieben. Nach einem Jahr kommt er aus Boston zurück. Corinna lädt ihn zum Abendessen in ihre neue Wohnung ein. Stolz zeigt sie ihm ein ganzes Fensterbrett voller Grünlilien in kunstgewerblichen Töpfen. Michael denkt sich: Wie komme ich wieder aus dieser Wohnung, ohne Corinna zu kränken?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Michael ist mit sich selbst in seiner Rolle als höflicher junger Mann nicht im Reinen. Daher gewinnt die an sich harmlose und liebevolle Geste Corinnas unheimliche Macht. Michael fühlt sich, als werde er alsbald selbst eingetopft und müsse seine Zukunft unter Corinnas grünem Daumen verbringen. Zu den zauberhaften Qualitäten der Liebe gehört, dass sie einen Bereich für das magische Denken öffnet, mit allen erfreulichen, aber auch bestürzenden Qualitäten. Die Höflichkeit hingegen gebietet es, so zu tun, als gäbe es nur die erfreuliche Seite – oder die Flucht mit einer Ausrede. Solange Michael keinen Weg findet, über seine Ängste vor Corinnas Dominanz zu sprechen, wird das Gedeihen ihrer Liebe kaum die Wuchskraft der Grünlilien erreichen, die sich auf Corinnas Fensterbrett vermehrt haben.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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