Syrien-Konflikt Auf Krieg folgt immer Frieden

Der Comic-Zeichner Hamid Sulaiman erklärt in seiner Graphic Novel den Konflikt in Syrien. Von und
ZEITmagazin Nr. 20/2016

Comics sind etwas Vertrautes, Alltägliches und irgendwie Intimes, eine Erinnerung an lange Nächte mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Sie sind das Medium der Jugend, auch wenn sie von vielen Älteren gelesen werden.

Hamid Sulaiman, ein junger Mann aus Damaskus, hat etwas Interessantes gemacht: Er wählte, um von dem verwirrenden Konflikt in seiner Heimat zu erzählen, ausgerechnet die Form der Graphic Novel, eines Comic-Romans.

Mit schwarzer Tusche hat er auf 288 Seiten die Geschichte des Freedom Hospital gemalt. Eines fiktiven, aber wahrscheinlich existierenden Krankenhauses, in dem Ärzte heimlich verletzte Rebellen pflegen, die in den offiziellen Hospitälern Syriens eher den Tod als Heilung fänden.

Mittelpunkt der Erzählung ist Yasmine, eine junge, kettenrauchende Syrerin, die das Freedom Hospital aufgebaut hat. Außerdem tauchen auf: Rebellenführer, Verräter, Assad-Schergen, Atheisten, Prediger, Hypochonder, Alawiten, Journalisten, Terroristen des IS, Kämpfer aus mythischer Vergangenheit, Drogenabhängige und Verliebte.

Bei Sulaiman bleibt der Krieg in Syrien etwas Unverständliches, Grauenhaftes. Er arbeitet mit Vorlagen aus den Nachrichten und dem Internet, er malt sogar die Computerbildschirme ab, auf denen so viele seit Jahren den Horror beobachten. Doch indem er die Bilder auf eine andere Ebene hebt, sie still stellt und zugleich in ein Kontinuum bringt, löst er sie aus der Tagesaktualität und gibt ihnen eine neue Zeitlichkeit, die sie anders begreifbar macht.

Hoffnungsvoll ist das erste Kapitel mit Frühling überschrieben, die friedliche Rebellion in Syrien ist im Gange, wird aber sofort mit Schüssen von Assads Truppen beantwortet. Es folgen die Kapitel Sommer, Herbst und Winter, in denen die Mitstreiter des Krankenhauses langsam zwischen IS und Assad-Anhängern zerrieben werden. Die Freiheit, die im Krankenhaus gerettet werden sollte, scheint schließlich utopischer zu sein als je zuvor.

Doch Hamid Sulaiman, der nach einer kurzen Haft in Damaskus nach Europa floh, wollte seine Geschichte nicht so düster enden lassen, und daher gibt es ein fünftes Kapitel – das wieder Frühling heißt.

Vier Jahre lang hat der 30-Jährige an seinem grafischen Roman gearbeitet, und das Erstaunlichste an diesem Buch ist vielleicht, dass der Autor trotz des Elends, mit dem er sich wieder und wieder in seinen Bildern auseinandersetzt, den Glauben an eine Wendung zum Besseren nicht verloren hat. Mit Papier und Tusche kämpft er dafür, dass der Frühling vor fünf Jahren nicht der letzte war für sein Land und seine Generation. In der Galerie Crone in Berlin sind zurzeit die Originalzeichnungen von Hamid Sulaiman zu sehen, im kommenden Frühjahr erscheint sein Buch Freedom Hospital bei Hanser Berlin. Wir zeigen vorab eine Auswahl von Szenen, die uns besonders beeindruckt haben.

Die Bilder werden in der Ausstellung "Freedom Hospital" von Hamid Sulaiman in der Galerie Crone gezeigt, Rudi-Dutschke-Str. 26, 10969 Berlin (Dauer 9. April bis 18. Juni 2016)

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Politisch mag es Bedeutung tragen, und sogar notwendig sein. Künstlerisch ist es wertlos, und wird einzig gezeigt, weil in den Augen des Kulturestablishment zur Zeit in geradezu penetranter Weise nur ein Syrer ein Künstler ist. Um möglichst hautnah an jener "politischen Avantgarde" dran zu sein, als die man die "Geflüchteten" mutmaßt, verstellt und verrenkt sich die Kunstszene und nimmt darüber billigend den unheilvollen Graben in Kauf, der sich zwischen "guten" "Exoten" und "miefigen" "provinziellen" Einheimischen auftut. Kunst ohne "Geflüchtete"? Uncool. "Reflektieren" ohne "Geflüchtete"? Provinziell. Reaktionär. Faschistisch. Das Wort Faschismus fungiert in diesen Kreisen als wohlfeiles Geschmacks- und Gefühlsattribut, das nahezu alles umfasst, was nicht fashionable in die je eigene "progressive" Label-Zukunft hineinpasst: "Geflüchtete" als ultrahippes Accessoire des kuratierten Erdballs, als letzter Schrei einer société du spectacle, deren Festivals schamlos den Kriegshorror und das Elend sogenannter "Menschen in translokaler Situation" (sic!) zum werbeträchtigen Schmuck für posthumane Bühnen&Konzertsäle entfremden. Migration zwischen Bürgerkrieg und Jet-Set. "Syrian Metal is War" war kürzlich bei Vice zu lesen. Gratuliere! Dazu eine "nomadische" Hashtagkultur mit beigeordneter Hashtag-Moral, Hashtag-Psyche, Hashtag-Logik, Hashtag-Justiz ... (Liebe wird immer siegen)