Rick Astley Old Boy

ZEITmagazin Nr. 21/2016
Rick Astley war ein Superstar. Mit 27 ging der Sänger in den Ruhestand, später wurde er im Internet zur Witzfigur. Jetzt ist er wieder da. Von

ZEITmagazin: Mr. Astley, nachdem Sie lange als Plastik-Popstar der achtziger Jahre belächelt wurden, nannte die Londoner Times Sie neulich ein "nationales Kulturgut". Was ist passiert?

Rick Astley: Ich war nie cool, und meine Platten werden Sie bei keinem Hipster entdecken. Aber Millionen Menschen hatten trotzdem Freude an meiner Musik. Der Faktor Zeit ändert dann eben doch mal die Perspektive. Man muss sich nur rarmachen, dann dreht sich irgendwann der Wind.

ZEITmagazin: Wann haben Sie bemerkt, dass er sich gedreht hat?

Astley: Seit einigen Jahren gebe ich immer mal wieder Konzerte. Die ersten Comeback-Shows waren noch ziemlich gewöhnungsbedürftig, da ich zuvor ungefähr 15 Jahre lang völlig raus aus dem Geschäft gewesen war. Aber in den Jahren meiner Auszeit habe ich gelernt, diesen Job sehr viel entspannter anzugehen. Und meine Stimme ist heute eher besser als früher.

ZEITmagazin: Ihre Musik war ohnehin nie ganz weg.

Astley: Stimmt, während meiner Auszeit entwickelte insbesondere mein Song Never Gonna Give You Up im Internet ein bizarres Eigenleben. Ich sage nur "Rickrolling".

ZEITmagazin: Wie würden Sie Rickrolling erklären?

Astley: Rickrolling ist ein bizarres Internet-Phänomen, das vor einigen Jahren in den USA begann. Als einer meiner Freunde das mitbekam, alarmierte er mich. Er schickte mir seltsame Internet-Links, angeblich zu Fußballspielen und allem möglichen Zeug – und jeder dieser Links führte zu dem Clip von Never Gonna Give You Up. Ich dachte: Was zum Teufel ist das denn? Soll das lustig sein? Ich rief diesen Freund an und ließ mir von ihm erklären, dass es tatsächlich eine große Welle von falschen Links gab, die alle zu diesem Clip führten. Und dass das Rickrolling genannt wird.

ZEITmagazin: Bei den MTV Europe Music Awards 2008 wurden Sie deshalb in einer Internet-Abstimmung sogar zum "besten Popstar aller Zeiten" gewählt.

Astley: Eben, Rickrolling: Egal, was man anklickt, am Ende hören die Leute mich. Zuletzt machten sich die Foo Fighters einen Spaß daraus, meinen Song vor einer Kirche zu spielen, die gegen Homosexuelle und Rockkonzerte mobilgemacht hatte. Die Foo Fighters und ein Haufen ihrer Fans standen dann vor dieser Kirche und grölten gemeinsam Never Gonna Give You Up, was wiederum als Videoclip auch ein Renner im Netz wurde. Das ist alles seltsam, aber auch lustig. Es steckt eine Mischung aus Anarchie und Ironie darin, die mit mir als Person eher wenig zu tun hat. Wobei es natürlich schön ist, zu sehen, dass mein Song inzwischen zum Allgemeingut geworden ist.

ZEITmagazin: Bei einigen Videoplattformen soll Ihr Song dank Rickrolling über hundert Millionen Mal gespielt worden sein. Angeblich haben Sie nur zwölf Dollar dafür kassiert?

Astley: Das hat Pete Waterman behauptet, einer der Autoren des Songs, es stimmt aber nicht. Allerdings hatte ich dadurch auch keine sagenhaften Einnahmen. Das Rickrolling hat mir immerhin viel Aufmerksamkeit beschert, und das ist ja auch nicht schlecht. Ich bin sicher, dass sich viele meiner Kollegen aus den Achtzigern nicht darüber beschwert hätten, auf diese Weise mal wieder ins Gespräch zu kommen. Außerdem kriegte ich ein paar ganz nette Aufträge, die es ohne Rickrolling wohl nicht gegeben hätte. Ich war zum Beispiel bei der Thanksgiving-Parade in New York dabei, die sich halb Amerika im Fernsehen anschaut. Es mag nur Ironie sein, aber es ist okay!

ZEITmagazin:  Never Gonna Give You Up, Ihre erste Single, wurde im August 1987 veröffentlicht. Ein halbes Jahr später waren Sie angeblich Millionär. Stimmt das?

Astley: Ja, das kommt hin. Meine Bank war damals noch in dem Vorort von Manchester, in dem ich aufgewachsen bin. Eines Tages lud mich der Filialleiter zum Gespräch ein. Er schloss die Tür, bat mich, Platz zu nehmen, und nannte mir dann meinen neuen Kontostand. Ich dachte nur: "Wow. Nett!"

ZEITmagazin: Wie hat der neue Kontostand Ihr Leben verändert?

Astley: Ehrlich gesagt machte das damals für meinen Alltag keinen Unterschied. Was allein daran lag, dass ich gar nicht die Zeit hatte, mir irgendetwas Tolles zu kaufen. Ich arbeitete rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Gut, ich hatte bald eine schöne Wohnung in London. Aber in der verbrachte ich kaum Zeit. Morgens wachte ich meistens in irgendeinem Hotel auf. Während meiner Jahre als aktiver Popstar habe ich niemals für eine Mahlzeit bezahlt. Ich aß nur in den besten Restaurants Europas und sah nie eine Rechnung. Ich musste auch nie eine einzige Hotelrechnung begleichen. Das ist in dem Job eben so üblich.

ZEITmagazin: Vor Ihrer Popstar-Karriere tingelten Sie als Teenager mit einer Rock-’n’-Roll-Band namens FBI durch die englische Provinz – bis der Produzent Pete Waterman auf Sie aufmerksam wurde. Wie kam es dazu?

Astley: Waterman war Juror bei einem Bandwettbewerb. Er trug eine rote Lederhose und fuhr einen Jaguar. Vier Bands spielten um die Wette, FBI waren eine davon. Waterman war an keiner der Bands interessiert, aber mich wollte er anschließend unter Vertrag nehmen. Ich lehnte erst ab, denn ich wollte die Band nicht im Stich lassen.

ZEITmagazin: Dann sagten Sie doch zu – warum?

Astley: Das hat mit meiner Familie zu tun. Alle meine Onkel hatten ihre eigenen kleinen Unternehmen. So bin ich aufgewachsen: Man übernimmt Verantwortung. Mein Vater hatte einen kleinen Betrieb für Gartengeräte, wo ich als Kind mithelfen musste. In der Band machte ich eigentlich auch das meiste: Songs schreiben, singen, den Van fahren. Oft musste ich die anderen erst mal aufwecken, wenn wir einen Auftritt hatten. Ich war der Einzige von uns, der sich musikalisch weiterentwickeln wollte. Ach ja, Schlagzeug spielte ich bei den Proben auch noch, denn unser Drummer ging lieber zum Rugbytraining. Es war jedenfalls so, dass mir klar wurde: Ich würde nur allein weiterkommen.

ZEITmagazin: Sahen Ihre Bandfreunde das auch so?

Astley: Nein. Wir waren danach keine Freunde mehr. Aber Musik war für mich das Wichtigste, den anderen war sie eben nicht ganz so wichtig. Also trennten sich unsere Wege.

ZEITmagazin: Das Produzenten-Trio Stock Aitken Waterman, zu dem neben Pete Waterman auch noch Mike Stock und Matt Aitken gehörten, gilt als die größte Hitfabrik der Achtziger. Welche Anweisungen gaben Ihnen die drei?

Astley: Ich staune immer, wenn ich höre, mit wie viel Ehrfurcht die Leute von der Präzision und dem Genie von Stock Aitken Waterman sprechen. Das ist nett, trifft es aber nicht so ganz. In Wirklichkeit war das ein eher chaotischer Betrieb. Die drei haben ja auch mal ganz klein angefangen, und als dann alles innerhalb weniger Monate wie am Schnürchen lief, überrollte sie der Erfolg dermaßen, dass für raffinierte Strategien gar keine Zeit blieb. Sie hatten mit der Band Dead or Alive und mit Princess zwei gewaltige Hits gelandet. Danach überlegten die Manager aller Plattenfirmen in England, welche ihrer Stars sie bei Stock Aitken Waterman unterbringen könnten. Dabei überboten sie sich gegenseitig mit Geld. Es war der helle Wahnsinn und völlig planlos.

ZEITmagazin: Stock Aitken Waterman haben immerhin Kylie Minogue entdeckt und zum Star gemacht.

Astley: Moment, Kylie haben sie nicht entdeckt, das ist ein Mythos. Ihr erster Hit war The Loco-Motion, und der war in ihrem Heimatland Australien schon längst auf Platz eins gelandet, als die drei auf sie aufmerksam wurden. Sie kannten Kylie bereits durch ihre Rolle in der Fernsehserie Neighbours, und als sie mitbekamen, dass sie in Australien einen Hit hatte, ließen sie sie einfliegen und nahmen den Song einfach noch mal auf. Dass das funktioniert hat, ist bekannt.

ZEITmagazin: Sie trugen in dieser Zeit den Spitznamen "the tea boy". Wie kam es dazu?

Astley: Ganz einfach: weil ich bei Stock Aitken Waterman anfangs eben nur der tea boy war. Wenn die anderen Musik produzierten, machte ich Tee für alle. Als ich unter Vertrag genommen wurde, hatten die drei Produzenten keine Zeit für mich, weil sie vollkommen mit der Band Dead or Alive beschäftigt waren. Also sagte Waterman zu mir: Warum ziehst du nicht erst mal nach London, hilfst ein wenig in unserer Firma aus, kommst jeden Tag ins Studio und lernst dabei, wie das Geschäft so läuft? Ich war ein schüchterner Typ, und das hatte Waterman erkannt. In London war ich bis dahin erst zweimal in meinem Leben gewesen. Ich war begeistert von dem Angebot, zunächst das Handwerk zu lernen, bevor ich eine Platte mit ihnen machte. Danach war ich einer der "Jungen" in ihrem Team alter Profis. Ich schaute aufgeregt bei allem zu, machte Tee und Kaffee, sorgte für Sandwiches und Kekse.

ZEITmagazin: Haben Sie auch Tee für Kylie gekocht?

Astley: Vermutlich ja. Ich weiß jedenfalls noch, dass ich der tea boy war für Bananarama, Mel & Kim, Princess und Dead or Alive. Manchmal übernahm ich auch recht bizarre Aufgaben. Einmal reiste ich nach Wales, um eine elektrische Eisenbahn für Waterman abzuholen. Wirklich spannend aber war, dass sie mir erlaubten, abends mit ihnen in den Pub zu gehen. Ich durfte dabei sein, wenn sie am Tresen ihre Geschäfte verhandelten. Ich war damals zwanzig und hörte sehr aufmerksam zu, wenn Stock Aitken Waterman über ihre finanziellen Transaktionen sprachen oder diskutierten, warum sie diesen oder jenen Künstler unter Vertrag nahmen oder ablehnten. Da wurde auch im Detail besprochen, wie ihre Platten klingen sollten, was sie alles ausprobieren wollten und was gerade spannend war in den US-Charts. Sie debattierten manchmal stundenlang, was eine gute Platte ausmacht und was eine schlechte, wie ein Hit zu beginnen hat und wie er keinesfalls enden darf. Die Jahre bei Stock Aitken Waterman waren für mich auch eine Lehre, in der ich erfuhr, wie Pop funktioniert.

ZEITmagazin: Aber sagten Sie nicht, die seien so chaotisch gewesen?

Astley: Das waren sie auch. Ich weiß noch, wie der Anruf kam, dass ich zum ersten Mal in der TV-Show Top of the Pops auftreten sollte. Ich sagte nur: Okay, was trägt man da? Und Waterman antwortete: Was immer du willst, uns ist das egal. Stock Aitken Waterman brachten Platten raus und kümmerten sich danach um gar nichts mehr. Als Never Gonna Give You Up auf Platz eins der Charts landete, gab es nicht mal ein Video dazu.

ZEITmagazin: Das ging damals, Ende der Achtziger?

Astley: Eben nicht. Eine Single ohne Videoclip war unvorstellbar. Für meinen Song gab es trotzdem keinen. Als dann alles so gut lief, wurde hektisch ein Video bestellt. Allerdings gab es dafür keinen Plan, nicht mal einen Stylisten. Ich kam im Studio mit einer Plastiktüte an, in der meine Klamotten waren. "Was soll ich tun?", fragte ich den Regisseur. Der gab mir die Hand, zuckte mit den Schultern und sagte: "Keinen Schimmer! Vielleicht ein wenig vor der Wand da tanzen? Wir drehen die Musik auf, und du tanzt irgendwie dazu. Geht das?"

ZEITmagazin: Ihre Tanzschritte haben dann ein Millionenpublikum beeindruckt. Bekommen Sie die bei Ihren Shows noch hin?

Astley: Leider nein, meine Knie machen das schon lange nicht mehr mit. Die habe ich mir beim Skifahren ruiniert. Bei den Konzerten deute ich den Tanz für fünf Sekunden kurz an und laufe dann ein wenig im Kreis. Das allein macht viele Leute schon glücklich.

ZEITmagazin: Sie waren der Inbegriff des netten Popstars. Haben Sie jemals ein Hotelzimmer zertrümmert?

Astley: Nein, ich war immer brav. Bloß wenn ich mal in einem wirklich schrecklichen Hotelzimmer gelandet war, machte ich mir den Spaß, alles umzudekorieren. Ich bin nur einmal richtig aus der Haut gefahren und habe die Vorhänge in einem Hotelzimmer runtergerissen. Aber auch das eher aus Versehen. Ich kam sehr müde ins Zimmer, wollte nur noch schlafen und konnte die Vorhänge nicht zuziehen. Frustriert zerrte ich etwas heftiger daran, hatte sie plötzlich in der Hand und merkte, dass es elektrische Gardinen waren. Verdammt! Ich verbrachte dann die Nacht damit, das so halbwegs zu reparieren. Ich habe immer die Leute im Kopf, die am nächsten Morgen alles wieder in Ordnung bringen müssen. Gut, vor Konzerten werde ich manchmal etwas wild.

ZEITmagazin: Was tun Sie?

Astley: Zwanzig Minuten vor Konzertbeginn ziehe ich mich in meine Garderobe zurück und trete irgendwelche Dinge durch den Raum. Auf diese Weise lasse ich Dampf ab. Aber auch dabei bin ich bemüht, alles heil zu lassen. Manchmal tue ich auch so, als wäre ich wütend, nur um in Stimmung zu kommen. Ich habe mal gelesen, dass Fußballprofis vor wichtigen Spielen auch Randale in der Kabine machen. Das hat mich motiviert.

ZEITmagazin: Haben Sie davon gehört, dass einige englische Fußballprofis gern Never Gonna Give You Up in der Kabine anstimmen?

Astley: Ja, in der Premier League ist das ziemlich verbreitet. Ich bin ja Manchester-United-Fan, da freut es mich besonders, dass eine Gruppe von Spielern dieser Mannschaft vor wichtigen Begegnungen immer wieder Never Gonna Give You Up singt. Ein Profi-Kricketteam macht das übrigens auch.

ZEITmagazin: Anfang der Neunziger haben Sie Ihre Pop-Karriere aufgegeben. Warum eigentlich?

Astley: Es kam vieles zusammen. Mir war irgendwann die Freude an der Musik abhandengekommen. Weil es eben immer weniger um Musik ging und immer mehr um den Zirkus drum herum. Ab einem gewissen Punkt hatte ich das Gefühl, nur noch in bizarren Talkshows zu Vollplayback herumzukaspern. Ich erinnere mich an eine deutsche Fernsehshow, in der ich mit einem Kamel auf der Bühne stand. Ich dachte mir: Was mache ich hier eigentlich neben einem verdammten Kamel? Klar, es ist alles Entertainment, aber wenn man mit einem Kamel auf der Bühne steht, ohne zu wissen, warum, kommt man schon ins Grübeln. Auf meinem neuen Album habe ich jedes Instrument selber gespielt. Abgesehen von einem Frauenchor ist jeder Ton von mir. Das ist ein befreiendes Gefühl.

ZEITmagazin: Und das war bei Ihren alten Platten ganz anders?

Astley: Ach, auf den ersten beiden Alben mit Stock Aitken Waterman ist außer meinem Gesang wenig von mir. Ein paar Songs habe ich mitgeschrieben, aber das meiste steuerten eben Stock Aitken Waterman bei. Für mich blieb das Gefühl, dass es letztlich nicht meine Platten waren. Es war, als ob ich in der eigenen Musik nur zu Gast war. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man einfach etwas mehr beteiligt werden möchte an seinen Platten.

ZEITmagazin: Sie haben damals einen Nervenzusammenbruch erlitten. Was war der Auslöser?

Astley: Seit Never Gonna Give You Up war mein Leben jahrelang ausgebucht. Ich hetzte nur noch von Hotel zu Hotel, von Flughafen zu Flughafen, von Show zu Show. Der Spaß war schnell vorbei. Eines Tages war ich dann in meinem Auto auf dem Weg zum Londoner Flughafen Heathrow, um nach New York zu fliegen, zu einer weiteren Fernsehshow. Da wurde mir klar, dass ich das alles nicht mehr mitmachen wollte. Ich bin noch nie gern geflogen. Zu Hause war meine damals noch kleine Tochter, die ich sehr vermisste. Meine Nerven lagen jedenfalls blank. Ich konnte und wollte nicht mehr und beschloss, dass ich bis auf Weiteres nicht mehr fliegen wollte. Und ohne die Fliegerei konnte ich auch meine Platten nicht mehr bewerben und auf Tournee gehen – auch das war mir klar.

ZEITmagazin: Sie sind dann mit 27 in den Vorruhestand gegangen. Was haben Sie danach vermisst?

Astley: Nichts. Es war ein Gefühl absoluter Freiheit. Gut, es war schon seltsam, nach einer Weile kaum noch erkannt zu werden. Ich müsste lügen, wenn ich nicht einräumen würde, dass ich das bemerkte. Heute kann ich in irgendeiner Arena auf der Bühne stehen vor 30.000 Menschen, die meine alten Hits mitsingen, danach in mein Auto steigen, und schon an der nächsten Tankstelle erkennt mich kein Mensch mehr. Das ist ehrlich gesagt himmlisch. So kann ich das Berühmtsein gut ertragen.

ZEITmagazin: Ihre Tochter ist mittlerweile 24. Haben Sie ihr von Ihrem alten Leben als Popstar berichtet?

Astley: Die nimmt das alles ganz cool. Sie hat die Zeit, in der ich berühmt war, ja nicht miterlebt. In ihrer Jugend war ich nicht mehr im Fernsehen, und im Radio war ich auch nur noch selten zu hören – bis sie ein Teenager war und Rickrolling kam. Da mussten wir reden. Ich setzte mich also mit ihr hin und erklärte ihr meinen alten Job. Richmond, wo wir leben, ist ja eher so ein gehobener Teil von London, da ist sie ganz andere Berühmtheiten gewohnt. Sie ging zur Schule mit den Kindern von Pete Townshend und Mick Jagger. Mit einer Jagger-Tochter ist sie eng befreundet. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist keine Eliteschule, da schicken auch viele ganz normale Menschen ihre Kinder hin. Aber für mich waren diese anderen Stars ein Vorteil, weil ich da nicht weiter auffiel.

ZEITmagazin: Wie war das: Saßen Sie da bei den Elternabenden neben Mick Jagger?

Astley: Nein, aber in einem Wettrennen der Väter an dieser Schule bin ich mal gegen Mr. Jagger angetreten. Er war ziemlich schnell. Gewonnen hat er allerdings nicht. Der ehemalige britische Zehnkämpfer Daley Thompson machte nämlich auch mit. Der Mann hat immerhin bei den Olympischen Spielen Goldmedaillen geholt. Seine Kinder gingen eben auch auf diese Schule. Für das Rennen musste er 40 Meter hinter uns starten – und hat trotzdem gesiegt. Dabei ist der mindestens zehn Jahre älter als ich! Viele der Väter da hätten alles getan, um gegen ihn zu gewinnen. Das geht mir ab. Ich bleibe lieber im Hintergrund.

ZEITmagazin: Wo hängen eigentlich all Ihre Goldenen Schallplatten?

Astley: Die sind sicher verstaut. Die einzige Goldene Schallplatte in unserem Haus war die für den Soundtrack von The Lion King. Die hing tatsächlich im Zimmer meiner Tochter. Ich singe da ein wenig im Hintergrund mit, weil Elton John mich darum gebeten hatte. Es war dann sehr nett von Elton, dass er mir diese Goldene Platte schickte.

ZEITmagazin: Nun scheint auch Ihr Comeback-Album 50 ein Erfolg zu werden. Ist das gut oder schlecht?

Astley: Seit meine Tochter ausgezogen ist und im Ausland studiert, interessiere ich mich wieder mehr für Musik. Ich werde aber nie wieder so im Rampenlicht stehen wie früher, da bin ich mir ziemlich sicher. Und das ist auch ganz gut so. Ich war zu den Zeiten von Stock Aitken Waterman fast noch ein Kind, so wie Justin Bieber, nur schüchterner, nervöser. Jetzt bin ich erwachsen, das hilft. Und für mich ist doch alles gut ausgegangen. Anders als für viele meiner Kollegen von früher, die heute mit leeren Händen dastehen. Deren Geld ist weg, oder ihr Publikum, oder auch beides. Ich kann mir heute aussuchen, was ich mache. Wenn mich irgendetwas stört, mache ich es eben nicht. Manchmal wird mein Honorar dann so lange erhöht, bis ich meine Meinung ändere. Auch gut. Eigentlich muss ich nichts mehr verdienen. Aber wenn ein Veranstalter bereit ist, viel Geld dafür zu zahlen, dass ich komme, dann weiß ich auch, dass da wohl ein Publikum ist, das mich noch hören will. Das ist ein ziemlich gutes Gefühl.

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren