Ich habe einen Traum Ralf Rothmann

"Meine Frau und ich wurden überfallen – eine Albtraumsituation"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 22/2016

Seit der Pubertät habe ich zwei- bis dreimal im Jahr geträumt, dass ich erschossen werde. Manchmal wurde ich mit vielen anderen vor ein Exekutionskommando gestellt, manchmal war ich allein in einem kellerartigen Verlies. Das Gefühl dabei war unterschiedlich: Oft wurde ich vor Entsetzen wach, dann wieder empfand ich den Schuss als Wohltat, wie einen Schnaps an einem eisigen Tag.

Ein befreundeter Psychologe sagte mir mal, dass es eine Traumavererbung von Generation zu Generation gebe und dass mein Traum möglicherweise mit den Kriegserlebnissen meines Vaters zusammenhänge. Dabei hat der selten von jener Zeit gesprochen, und wenn, brachen die Erzählungen immer wieder plötzlich ab, und es folgte ein Schweigen, das sogar von uns Kindern als vielsagendes empfunden wurde. Erst spät habe ich erfahren, dass meine Mutter auf der Flucht aus Westpreußen von russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Vielleicht war sie deshalb eine so hartherzige Frau. Ihre Erziehung bestand darin, meinen Bruder und mich aus dem Haus zu schicken und zu prügeln, wenn wir schmutzig zurückkamen.

Ich bin im Ruhrgebiet in beengten Verhältnissen aufgewachsen, und als Junge habe ich von der großen Freiheit der Indianer geträumt. Cowboys habe ich verachtet, die ballerten einfach nur los, während die Indianer die Anarchisten waren, die Feinfühligeren, die Fährten lesen konnten. Ich habe das mit so einer Mustang-Freiheit assoziiert: auf dem Pferd sitzen und in die endlose Weite reiten. Im Ruhrgebiet stieß man damals ja immer an irgendeine Kohlenhalde oder an einen Zechenzaun. In der Verfilmung meines Romans Junges Licht ersteht diese Kindheitswelt wieder auf. Als ich den Film zum ersten Mal sah, hatte ich das Gefühl, mir selbst aus einem Traum entgegenzukommen: Der Junge, der die Hauptrolle spielt, sieht genauso aus wie ich damals. Und gleichzeitig wusste ich: Ich, der Schriftsteller, bin der Traum dieses Jungen, der beginnt, sich für Sprache und Gedichte zu interessieren, und sich nach Freiheit sehnt.

Vor einiger Zeit, vor drei Jahren etwa, wurden meine Frau und ich hier in Berlin-Frohnau überfallen, von einem maskierten Mann mit Pistole. Eine Albtraumsituation, die mir denn auch gar nicht real erschien. Wir hatten keine Angst, gerieten nicht in Panik; wir waren ganz ungläubiges Staunen, und erst als der Mann die Waffe gezielt auf den Kopf meiner Frau richtete und erneut Geld verlangte, dachte ich: Halt, du muss jetzt aufwachen! Du bist nur einen Herzschlag von der Katastrophe entfernt! Und rasch zog ich meine Brieftasche. Ich war aber trotzdem noch nicht richtig in der Realität angekommen, was man daran erkennt, dass ich den Mann allen Ernstes fragte: "Wie viel brauchen Sie denn?"

Seitdem habe ich nie mehr geträumt, erschossen zu werden. Vielleicht, weil ich an dem Tag zum ersten Mal leibhaftig in die Mündung einer Pistole geschaut habe. Aber eigentlich kann und will ich mir nicht erklären, warum das so ist.

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

"Eine Albtraumsituation, die mir denn auch gar nicht real erschien" das Gefühl kenne ich glaube ich... ich hatte in solchen Situationen die Erfahrung man kann nicht wirklich über etwas nachdenken weil die Ist-Situation einfach zu einnehmend ist aber man greift schon noch auf etwas zurück und ist erst im Nachhinein erschrocken wie relativ ruhig, passiv vllt sogar unsinnig es war.
Ich muss an diese Situationen eigentlich gar nicht mehr denken.. entweder ist es so tief eingerückt oder isoliert das ich das nicht mehr mitbekomme, es ist auf irgend eine schräge Weise einfach an mir vorbei gegangen, ich habs irgendwie schon verarbeitet (was dann sehr viel leichter als anderes gegangen wäre) oder ich bin zum Teil nicht mehr daraus aufgewacht (kommt mir nicht so vor aber kanns nicht ausschließen). Letztlich hatte ich nur das Gefühl das ich nur glaube oder vermute es hätte Auswirkungen auf mich.. konnte sie aber nie genau festmachen.

Ein Freund von mir arbeitet mit Leidenschaft an der Aufnahmestelle für die Härtefälle minderjähriger jugendlicher Flüchtlinge (da wurden schon mal aus zehn geplanten Tagen 6 Monate) und hat dadurch viel über Extremsituationen erfahren.. Schocksituationen scheinen wohl wie die Nachwirkungen einen starken unbewussten Einfluss zu haben.

jaja ich weiß.. ach nee, wirklich? ..aber wer kennt schon die Art und Weise seines Unterbewusstseins und die Auswirkungen auf sein Sein und Bewusstsein genau?