Soziale Medien Alle lieben Kozlowski

Häufig gräbt Facebook Menschen aus, die man nie wiedersehen wollte. Was aber, wenn einen das Netzwerk mit den Biographien alter Schulkameraden wirklich einmal überrascht? Von
ZEITmagazin Nr. 22/2016

Death-Metal-Freak wird Kunststar

Wenn es an Ihrer Schule einen potenziellen Amokläufer gab, dann war das Torsten "der Tod" Müller, der in einem schwarzen Ledermantel lebte und während des Unterrichts obsessiv verrottende Schädel vor Vollmond malte. Erwachte in der gesamten Schulzeit nur einmal kurz aus seiner Depression, als es um Gedichte von Georg Trakl ging. Torsten? Auf Facebook? Allein das scheint Ihnen ein Wunder. Aber es wird noch besser: Torsten ist Künstler geworden, und zwar schmiedet er Stahlskulpturen, die zwar immer noch entfernt an Skelette erinnern, aber so reißenden Absatz finden, dass er in einem zum Loft umgebauten Wasserturm lebt, den man für 300 Euro die Nacht bei Airbnb mieten kann. In seiner Freundesliste befinden sich Andreas Gursky und Cindy Sherman, und man soll Like drücken, wenn einem seine Ausstellung gefällt. Like!

Gottfried, die grüne Hoffnung

Bekam bereits in der Grundschule ständig Haue von den anderen Jungs allein dafür, dass er "Gottfried" hieß und bei seiner Oma aufwuchs, die ihn "Gottl" rief und mit einer selbst gehäkelten Badehose ins Schwimmbad schickte. Das Letzte, was Sie von Gottl hörten, war, dass er die Schule schmiss, um Schäfer zu werden, ein Beruf, in dem man garantiert selten auf Menschen trifft. Jetzt ist er wieder aufgetaucht, auf Facebook, wo er eine Herde von 7.000 Fans betreut, denn er ist Kommunalpolitiker für die Grünen geworden; ein Job, den er offensichtlich so gut erledigt, dass er bereits als "der neue Kretschmann" gehandelt wird. Gut sieht er aus mit dem weißen Hemd, unter dem sein leicht gebräunter, muskulöser Köper durchschimmert. Ob er sich an Sie erinnert? Schließlich haben Sie ihn immer vor allen verteidigt!

Vom Schulversager zum Fondsmanager

Oh nein, Björn Müller war als Kind wirklich nicht das schärfste Messer im Besteckkasten, und als er die siebte Klasse zum zweiten Mal wiederholen musste, steckten seine Eltern ihn nicht wie in Ihrem Dorf üblich in eine Kochlehre, sondern auf eine "Privatakademie" in Bad Homburg, die offenbar hielt, was sie versprach: nämlich gute Kontakte zu superreichen Schulversagern aus aller Welt, denn als Björn Müller Sie Jahrzehnte später unter dem Namen "Bjoern W. Mueller" auf LinkedIn seinem "beruflichen Netzwerk hinzufügen" wollte, war er Manager eines Hedgefonds in Greenwich, Connecticut, geworden, wo er in einem Haus mit weißen Säulen lebt und Namensgeber des örtlichen "Science Center" ist, während Sie, die Klassenbeste, heute als Privatdozentin am Existenzminimum leben. Ehrlich: Irgendwas läuft wirklich schief in dieser Gesellschaft!

Dorfcasanova wird Supervater

Lebte schon mit 17 in einer eigenen Wohnung, in der mindestens drei Ihnen bekannte Mädchen übernachteten. Außerdem gesegnet mit schmalen Hüften, einer Lederjacke mit Nieten und der Fähigkeit, auf Grillfesten so lange Wish You Were Here auf der Gitarre zu spielen, bis eine der Anwesenden eine "ganz tiefe Verlorenheit" bei ihm wahrnahm. Scheint inzwischen getrennt zu leben, jedenfalls taucht keine Frau in seinem Instagram-Account auf, dafür aber Sohni, 4, der ungefähr täglich beim gemeinsamen Drachensteigen/Baumhausbauen fotografiert wird. Wo ist die Mutter? Wir werden es nie erfahren, aber René Mancini ist der lebende Beweis dafür, dass ein Mann, der sich nicht auf eine Frau festlegen kann, trotzdem mit jeder Faser seines Herzens für ein Kind da sein kann. Toll! (Hat aber ganz leicht zugenommen.)

Die reinkarnierte Bohnenstange

Klaus Tröndle hob sich vor allem dadurch ab, dass er zwischen Klasse 5 und Klasse 9 einen Body-Mass-Index von circa null hatte, was ihn für Mädchen wie Luft erscheinen ließ. Erschwerend hinzu kam, dass seine Hosen wegen seines schnellen Wachstums eigentlich immer Hochwasser hatten. Sein hintergründiger Humor, sein verschmitztes Lächeln, seine tiefbraunen Augen? Interessierten echt keine. War ihm aber vermutlich auch egal, denn Klaus ist, wie wir heute wissen, schwul oder jedenfalls Inhaber einer Fitnessclub-Minikette für schwule Männer sowie eines Body-Mind-Instituts in Santa Fe, weshalb er täglich eine Lebensweisheit an seine 50.000 Follower twittert (darunter Al Gore). Und ja: Natürlich hat sein Körper immer noch kein Gramm Fett. Ob er wohl zum Klassentreffen kommt und Ihnen ein paar Work-out-Tipps geben kann?

Alle lieben Kozlowski

Fiel in der Schule dadurch auf, dass er den Mund nur aufmachte, um den Refrain des Stückes Da Da Da ("Ahaahaaha") wiederzugeben, und auf Klassenfahrten immer sein riesiges Teleobjektiv auf die Brüste von Mädchen hielt. Doch aus irgendeinem Grund ist Ingo "Kotz" Kozlowski heute mit zwei liebenden Töchtern gesegnet, die ihn auf Facebook andauernd als "Best Dad Ever" bezeichnen, sowie einer Partnerin, die Forschungsleiterin in einem Schweizer Chemiekonzern zu sein scheint und ihn auf Facebook wahlweise als "mein Held" oder "mein Hase" bezeichnet. Held? Hase? Kozlowski? Alles, was von Ingo Kozlowski geblieben ist, ist seine Spiegelreflexkamera und ein riesiges Teleobjektiv. Nur dass er damit jetzt die Alpen bei Sonnenaufgang fotografiert. Früh aufstehen kann er im Gegensatz zu Ihnen also offenbar auch noch!

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

Ja komisch, die Vollversager, auf die man während der Schulzeit noch herabgesehen hat um sich selbst besser zu fühlen, haben sich aus ihrem Kokon geschält und aus ihrem Leben mehr gemacht als man selbst...

Ich gebe zu, ich feix mir manchmal eins wenn ich irgendwo sehe, dass der arrogante Klassenüberflieger in einem langweiligen Bürojob hängengeblieben ist, obwohl er die Klappe immer schön weit aufgerissen hat.
Allerdings nur extrem selten, weil es mich schlichtweg nicht mehr interessiert, was Leute tun, mit denen ich seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr habe.