Kuba Über die Begegnung mit dem Nichts

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 23/2016

In diesem Jahr ist Kuba the place to be: Im März war der Papst da und Obama, dann die Rolling Stones und schließlich Karl Lagerfeld, der dort die Schau von Chanel überwachte, die auch Fidel Castros Enkel Tony als Model unterstützte.

Nicht alle finden das toll. "Ich weiß, es ist cool für Prominente, nach Kuba zu gehen, aber die Kubaner erleben nicht das glamouröse Havanna aus der Social-Media-Welt", kritisierte die republikanische Abgeordnete Ileana Ros-Lehtinen, die auf Kuba geboren wurde. Und jetzt flögen auch noch die Kardashians ein, um ihre geistlose TV-Show zu drehen. "Haben die Kubaner nicht genug gelitten?", fragt Ros-Lehtinen.

Natürlich, die Aufmerksamkeit, die sich zurzeit auf die Insel im Umbruch richtet, konnte auch den Weltmeisterinnen der Popularität nicht entgehen, den Kardashians. Anfang Mai fuhren nun auch sie für ein paar Tage nach Kuba, um eine neue Folge für ihre Reality-Soap Keeping Up with the Kardashians zu drehen. Fast der ganze Clan war dabei: der Rapper Kanye West, seine Ehefrau Kim Kardashian, deren Schwestern Khloé und Kourtney und die Kinder. Sie fuhren in pinkfarbenen Cadillacs herum und taten, was sie immer tun: Sie fotografierten sich selbst. Es blieb nicht aus, dass sie Aufmerksamkeit erregten, der Presseandrang war groß, doch die Menschen gerieten weniger in Aufruhr, als es die Kardashians gewohnt sind: Auf Kuba kennen nur wenige die Reality-Sendung, mit der die Bel-Air-Bewohner rund um die Welt bekannt geworden sind. Doch dann passierte etwas noch Irritierenderes: Kim merkte, dass sie die Bilder, die sie geknipst hatte, nicht posten konnte. Grund: kaum WLAN auf Kuba. Es würde auch nicht viel bringen, zehn der elf Millionen Kubaner haben kein Smartphone.

Fast jeder Reisende kennt das Gefühl des Identitätsverlusts, wenn er fern von den Menschen, Dingen, Orten und Tätigkeiten ist, die ihm Halt geben. Für die Kardashians, die ihr Leben in den sozialen Netzwerken definieren, muss die Zeit in dem sozialistischen Land einer Auslöschung gleichgekommen sein, der ganze Clan verschluckt im Loch der Nichtexistenz. Eine Begegnung mit dem Nichts.

Liebe Ileana Ros-Lehtinen, bitte gönnen Sie den Kardashians diese existenzielle Erfahrung. Sie ist wichtig. Vielleicht löst sie etwas aus. Und die Kubaner werden den Kardashians aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso nicht mehr lange entkommen. Nur gut, dass Margot Honecker den Siegeszug der Kardashians im letzten Hort des Sozialismus nicht mehr erleben muss.

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