Das war meine Rettung "Als die Konjunktur wieder anzog, hatten wir noch alle an Bord"

Nicola Leibinger-Kammüller half ein Zahnarzttermin, um ihren Vater in die Schranken zu weisen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 23/2016

ZEITmagazin: Frau Leibinger-Kammüller, Sie sind seit zehn Jahren Chefin der Firma Trumpf in Ditzingen bei Stuttgart, die weltweit Geschäfte macht. Ihren vier Kindern geben Sie jeden Tag eine Bibelstelle mit auf den Weg. Welche ist Ihnen besonders wichtig?

Nicola Leibinger-Kammüller: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ich habe immer versucht, meine Kinder gleich zu behandeln, und bin kläglich gescheitert, weil sie alle unterschiedlich sind. Als Mutter kann man nicht zu jeder Zeit gleich gut mit jedem Kind sein. Gott sei Dank wechselt das auch. Eltern verteilen Liebe nicht nach Leistung oder Anpassung. Derjenige, dem es besonders schlecht geht, bekommt besonders viel Zuneigung. Das ist für Kinder schwer verständlich.

ZEITmagazin: In Ihrer Familie wird man mit 16 Jahren in den inneren Machtkreis eingeführt und bekommt den in Leder gebundenen Familienkodex. Was steht da drin?

Leibinger-Kammüller: Wir sollten nicht durch wilde Partys auffallen. Es geht um Familiensinn, Bescheidenheit, Unabhängigkeit und Verantwortung, Einsatz für die Gemeinschaft. Das Einführungsritual gefällt mir sehr. Es hat Stil, und das gibt Sicherheit und Orientierung wie bei den Buddenbrooks. Der Roman ist auch eine Mahnung, die Familienmitglieder nicht so zu strangulieren, dass sie unglücklich werden. Niemals würde ich ein Kind in die Firma zwingen! Das Wichtigste ist, dass sie glücklich werden mit dem, was sie tun.

ZEITmagazin: Sie sind nicht nur Chefin von 11.000 Beschäftigten, sondern auch von Bruder und Ehemann, die ebenfalls in der Geschäftsführung sind. Streiten Sie auch?

Leibinger-Kammüller: Klar. Da geht’s um alles, was die Firma betrifft, aber nie um uns drei. Ich muss natürlich viel abstimmen, Schleifen drehen, auf Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Das heißt aber nicht, dass ich etwas nicht mache. Ich überlege mir nur besonders gut, wie. Als Älteste habe ich früh Verantwortung übernommen, weil meine Eltern viel unterwegs waren. Man ist dann ein bisschen Leithammel. Mein Ältester macht das übrigens nicht so, er entzieht sich, mein Beispiel schreckt ihn eher ab, aber der Zweite ist wie ich. Mein Vater hat uns immer gepredigt: Erst wenn’s der Firma gut geht, geht’s uns auch gut.

ZEITmagazin: Welche Opfer haben Sie dafür gebracht?

Leibinger-Kammüller: Ich habe wenig von meinen Kindern gehabt, als sie klein waren, weil ich gleich wieder gearbeitet habe. Ich bin froh, dass es Kindertagesstätten und Kindermädchen gibt, aber so zu tun, als wäre das alles schmerzlos und einfach, ist Quatsch. Das ist hart erkämpft. Ich muss zugeben, dass ich nicht sonderlich gern mit meinen Kindern gespielt habe, als sie klein waren. Klötze und Sandkasten sind eher unerquicklich. Abends habe ich aber begeistert vorgelesen, gesungen und gebetet, wenn ich da war, das war meine Welt. Wir hatten zum Glück genügend Geld für Personal.

ZEITmagazin: Ihr Vater ist 85, hat aber Gewicht im Unternehmen. Wie setzen Sie sich durch?

Leibinger-Kammüller: Er hat mich als Nachfolgerin eingesetzt, sein Büro ist nebenan. Ich frage ihn gelegentlich um Rat, aber ich muss ihn auch mal liebevoll in die Schranken weisen. Er hatte anfangs zum Beispiel eine Nebengeschäftsleitung eingerichtet, eine Art Holding. Ich habe einige Monate zugeguckt und bin dann rübermarschiert. Es war brutal, mir ist der Schweiß den Rücken runtergelaufen, und ich hatte nur eine halbe Stunde, weil ich dringend zum Zahnarzt musste. Das war meine Rettung, sonst hätte ich das immer weiter rausgeschoben. Ich habe ihm gesagt: So, ich habe mir das überlegt, erstens, zweitens, drittens. Er wollte aufstehen und den Raum verlassen, das macht er schon mal, wenn ihm etwas nicht passt. Du bleibst jetzt bitte sitzen, habe ich gesagt: Wir machen keine Nebengeschäftsleitung, und das ist so und so und so. Und im Übrigen muss ich zum Zahnarzt, tut mir leid, die Zeit ist um, ich gehe jetzt. Und da war die Holding weg. Wenn man jemanden liebt, ist so ein Gespräch hundertmal schlimmer, aber es musste sein, und er hat es akzeptiert.

ZEITmagazin: Sie waren 2008 vergleichsweise neu in der Geschäftsführung, als Trumpf in eine Krise rutschte.

Leibinger-Kammüller: Wir sind in der Geschäftsführung ein gutes Team, deshalb haben wir bei den ersten Anzeichen reagiert. Es kam uns entgegen, dass wir alle Mitarbeiter jeden Monat über die wichtigsten Zahlen informieren. Sie wussten darum vom Auftragseinbruch, das hat konstruktive Kräfte freigesetzt. Und wir haben gespart, nur nicht bei Forschung und Entwicklung. Unsere Botschaft war: Wir halten zur Firma. Als die Konjunktur wieder anzog, hatten wir noch alle an Bord. So konnten wir uns selbst aus dem Loch ziehen.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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