Taryn Simon Verhandlungsgesteck

ZEITmagazin Nr. 24/2016
Die Künstlerin Taryn Simon inszeniert Blumen, die bei Unterzeichnungen wichtiger Abkommen neben den Mächtigen zu sehen sind. Von

Jahrelang hat sich die Künstlerin Taryn Simon mit Blumen beschäftigt, mit ihrer Ästhetik, ihrer Geschichte, ihrer Funktion in der Gesellschaft. Was geht Simon heute durch den Kopf, wenn sie an einem Blumenladen vorbeiläuft? "Ich kann Blumen nicht mehr so naiv betrachten wie früher", sagt sie. "Nehmen Sie die Rose, das Symbol für die Liebe. Ich muss mittlerweile sofort daran denken, dass die Rose auch deshalb so erfolgreich auf dem globalen Blumenmarkt ist, weil sie so robust ist. Man kann sie leicht transportieren und deshalb gute Geschäfte mit ihr machen. Die Teerose kann sogar nicht einmal bestäubt werden. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Show-Rose: Ihr einziger Zweck ist es, gut auszusehen und sich zu verkaufen."

Paperwork And The Will Of Capital heißt die Blumenarbeit von Taryn Simon. Seitdem sie im vergangenen Jahr erstmals auf der Biennale in Venedig zu sehen war, reist die Ausstellung um die Welt, New York, Moskau, Rom. Vordergründig geht es um Blumengestecke, aber eigentlich geht es, wie immer in der Kunst von Taryn Simon, um Politik, Macht, Geld, um die große Frage, wie alles mit allem zusammenhängt.

36 Fotos von der Unterzeichnung wichtiger internationaler Länderabkommen zwischen 1968 und 2014 hat Simon zusammengestellt, und mithilfe einer Botanikerin hat sie recherchiert, welche Gestecke – neben den Politikern und Managern – auf den Bildern zu sehen sind. Dann hat sie mehr als 4.000 Blumen und Grünpflanzen in Aalsmeer in den Niederlanden bestellt, auf dem weltweit größten Blumenmarkt, und sie in ihrem New Yorker Atelier vor neutralen, farbigen Hintergründen fotografiert. Das Ergebnis ist eine visuelle Dokumentation internationaler Politik. Über die kühl fotografierte Schönheit der Blumen wird der Betrachter dazu gebracht, sich mit den wahren Zusammenhängen der Macht zu beschäftigen. Einerseits sind historische Treffen zu sehen, wie etwa das Treuegelöbnis der Ostblockstaaten an die Sowjetunion ausgerechnet im Jahr 1968, als der Prager Frühling gerade von russischen Panzern beendet worden war. Andererseits illustrieren Simons Blumen politische Fragen mit aktueller Brisanz wie etwa das Treffen zur Absichtserklärung Kambodschas, Flüchtlinge von Australien gegen die Zahlung von umgerechnet etwa 25 Millionen US-Dollar zu übernehmen. Ein Bild, wie gemacht für Angela Merkel.

Taryn Simons Blumenarbeit ist gefeiert worden, von der Kunstkritik, vom Publikum; es gab bislang ausschließlich positive Besprechungen in der internationalen Presse. Wie es überhaupt in den vergangenen Jahren für Taryn Simons Karriere nur eine Richtung gab: nach oben. Alle wichtigen Museen von der Londoner Tate über die Berliner Neue Nationalgalerie, vom Ullens Center for Contemporary Art in Peking bis zum MoMA in New York zeigen ihre Arbeiten. Sammler finanzieren ihr vorab Projekte. Und die Blumenausstellung ist in New York bei Larry Gagosian zu sehen, dem mächtigsten Galeristen der Welt.

Und doch sitzt Taryn Simon, 41 Jahre alt, geboren in New York, an diesem Tag im März in einem kleinen Restaurant in Manhattan vor einer Tasse Tee mit Honig, knabbert an Chips und sagt: "Ich habe Angst." Angst wovor? "Ich arbeite gerade an der nächsten Ausstellung, und ich denke: Es wird das erste Mal sein, dass ich mit einem Projekt scheitern werde." Aber hat sie bislang nicht jede ihrer Arbeiten, und war sie auch noch so aufwendig, umgesetzt? Sie nickt nur ganz kurz. Dann sagt sie: "Nach dem nächsten Projekt werde ich aufhören." Aufhören? Macht sie Witze? "Nein, ich meine es ernst, glauben Sie mir. Ich verspreche es Ihnen. Ich brauche eine Pause. Mehr kann ich dazu nicht sagen."

Eine gute Stunde zuvor hatten wir uns in der Galerie von Larry Gagosian getroffen, wir waren dort verabredet, damit Taryn Simon durch die Blumenausstellung führt. In einem Hinterzimmer der Galerie sollte auch das Interview stattfinden. In der Galerie, bei der ersten Begegnung, hatte die Künstlerin einen eher schüchternen, fast unsicheren Eindruck gemacht. "Soll ich Sie wirklich einmal herumführen? Oder wissen Sie nicht ohnehin schon alles? Ich will Sie wirklich nicht langweilen."

Die Prints ihrer Blumenfotografien sind riesig, 2,15 Meter mal 1,86 Meter, sie sind gerahmt in schwerem Mahagoniholz, das an Holzvertäfelungen in den internationalen Tagungsräumen erinnern soll, wo die Abkommen oft verhandelt werden. In den Galerieräumen sind nicht nur die 36 Bilder aufgehängt, sondern, eine Premiere in Simons Werk, es stehen dort auch zwölf Skulpturen: Blumenpressen mit getrockneten Blumen aus der Produktion.

Taryn Simon, lange dunkle Haare, dunkle Augen, volle Lippen, 1,75 Meter groß, hat an diesem Freitagnachmittag einen Hut in der Hand, als sie die Galerie betritt. Sie benutzt ihn wie eine Handtasche, darauf angesprochen sagt sie, das mache sie schon lange so. Sie mag Handtaschen nicht besonders, sagt sie noch, aber irgendwo müsse sie den Kram, den sie bei sich hat, ja hineintun.

Nach dem Rundgang durch die Ausstellung geht sie in den hinteren Bereich der Galerie, betritt ein leeres Konferenzzimmer, das für das Interview vorbereitet wurde: ein großer Glastisch, Stühle, eine Flasche Wasser, zwei Gläser, alles blitzblank. Vorsichtig geht sie einmal um den Tisch herum, überlegt, wohin sie sich setzen soll. Die Atmosphäre im Raum ist so unterkühlt – man könnte meinen, hier werde gleich eines jener Länderabkommen unterzeichnet, die Taryn Simon in ihren Bildern thematisiert. Es fehlen nur noch die Blumen.

"Wollen Sie lieber woanders hingehen?", fragt Simon jetzt, und man sieht ihrem Gesichtsausdruck an, dass sie die Frage für sich längst beantwortet hat. "Okay, auf geht’s", sagt sie und dreht sich währenddessen in Richtung Tür, sie kenne ein kleines Restaurant in der Nähe. Sie geht in schnellen Schritten vorbei an den Mitarbeitern der Galerie. Raus auf die Straße, das Restaurant ist zwei Blocks entfernt, sie setzt sich an einen Ecktisch, bestellt Tee und Kartoffelchips.

Warum genau hat sie Angst, dass sie an der nächsten Arbeit scheitern werde? "Ich mache zum ersten Mal eine Performance, eine Mischung aus Architektur, Skulptur und Klang", sagt sie. Stattfinden soll sie im September in New York. "Ich kann noch keine Details verraten, aber es sind sehr viele Menschen involviert, die allesamt einreisen müssen, und das ist noch komplizierter, als ich es mir gedacht habe. Ich habe Jahre daran gearbeitet, aber zurzeit sind die Widerstände so groß, dass ich keine Ahnung habe, ob wir sie überwinden können." Sie nippt an ihrem Tee. "Es ist unfassbar stressig. Es ist das erste Projekt, an dem ich arbeite, das vollkommen außer Kontrolle geraten ist – außerhalb meiner Kontrolle zumindest." Die Performance wird also auch eine Übung in Kontrollverlust? "Ja, aber ich funktioniere so einfach nicht!" Sie lacht, es ist kein befreites Lachen, eher eines, das sagen will: Ich habe nichts zu lachen, aber ich lache trotzdem.

Fragt man Taryn Simon, wie sie auf die Idee gekommen sei, die Blumengestecke zu recherchieren, also über Blumen Politik zu erklären, dann gibt sie zwei Antworten. Sie hatte ein Buch des britischen Gärtners George Sinclair aus dem Jahr 1816 entdeckt, der sich mit der Darstellung von Pflanzen beschäftigt hatte, und kurz darauf war sie auf ein Foto vom Münchner Abkommen von 1938 gestoßen, einem der Vorboten des Zweiten Weltkriegs. Das nationalsozialistische Deutschland bekam Teile der Tschechoslowakei zugesprochen, es war der Versuch der anderen europäischen Mächte, Hitler zu besänftigen. Erfolglos, ein Jahr später begann der Zweite Weltkrieg. Auf dem Foto sind Hitler, Mussolini und der britische Premierminister Chamberlain zu sehen – Vertreter der Tschechoslowakischen Republik waren nicht eingeladen. Vor den Männern auf einem Tisch: ein Blumengesteck. Simon war fasziniert, begann zu recherchieren und entdeckte, dass bei Abschlussbildern wichtiger Abkommen oft Blumen platziert werden. Sie hatte ihr Thema gefunden.

Die zweite Antwort ist persönlicher und hat mit dem Mann zu tun, den sie bis heute als ihren "wichtigsten Einfluss" und als "zutiefst exzentrischen Menschen" bezeichnet: ihrem Vater. Richard Simon war jahrelang im Auftrag des amerikanischen Außenministeriums in Entwicklungsländern unterwegs, um dort, wie es seine Tochter knapp formuliert, "kapitalistische Strukturen aufzubauen". Von diesen Reisen brachte ihr Vater oft Fotos mit.

"In seinen jungen Jahren hat mein Vater wirklich an die amerikanischen Ideale geglaubt, an Freiheit und Wachstum durch ungebremsten Kapitalismus. Erst in seinen späteren Jahren ist er davon abgerückt. Und heute glaubt er an nichts mehr, woran er früher geglaubt hat." Als sie vor einer Weile seine Fotosammlung durchblätterte, fiel ihr auf, dass er oft Blumen fotografiert hatte. Sie überlegte, ihn anhand seiner Blumenbilder zu porträtieren. "Auf den ersten Blick sind Blumen einfach nur Blumen", sagt sie. "Erst auf den zweiten Blick versteht man, dass auch sie ein voll integrierter Bestandteil unseres Gesellschaftssystems sind. Nicht einmal Blumen, die wir ja für ihre pure Schönheit bewundern, können dem System entkommen." Aus der Idee, ihren Vater zu porträtieren, hat sich also das Thema ihrer Ausstellung entwickelt. Wenn man so will, schimmert das Porträt ihres desillusionierten Vaters immer noch durch. Um in Taryn Simons Bild zu bleiben: Weder er noch die Blumen konnten dem System entkommen.

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