Ich habe einen Traum Thomas Hitzlsperger

"Im Traum schlüpfte ich plötzlich in ein schwarz-gelbes Trikot"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 24/2016

Von Fußballprofis hört man häufiger, dass sie über sich sagen, sie leben ihren Traum. Das kann ich bestätigen, wenngleich sich ab und zu der eine oder andere Albtraum dazwischengeschummelt hat. Niederlagen waren natürlich furchtbar: In der Nacht darauf habe ich oftmals von den Schlüsselszenen der Partie geträumt und dabei den Ball ins Tor geschossen statt daneben. Da kam es schon mal vor, dass ich die Bewegung im Schlaf nachempfunden habe. Zwar habe ich nicht mit voller Wucht den Schuss ausgeführt, aber heftig genug, um gleich darauf aufzuwachen.

Um überhaupt so weit zu kommen, hatte ich mich schon als Kind in die großen Fußballstadien geträumt: Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als eines Tages Profifußballer zu sein.

Ich ging im Traum allerdings fremd, und zwar in ein fremdes Stadion. Wenn ich heute Spiele von Borussia Dortmund schaue und sehe, wie die Heimmannschaft vor der "gelben Wand" steht, muss ich an einen häufig wiederkehrenden Kindheitstraum denken. Er beginnt mit einem Eckstoß von der rechten Seite. Mein Teamkamerad tritt den Ball mit dem rechten Fuß in den Strafraum, wo ich mich mitten im Spielerpulk befinde. Heute ist das für mich schwer nachvollziehbar, denn meistens trat ich selbst die Eckstöße von der rechten Seite. Und wenn nicht, dann hielt ich mich meist im Rückraum auf, um mögliche Abpraller auf das Tor zu dreschen. Im Sechzehner war ich jedenfalls selten zu finden.

Als der Eckball mit Unterschnitt am Elfmeterpunkt ankommt, steige ich am höchsten von allen und versenke den Ball mit dem Kopf im Tor. Wieder so eine Ungereimtheit, denn das Kopfballspiel zählte nie zu meinen Stärken. Passenderweise spielt sich alles vor der "gelben Wand" ab, sodass ich nur wenige Schritte bis zum Zaun habe, den ich sofort nach dem Treffer ansteuere, um daran hochzuklettern. Ich springe also auf den Zaun und feiere mit den Fans, als wäre das gerade das entscheidende Tor zur Meisterschaft gewesen. Mit diesen Feierlichkeiten endet der Traum.

Ich habe als Kind fast täglich Fußball gespielt und träumte von der großen Profikarriere, und zwar beim FC Bayern München. Warum ich nachts, im Traum, plötzlich in ein schwarz-gelbes Trikot schlüpfte, kann ich mir bis heute nicht erklären. Das mit der Profikarriere hat dann doch noch geklappt. Ein gelbes Trikot trug ich allerdings nie. Und in Dortmund, da gab’s meistens was auf die Mütze.

Heute schlafe ich nicht mehr so viel wie zu aktiven Zeiten, weil ich weniger Ruhepausen brauche. Von Fußball habe ich schon länger nicht mehr geträumt. Vielleicht sollte ich mich darüber sogar freuen, denn eigentlich müssten mich zurzeit Albträume plagen. Zwei meiner Ex-Vereine, der VfB Stuttgart und Aston Villa, sind nämlich gerade aus der ersten Liga abgestiegen.

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