Das war meine Rettung "An das Gute im Menschen glaube ich sicher nicht"

Der Regisseur Ulrich Seidl flog von der Filmakademie – und fand seinen eigenen Weg. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 24/2016

ZEITmagazin: Herr Seidl, Rindern wird ein Brandstempel aufgedrückt, damit man weiß, wer der Besitzer ist. Hat der Katholizismus Ihnen einen Brandstempel aufgedrückt?

Ulrich Seidl: Natürlich hat mich mein streng katholisches Elternhaus entschieden geprägt, ebenso die Internatsschulen, die ich besucht habe. Ich sollte sogar Priester werden. Ich war das mittlere von fünf Kindern, lange Zeit war ich sehr still und auch einsam. Ich hatte immer das Gefühl, nicht dazuzugehören. Seitdem ich denken kann, hatte ich Konflikte mit meinem Vater. Auf eine Strafe folgte die nächste. Ich habe den Konflikt mit den Eltern nicht gescheut, das war der Unterschied zu meinen Geschwistern. Ich begann zu revoltieren: gegen die Autorität des Elternhauses, der Schulen, der Kirche, die ich alle als falsche Autoritäten betrachtet habe.

ZEITmagazin: Sie waren auf einem Internat des Schulbrüder-Ordens in Wien, da gab es ganz spezielle Vorschriften.

Seidl: Einmal in der Woche sind wir duschen gegangen und mussten dazu die Badehose anziehen. Unter der Dusche haben wir uns eingeseift, und dann hat der Präfekt das Licht abgedreht und gesagt: Jetzt auch unter der Hose waschen. Es war unerwünscht, dass man auf dem Bauch schläft, weil das zu sexuellen Regungen hätte führen können. Natürlich hat es aber Schüler gegeben, die in der Nacht aufgestanden sind und sich gegenseitig masturbiert oder einander dabei zugeschaut haben. Ich war lange sehr schüchtern und hätte gern mehr Mädchen gehabt. Meine Unsicherheit und Schüchternheit waren aber nicht gleichbedeutend mit einer körperlichen Scham, das hat der Katholizismus bei mir nicht erreicht.

ZEITmagazin: Ihre Filme sind oft verstörend. Zeigen Sie in ihnen etwas von sich selbst?

Seidl: Es geht nicht um mich, und es geht nicht nur um Verstörung. Ich nehme am Schicksal anderer Menschen Anteil, weil ich etwas über die Gesellschaft sagen möchte. Aber wenn jemand verstört wird, hat das Folgen. Viele Menschen gewinnen dadurch Erkenntnisse über sich. Es gibt genug Zuschauer, die mir sagen, dass sie durch meine Filme etwas in sich selbst sehen, was sie sich nicht erlaubt haben zu denken.

ZEITmagazin: Bereits während Ihres Studiums an der Wiener Filmakademie haben Sie das Publikum gegen sich aufgebracht.

Seidl: Mit meinem zweiten Film Der Ball, den ich in meiner Heimatstadt Horn gedreht habe. Darin sind Honoratioren vom Bürgermeister abwärts bis zum Schuldirektor und bis zu den ÖVP-Abgeordneten zu Wort gekommen und haben sich in ihren Statements demaskiert. Das war zum Teil ein sehr lustiger Film, der aber vielen Menschen unangenehm war. Die Filmakademie hat gesagt, dieser Film schade dem Ansehen der Schule, und ich bin rausgeschmissen worden. Dort wurden aber auch nicht die individuellen Talente eines Studenten gefördert, und ich wäre nicht weitergekommen. Insofern war das eine Rettung für mich, eigene Wege zu suchen. Es wurde zwar sehr schwierig, und ich brauchte sieben Jahre, um meinen ersten Kinofilm machen zu können. Für mich war aber klar: Ich habe nichts zu verlieren. Entweder ich kann das für mich Besondere verwirklichen, oder es endet im Suizid. Die Konsequenz, die ich da gesetzt habe, ist letztlich aufgegangen.

ZEITmagazin: Haben Sie das Gefühl, Sie werden durch Ihre Filme auch von sich selbst erlöst?

Seidl: Meine Figuren sind oft sehr einsame Menschen, und das Thema Einsamkeit ist auch für mich wichtig. Insofern stimmt’s. Die Einsamkeit holt mich immer wieder ein, auch wenn das manchmal unterbrochen wird. Ich habe Kinder, und Kinder sind vielleicht unterbewusst auch da, damit man seine eigene Einsamkeit loswird. Wegen meiner schwierigen Vaterbeziehung wollte ich lange keine Kinder haben. Aber man entwickelt sich ja. Auch die Beziehung zu meinen Eltern hat sich geändert. Sie haben sich meine Filme zunächst nicht angeschaut, weil sie sich ihnen nicht aussetzen wollten. Irgendwann habe ich angefangen, an Filmschulen zu unterrichten, da waren sie dann plötzlich stolz. Als meine Mutter gestorben ist, hat sich mein Vater geöffnet und hat auch meine Filme angeschaut. Es gab keine Tabus mehr.

ZEITmagazin: Sie sagten einmal, eigentlich sei jeder auf der Suche nach Glück und Liebe. Haben Sie die gefunden?

Seidl: Ja. Aber alles hat seine Zeit. Die Liebe ist eine Gnade, und die bekommt man, aber sie geht auch wieder. Das ist zumindest meine Erfahrung. An das Gute im Menschen glaube ich sicher nicht. Man kann vielleicht nur an einzelne Menschen glauben.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren
Nutztier
#1  —  20. Juni 2016, 10:40 Uhr

Ein Meister seines Fachs. Sein Blick auf die Welt ist treffend und nur sehr knapp daneben, manchmal. Seine Filme graben sich geradezu ein, "Hundstage" oder "Import/Export" oder "Paradies Liebe" muss man gesehen haben. Sicher tritt ein Gewöhnungseffekt ein, der seinen ureigenen Stil aber auch eine hervorragende schonungslose Kamera irgendwie ein bisschen abnutzt.