Harald Martenstein: Über Berliner Zustände und ein Mittel gegen Trump

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 25/2016

Ich wohne in Berlin, und jetzt erkläre ich, wie man in den USA den Populismus besiegen kann. Unser kleiner Sohn braucht einen Pass, weil wir in die USA reisen. Auf einen Termin im Bürgeramt wartet man Monate, nur in Neukölln kann man angeblich spontan hinkommen. Als dieses Gerücht sich verbreitet hat, sind dort so viele verzweifelte Menschen hingelaufen, dass es lebensgefährlich wurde. Wartende prügelten sich, um dranzukommen. Nun bewacht ein Sicherheitsdienst das Bürgeramt und hindert die Menschen daran, das Amt zu stürmen.

Wieso macht das nicht die Polizei? In der Zeitung stand, dass die Polizei in einem der Ämter ein Revier hat und nicht mehr hineinkommt, weil das Gebäude von verzweifelten Menschen umlagert ist, die einen Pass brauchen oder Ähnliches. Der Sicherheitsdienst muss für die Polizisten den Weg frei machen, damit sie überhaupt an ihre Mützen kommen.

Ein Sanitäter aus Bielefeld versucht seit vier Monaten, sich in Berlin anzumelden, außerdem braucht er ein Führungszeugnis, weil er Flüchtlingen helfen will und man dazu so etwas haben muss. Er klagt jetzt vor dem Verwaltungsgericht. Man muss das Recht, sich in Berlin anzumelden, vor Gericht einklagen! Ein Neuköllner Stadtrat sagte, der Mann aus Bielefeld reagiere zu emotional.

Man darf nicht emotional werden. Ich schildere, was an einem zufällig ausgewählten Tag, dem 26. Mai 2016, im Lokalteil des Tagesspiegels steht. In einem U-Bahnhof haben herabfallende Fliesen einen Zug beschädigt und zum Halten gebracht, die Fahrgäste mussten fliehen, einige von ihnen durch einen Tunnel. Die Behörde sagt, das Wetter sei schuld gewesen, die Temperatur betrug etwa 20 Grad, und es regnete, dafür scheinen die Fliesen nicht konstruiert zu sein. Im Theater Volksbühne explodierte eine Batterie, vielleicht aus Altersgründen. Die Senatskanzlei wollte zur Fußball-EM in der Stadt 650 WLAN-Hotspots anbieten, daran wurde seit acht Jahren gearbeitet. Diese Zeit war zu kurz. Es gibt Probleme mit der Koordination der diversen Behörden, keiner wusste am 26. Mai, ob auch nur ein einziger Hotspot in Betrieb gehen würde.

Auf dem Alexanderplatz kennt man die Bulldogge Lenin, diese Bulldogge kann Skateboard fahren und ist eine Berliner Berühmtheit. Die Bezirksverordnete Martina Matischok-Yesilcimen hält Skateboardfahren für Tierquälerei. Mehrere Mitarbeiter des Veterinäramtes sind zum Alexanderplatz gegangen, um Lenin zu befreien. Aber Lenin war nicht da, so scheiterte auch dies.

Im Rathaus Kreuzberg hat sich eine Mitarbeiterin auf der Toilette am Kopf verletzt, wer schon mal in Kreuzberg auf einer Behördentoilette war, versteht das sofort. Am besten nimmt man den Kopf gar nicht mit auf die Toilette. Das Amt sagt, Toilettenbesuche seien eine Privatsache, dies sei kein Dienstunfall. Die Mitarbeiterin musste vors Verwaltungsgericht ziehen, dort haben Richter herausgefunden, dass man nicht arbeitsfähig ist, wenn man nicht auf die Toilette darf. Ach, noch was: Auf der Flughafen-Baustelle scheint es neue Probleme zu geben.

Ich weiß nicht, ob wir in die USA reisen können. Ohne Pass? Es ist wieder wie in der DDR, sie lassen dich nicht ausreisen. Im Herbst sind in Berlin Wahlen. Dass eine Regierung, die ihrer Stadt all dies antut, sich anschließend zur Wahl stellt, ist ja schon eine Kühnheit, Mut hat sie. Ich würde den Berliner Senat in die USA schicken, um für Donald Trump die Koordination seiner Fußpflege-Termine zu übernehmen. Das wäre Trumps Untergang.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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