Harald Martenstein Über eine Falle am Hauptbahnhof

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 26/2016

Mein Vater hat Straßenmusikern und Bettlern fast immer etwas gegeben. Das hat auf mich abgefärbt. "Fast immer", was heißt das, wann gebe ich, wann nicht? Es ist eine Gefühlssache. Leuten, die aggressiv auftreten, gebe ich zum Beispiel nichts. Ich mag keine aggressiven Leute, generell.

Die junge Frau, die mich mittags auf der Tiefebene des Frankfurter Hauptbahnhofs angesprochen hat, war höflich. Sie trug eine orientalische Tracht und sagte, in fast akzentfreiem Deutsch, sie sei aus Afghanistan. Sie wolle nach Zürich, dort habe sie einen Studienplatz. Ihr fehlten 14 Euro für den Fahrschein. Ich wusste, dass dies ein beliebter Trick ist. Die Geschichte klang auch irgendwie seltsam. Aber eine Stimme in mir sagte, dass sie nicht lügt, sie wirkte ehrlich und sympathisch. Und wenn die Geschichte nicht stimmt, dachte ich, was soll’s, auch egal. Ich gab ihr einen 10-Euro-Schein. Die Frau sagte, sie brauche aber 14 Euro, sie habe in meiner Brieftasche doch noch andere Scheine gesehen. "Ich kann wechseln, gib mir einen Zwanziger", sagte sie. "Eil dich, mein Zug geht in sieben Minuten."

Ich sagte: "Wenn Ihnen 10 Euro zu wenig sind, geben Sie mir die 10 Euro halt zurück." Ich griff nach ihrer Hand, in der sie noch den 10-Euro-Schein hielt. Die Frau begann, ansatzlos, laut zu schreien. "Der Typ belästigt mich! Der hat mich angefasst! Hilfe! Hilfe!" Alle schauten. Von drei Seiten kamen drei junge Männer auf mich zu, man sagt da neuerdings immer: möglicherweise Nordafrikaner, sie bewegten sich ziemlich rasch. Es war offensichtlich, dass sie mit der Frau eine Art Team bildeten. Ich rannte weg. Ich hatte Angst, in so einer Situation war ich noch nie gewesen. Auf der Rolltreppe fuhr ich hinter einem dunkelhäutigen Mann, der die Szene beobachtet hatte. Er drehte sich zu mir um und sagte: "This woman is not good."

Oben, wo die Fernzüge fahren, standen etliche Männer in einer Uniform mit der Aufschrift "Security". Ich spürte den Drang, mit jemandem zu reden, also sprach ich einen der Uniformierten an, einen Mann in meinem Alter, und erzählte, was ich erlebt hatte. Ich war ziemlich durch den Wind.

Der Mann sagte, dieser Trick komme jetzt manchmal vor. Es ist die Kölner Silvesternacht, nur mit veränderten Rollen, eine Art Neuinszenierung. Wenn ich nicht weggerannt wäre, das einzig Kluge, dann hätten die drei so getan, als kämen sie spontan einer bedrängten Frau zu Hilfe, und hätten mir dabei die Brieftasche weggenommen. Clever sei das schon. "Sie dürfen auf keinen Fall jemandem etwas geben", sagte der Mann. "Das sind Banden, jeder von denen macht etwa 200 Euro am Tag." Sie, die Wachleute, könnten nicht viel tun, lediglich Präsenz zeigen, direkt vor ihren Augen würden die Banden nicht zuschlagen.

Ich schämte mich für meine Dummheit. Ich wusste das doch eigentlich alles. Vor ein paar Wochen war ich in der Nähe eines anderen Bahnhofs bestohlen worden, und danach hatte mir ein Polizist einen ähnlichen Vortrag gehalten wie jetzt dieser Wachmann.

Es geht da nicht um Geld. Angst und das Gefühl der Demütigung sind das größere Problem. Wie konnte ich mich in der Frau so täuschen, wie blöd bin ich denn? Ich wusste, dass ich, um meinen Zug zu bekommen, wieder mit der Rolltreppe zur Tiefebene fahren musste, dort waren sie. Etwa eine halbe Stunde lang drückte ich mich in der Nähe der Wachleute herum, dann ging ich los. Ich ging so rasch, wie es möglich ist, ohne zu rennen, mit den Augen auf dem Boden vor mir, und versuchte, mit keinem Menschen Blickkontakt aufzunehmen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels. Vor Kurzem ist sein neuer Kolumnenband "Nettsein ist auch keine Lösung" im C. Bertelsmann Verlag erschienen

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Kommentare

93 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

hier geht es eher darum, dass sich aus solchen situationen ein generelles misstrauen gegenüber angehörigen des kulturkreises ergibt, von denen man reingelegt wurde. das ist traurig und ungerecht allen unbescholtenen leuten gegenüber, aber es ist auch menschlich. seit meine mutter mit mit einem bettlertrick von mutmaßlich roma um ihr gesamtes portemonnaie gebracht wurde, hat man halt vorurteile im kopf, ob man will oder nicht. die ausführenden kriminellen haben damit sich und ihresgleichen keinen besonderen dienst erwiesen.

Von Ihrer Naivität einmal ganz abgesehen - da ruft eine Frau lautstark um Hilfe, weil sie belästigt wird, und dann kommen einzig und allein drei Nordafrikaner? Kein einziger der Einheimischen, die sich sonst so über die Vorfälle der Sylvesternacht in Köln in Rage reden können? Es war ja keine weiße Frau?

Und deshalb haben alle außer Ihnen schon aus der Entfernung gemerkt, dass das nur ein Trick sein kann?

Lieber Harald Martenstein,

zunächst: Herzlich willkommen in der alten Heimat Rhein-Main. Sorry for the inconvenience!
Der Hauptbahnhof schien in den letzten Jahren fast befriedet, jetzt ist er wieder bevölkert von merkwürdigen jungen Leuten, übrigens auch deutscher Herkunft, die von gutsituiert wirkenden Personen seltsam hohe Beträge ("Ich brauche dringend 5 Euro zum Telefonieren!") verlangen. Ein neuer Klassiker (am neuerdings auch betroffenem Frankfurte Flughafen): "'Hey, ich komme gerade aus Kathmandu zurück und habe jetzt kein Geld mehr nach Bamberg/München(Schwäbisch Gmünd nach Hause zu fahren ..." Aus Gewohnheit (Deutsche sind ja für alles irgendwie verantwortlich) greift man sofort in die Tasche. Danke für den Hintergrundbericht.